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Krebstherapie: Scharlatane versprechen Heilung

Die Erfolge in der Krebstherapie wirken bescheiden. Doch mit Hilfe neuer Medikamente und Methoden könnte aus der tödlichen Krankheit eine chronische werden, sagt der Biotech-Pionier Axel Ullrich.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Professor Ullrich: Sutent, Ihr Medikament gegen Nierenkrebs und bestimmte Arten von Magen- und Darmtumoren, ist kürzlich EU-weit zugelassen worden. Und Herceptin, ebenfalls eine Entwicklung von Ihnen, hilft schon länger vielen Frauen gegen Brustkrebs. Erfolge, die nicht selbstverständlich sind ...

... für einen Grundlagenforscher: stimmt. Für mich ist da ein Traum wahr geworden!

Ihre Medikamente sind im Vergleich zur klassischen Chemotherapie nebenwirkungsärmer und doch wirksam gegen Krebs. Wie entwickelt man solche Substanzen?

Eigentlich, indem man ein Medikament schafft, das ganz spezifisch gegen nur einen Angriffspunkt des Krebses wirkt. Denn je weniger Punkte ein Mittel angreift, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass es auch in Bereiche eingreift, die für die normalen Körperabläufe notwendig sind. Und desto niedriger ist damit die Gefahr von Nebenwirkungen.

Ein Erfolgsrezept von Sutent ist aber, dass es gegen gleich mehrere Ziele an der Tumorzelle wirkt.

Genau. Eine Eigenschaft, die wir eigentlich vermeiden wollten, weil damit eben auch die Gefahr von Nebenwirkungen wächst. Wir wurden aber quasi zum Erfolg gezwungen. Denn der Vorläufer von Sutent war in Tests zwar spezifisch, aber nicht sehr wirksam.

Also machten Sie aus der Not eine Tugend.

Ja. Es stellte sich heraus, dass Sutent ein sogenanntes Multi-Targeted-Medikament war, das den Krebs an mehreren Stellen gleichzeitig angreift und damit auch wirksamer ist. Und das ist auch der Grund dafür, dass Tumoren schrumpfen oder bei manchen Nierenkrebspatienten praktisch abgetötet werden. Die entscheidende Erkenntnis war: Man kann eine ganze Reihe von wichtigen Abläufen beim Tumorwachstum blockieren, ohne ernsthafte Nebenwirkungen zu verursachen.

Ist das eine neue Strategie: Nicht den Tumor ganz spezifisch anzugreifen an einem Punkt, sondern auf breiter Front?

Genau. Von dieser Art Therapeutika gibt es zurzeit nur wenige andere. Die Entwicklung ist ähnlich wie die bei den Antibiotika. Da gab es auch erst nur Penicillin, das spezifisch nur gegen ganz bestimmte Bakterien wirkte. Dann wurden immer neue Antibiotika gefunden, die gegen andere Keime wirkten, und dann kamen Breitbandantibiotika, die gegen sehr viele Bakterien wirken.

Wie lange hat es gedauert von der Idee bis zur Zulassung von Herceptin und Sutent?

Bei beiden 13 Jahre.

Ist eine so lange Zeit typisch für die Entwicklung eines Krebsmedikaments?

Nein, es ist zu lang. Sowohl bei Herceptin als auch bei Sutent gab es Einflüsse, die die Entwicklung verlangsamt haben. Bei Herceptin hat das Management der entwickelnden Pharmafirma Genentech das Projekt zuerst nicht unterstützen wollen, das hat den Prozess um zwei bis drei Jahre verzögert. Bei Sutent waren es gleich mehrere Übernahmen durch Pharmafirmen. Das hat sicher auch zwei, drei Jahre gekostet. Unter anderen Umständen kann man solche Medikamente innerhalb von zehn Jahren entwickeln.

Was kostet es, Medikamente wie Herceptin oder Sutent auf den Markt zu bringen?

Die Entwicklung von Sutent hat inklusive der klinischen Tests an Probanden 800 Millionen bis eine Milliarde Dollar verschlungen.

Wie viele Substanzen müssen entwickelt werden, bis es eine bis zum Patienten schafft?

Nur etwa drei Prozent der Mittel, die an Probanden getestet werden, die es also schon ziemlich weit geschafft haben, kommen in die letzte Phase kurz vor der Zulassung. Und von denen schaffen es dann nur etwa zehn Prozent, tatsächlich zugelassen zu werden.

Wie ist denn Ihre persönliche Erfolgsquote etwa beim Herceptin?

Wir haben insgesamt neun Substanzen hergestellt. Eine davon, nämlich Herceptin, wurde zum Medikament entwickelt und ist jetzt auf dem Markt, die anderen acht wurden in die Schublade gelegt.

