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Kinder- und Jugendstudie KiGGS: "Da muss eine Warnleuchte angehen"

Wie gesund sind Deutschlands Kinder? Diese Frage beantwortet nun die KiGGS-Studie, für die Forscher fast 18.000 Kinder untersucht haben. Das alarmierende Ergebnis: Sozial benachteiligten Kindern geht es schlechter als denen aus höheren Schichten.

Von Ingrid Eißele

Bärbel-Maria Kurth, Leiterin der Kinder- und Jugendstudie KiGGS, kann sich einen dringenden Rat an die Politik nicht verkneifen. "Kümmert Euch um die Hauptschulen!" sagt sie im Gespräch mit stern.de. Denn die größte wissenschaftliche Untersuchung zur Kindergesundheit, die es je in Deutschland gab, belegt: Die wachsenden sozialen Unterschiede in Deutschland zeigen sich nicht nur bei Einkommen und Bildung, sondern auch beim Gesundheitszustand. Kinder, die sozial benachteiligt sind, zahlen dafür mit ihrer Gesundheit. Ob Rauchen, Übergewicht, Essstörungen, Verhaltensauffälligkeiten oder Unfälle - ihr Risiko liegt teilweise dreifach höher als das von Kindern aus der Mittel- und Oberschicht.

Drei Jahre lang hatten sich die Wissenschaftler des staatlichen Robert-Koch-Instituts in Berlin Zeit genommen, um herauszufinden, wie es Kindern in Deutschland geht. Für den Kinder- und Jugendgesundheitssurvey KiGGS, dessen Ergebnisse am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurden, untersuchten sie fast 18.000 Kinder und Jugendliche in 167 Städten und Gemeinden - vom Neugeborenen bis zum 17-jährigen Schüler.

Sie wogen sie und maßen Größe und Hüftumfang, sie nahmen ihnen Blut ab und ermittelten den Jodgehalt im Urin, sie ließen ihre größeren Probanden Fahrrad fahren und Liegestütze machen, testeten ihre Reaktionsfähigkeit und fragten sie nach Zähneputzen und Fernsehkonsum, nach Ängsten und ersten Zeichen sexueller Reife.

Die "europaweit größte Kinderstudie", so Studienleiterin Kurth, schafft erstmals eine breite Datenbasis zum Gesundheitszustand von mehr als 14 Millionen Kindern und Jugendlichen - der Erwachsenengeneration von morgen.

Nur bei Allergien stehen sozial Benachteiligte besser da

Auf den ersten Blick geht es dieser Generation gar nicht so schlecht. 85 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen schätzen ihren Gesundheitszustand als gut oder sogar sehr gut ein, nur 0,6 Prozent als schlecht. Erfreulich auch, dass die Umweltbelastungen abgenommen haben. Es fanden sich nur noch selten Spuren von Arsen, Blei, Quecksilber oder anderen Giftstoffen im Urin der Probanden. Das zeige den "Erfolg umweltpolitischer Maßnahmen", lobt das Forscherteam des Robert-Koch-Instituts.

Der größere Teil der Studie, die das Bundesgesundheitsministerium und das Bundesforschungsministerium in Auftrag gaben, ist alarmierend: "Kindern aus sozial benachteiligten Familien geht es auf allen Gebieten schlechter als Kinder aus höheren Schichten", sagt Bärbel-Maria Kurth. "Mit einer Ausnahme: den Allergien." Das lasse sich auch an den Schularten festmachen, in die diese Kinder vorwiegend gehen: Hauptschüler rauchten fünfmal häufiger als Gymnasiasten. Unterprivilegierte Kinder leiden doppelt so oft an Essstörungen wie Kinder aus besser gestellten Kreisen und zeigen dreimal häufiger Anzeichen für Verhaltensstörungen.

Als Risikofaktoren gelten neben beengten Wohnverhältnissen und niedrigem Einkommen vor allem ein konfliktträchtiges Familienklima mit häufigem Zoff der Ehepartner, psychische Erkrankungen und viele Geschwister, also mangelnde Zeit fürs einzelne Kind.

Alkohol ist Droge Nummer eins der Jugend in Deutschland

Das bedeutet allerdings keineswegs Entwarnung für die Mittelschicht. Beim Alkohol- und Haschischkonsum beispielsweise gibt es kaum noch Unterschiede zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten. Alkohol, bestätigen die Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts, ist Droge Nummer eins der Jugend in Deutschland: Acht Prozent der dreizehnjährigen Jungen greifen mindestens einmal pro Woche zum Glas. Bei den Siebzehnjährigen sind es schon zwei Drittel. Auch die Mädchen sind gut dabei - jede zehnte 14- bis 17-Jährige kippt mindestens einmal pro Woche hochprozentigen Alkohol. Mit Haschisch haben im Alter von 17 Jahren jeder vierte Junge und jedes siebte Mädchen Erfahrung.