Sie klingen ein bisschen enttäuscht. So, als könnte unter den nicht genutzten Mitteln ein noch erfolgreiches sein.

Das kann durchaus sein. Ich habe auch viele Patente angemeldet, mehr als 80, und aus den meisten ist nichts geworden. Aus welchen Gründen auch immer. Allein durch die Firmenübernahme durch Pfizer sind mehr als 20 meiner Patente im Papierkorb gelandet. Und es kann sein, dass auch darunter potenziell wirksame Medikamente gewesen sind.

Warum hat Pfizer denn so viel verworfen?

Auch deswegen, weil sie diese Patente nicht selbst entwickelt haben. In so einem Fall gibt es in einer so großen Firma keinen, der sagt: "Ich arbeite jetzt an dem Projekt, das von außen kommt, und lasse dafür andere liegen." Das macht niemand.

Hat diese Zurückhaltung damit zu tun, dass sich mit solchen bereits angeschobenen Projekten niemand richtig profilieren kann?

Ja, man möchte sich am liebsten selbst herausstellen. Da dominieren egoistische Motive. Es gibt sehr viel Verlust im Prozess der Innovation. Auch bei Projekten, die eigentlich sehr viel Potenzial haben.

Welche neuen Therapieprinzipien haben denn Potenzial? Wie wird in der näheren Zukunft der Krebs bekämpft werden?

Ich bin der Überzeugung, dass die Kombination von Medikamenten mit verschiedenen Wirkprinzipien die Therapie der Zukunft ist. Die Ärzte werden lernen, welche Kombination sie für welchen Krebs einsetzen. Und: Wichtig ist auch die Stimulation des Immunsystems.

Zurzeit wird eher das Gegenteil gemacht: Die Chemotherapeutika, die man einsetzt, greifen auch das Immunsystem an.

Genau. Zwar wird der Krebs mit solchen Mitteln bekämpft, aber der Patient wird durch sie auch geschwächt. Die Chemotherapie fördert eventuell sogar noch existierende Minitumoren und Mikrometastasen. Davon werden wir hoffentlich wegkommen, hin zu einer Stärkung des Immunsystems. Es gibt einen tollen Ansatz, das Immunsystem mit kurzen Schnipseln der Erbsubstanz DNA von Bakterien zu reizen und somit zu stärken. Die Behandlung damit könnte dann eine Therapie mit vorhandenen Medikamenten unterstützen. Und dahin wird der Weg führen: Immuntherapien zusammen mit Kombinationstherapien.

Momentan sind die Erfolge in der Krebstherapie oft noch recht bescheiden, auch viele moderne Mittel verlängern das Leben statistisch nur um ein paar Monate.

Wenn eine Krankheit lebensbedrohend ist, ist man schon zufrieden mit einem kleinen Effekt. Deswegen werden manche Medikamente zugelassen, die im Durchschnitt die Lebenserwartung nur um wenige Wochen verlängern. Das ist minimal und kostet trotzdem sehr viel Geld. Bei einigen Patienten wirken moderne Medikamente auch gar nicht, sie werden aber trotzdem eingesetzt.

Kann man herausfinden, wer auf bestimmte Therapien anspricht?

Das ist eine weitere Herausforderung für die Zukunft: vorherzusagen, ob und wie ein Medikament bei einem Patienten wirken wird. Vielleicht werden das irgendwann einmal Computerprogramme können. Dann gäbe man ein paar Angaben in den Computer ein wie die Charakteristika des Tumors oder bestimmte Eigenschaften des Medikaments. Kurze Zeit später klingelt es, und unten kommt ein Zettel raus, auf dem steht, welches Medikament wirkt und welche Kombinationstherapie die effektivste ist.

Das hört sich nach ferner Zukunft an. Gibt es ein Ziel, das eher erreichbar ist?

Mit neuen Kombinationstherapien und einer Stärkung des Immunsystems die Lebenserwartung vieler Krebspatienten entscheidend zu verlängern. Und damit Krebs zu einer chronischen Krankheit zu machen wie Diabetes.

Sollten Wissenschaftler und Ärzte also gar nicht unbedingt als Ziel die Heilung ausgeben, sondern, Krebs in eine chronische Krankheit verwandeln zu wollen?

Das ist auf jeden Fall ehrlicher und realistischer.

Ehrlich sind längst nicht alle Therapeuten, wenn es um Krebs geht. Gerade hier gibt es viele Pfuscher und Betrüger. Und manchem Patienten und Arzt fällt es schwer, die zu erkennen. Haben Sie einen Tipp?

Ein allgemeines Rezept gibt es nicht. Aber die meisten, die Heilung versprechen, sind Scharlatane.

Interview: Jan Schweitzer / print

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