Fast 96 Prozent der Elf- bis 17-Jährigen hocken täglich vor dem Bildschirm. Besonders ausdauernd sind Jungs zwischen 14 und 17 Jahren: Vierzig Prozent von ihnen bringen es auf fünf Stunden täglich vor dem Fernseher, am Computer oder der Spielkonsole. Mädchen telefonieren lieber - jede Sechste drei Stunden täglich!

KiGGS belegt, dass es einen Zusammenhang zwischen Fernsehen und Fettsucht gibt: 11,5 Prozent der Kinder, die drei und mehr Stunden vor der Glotze oder am Computer sitzen, sind adipös, zu deutsch: fettleibig.

Schwere Hypothek fürs Erwachsenenleben

Laut KiGGS bringen fast zwei Millionen Jungen und Mädchen zu viel auf die Waage - fünfzig Prozent mehr als in den Neunzigerjahren. Der Anteil der krankhaft fettleibigen Jugendlichen hat sich sogar verdreifacht. Schon im Kindergarten ist fast jedes zehnte Kind zu dick. Von den Sieben- bis Zehnjährigen haben dann etwa 15 Prozent zu viel Fett auf den Rippen, bei den 11- bis 13-Jährigen sogar mehr als 18 Prozent. In Ostdeutschland genauso wie in Westdeutschland.

Zu dick und zu träge, das sind die offensichtlichsten Erkenntnisse der Forscher, die Kinder als Hypothek in ihr Erwachsenenleben mitnehmen. Anlass zur Sorge ist aber auch eine grundsätzliche Trendwende bei den Störungen in jungen Jahren: Litten Kinder früher eher unter akuten, somit eher kurzen Krankheiten, gebe es heute die Tendenz zu chronischen Leiden, vor allem zu psychischen Störungen - die Wissenschaftler sprechen von einer "neuen Morbidität".

Aggressionen, Ängste, Depressionen

Bei 15 Prozent aller Kinder gebe es Hinweise auf "psychische Auffälligkeiten". Unter sieben- bis zehnjährigen Jungs ist sogar jedes fünfte Kind betroffen. In jeder Grundschulklasse, das belegt die ergänzende Bella-Studie, sitzen demnach im Schnitt fünf Kinder, die aggressiv sind oder bei denen der Verdacht auf Ängste oder Depressionen besteht. Bei jedem zehnten Jungen gibt es den Verdacht auf Hyperaktivität. Seelische Probleme werden besonders bei Kindern aus Problemfamilien oft nicht behandelt und deshalb bis ins Erwachsenenalter geschleppt.

Düstere Aussichten für Millionen von Kindern also? "Keinesfalls", betont KiGGS-Leiterin Bärbel-Maria Kurth. "Längst nicht jedes Kind, bei dem wir Risikofaktoren finden, ist krank."

Familien brauchen Hilfe - von Städteplanern und Politikern

Warum werden manche Kinder krank oder übergewichtig - und andere, die unter denselben Bedingungen leben, bleiben gesund? "Resilienzforschung" nennt die Wissenschaft diesen noch relativ jungen Zweig. Gemeint ist damit die Widerstandsfähigkeit von Kindern, eine Art unsichtbare zweite Haut, die vor allem Eltern ihren Kindern überziehen können. Je mehr solcher Schutzfaktoren ein Kind hat, desto besser. Als förderlich gilt beispielsweise ein großes soziales Netz - Freunde, Verwandte und Nachbarn, die die Familie unterstützen, aber auch alltägliche Verhaltensregeln. Zum Beispiel, dass Kinder mindestens eine Stunde pro Tag richtig aus der Puste kommen sollen.

Heißt das, die Familie soll es mal wieder richten? "Familien können im Alltag enorm viel bewirken, aber sie schaffen es nicht allein", stellt Wissenschaftlerin Kurth klar. Gefragt seien zum Beispiel auch Städteplaner, die Viertel planen, in denen Kinder spielen und toben können. Angesichts der Ergebnisse müsse bei Politikern "eine Warnleuchte angehen", hofft Kurth. Denn "noch kann man vieles aufhalten".

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