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Interview

25 Jahre DKMS: Kann eine Stammzellspende Leukämie heilen?

Blutkrebs – diese Diagnose trifft Betroffene meist wie ein Schlag. In den letzten Jahren hat die Leukämie-Therapie jedoch große Fortschritte gemacht. Der stern hat mit dem Laborchef der Deutschen Knochenmarkspenderdatei gesprochen – über Möglichkeiten, Chancen und auch Grenzen einer Therapie.

Von Thomas Ammann

Das Bild zeigt Blutproben im Kühlraum der Deutschen Knochenmarksspenderdatei.

Blutproben im Kühlraum der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS): Stammzellspenden können Leben retten

Herr Schetelig, wie gut kann man Leukämie heute behandeln?

Für manche Blutkrebs-Erkrankungen kann man sagen, dass wir sie weitgehend im Griff haben. Das trifft auf chronische Leukämien zu. Da gibt es eine Vielzahl von relativ gut verträglichen Behandlungen, mit denen man die Krankheit über Jahre oder Jahrzehnte so gut kontrollieren kann, dass sie für die Patienten, von Ausnahmen abgesehen, nicht zur Gefahr werden. Das sieht ganz anders aus für akute Leukämien. In den letzten Jahrzehnten haben wir zwar große Fortschritte gemacht, die größten Fortschritte haben aber die Kinder-Hämatologen gemacht, bei denen die Heilungsraten von 10 bis 20 Prozent vor dreißig Jahren inzwischen auf Werte in der Größenordnung von über 80 bis 90 Prozent angestiegen sind. In der Erwachsenenmedizin sind naturgemäß die Erfolge geringer, die Fortschritte kleiner, aber man kann die gleiche Tendenz erkennen. Auch für erwachsene Patienten haben sich die Ergebnisse in den letzten Jahren deutlich verbessert.

Woran liegt das?

Vor allem daran, dass ein erwachsener Mensch mehr Belastungen und Begleiterkrankungen mit sich trägt, und dass auch im Verlauf der Behandlung mehr Komplikationen eintreten können, die die Behandlung erschweren oder verändern. Zum anderen haben wir es mit einer etwas veränderten Biologie der Erkrankungen zu tun. Wenn man kindliche und erwachsene Formen von Leukämie vergleicht, findet man unterschiedliche genetische Veränderungen in den Leukämiezellen. Sie beeinflussen die Behandlung mit, so dass die Behandlung bei Erwachsenen schwieriger ist.

Sie haben hier in Dresden das DKMS Life Science Lab eingerichtet. Was ist der Zweck?

Die Kern-Technologie, die dahinter steckt, ist das Sequenzieren von Erbinformation. Dies erfolgt mit einer hohen Effizienz und Verlässlichkeit. Wir können Gensequenzen automatisiert lesen und vergleichen, die für Patienten und Spender typisch sind und die darüber entscheiden, ob ihre Gewebe einander abstoßen würden. Das ist eine Schlüsseltechnologie, mit der man unter anderem auch Früherkennungstests etablieren kann. Auch das ist ein Gedanke: Die DKMS kann diese Ressourcen zur Verfügung stellen, um Forschungsprojekte zu unterstützen. Oft stellt das Sequenzieren, also das Entschlüsseln bestimmter Abschnitte des Genoms, die entscheidende Ressource dar.

Wie wichtig ist die Datenbasis, die Sie hier zur Verfügung haben, für diese Art der Forschung?

Die ist in vielfacher Dimension entscheidend. Die DKMS hat als Spenderdatei Daten von Freiwilligen, die sich bereit erklärt haben, Stammzellen für den Fall zu spenden, dass ein Patient Stammzellen genau mit diesen Merkmalen braucht. Um das Zusammenpassen von Spender- und Empfängerzellen abschätzen zu können, muss man Gewebemerkmale typisieren. Das macht man, indem man die Gene entschlüsselt und damit bestimmt, welche Merkmale die Zellen des Spenders beziehungsweise des Patienten auszeichnen. Und dann müssen die Merkmale zusammengeführt werden. Man muss quasi schauen, dass Schlüssel und Schloss zusammenpassen. Dazu wird abgeglichen, ob in den Registern ein Spender mit den entsprechenden Merkmalen verzeichnet ist.

Zudem forschen Sie aber auch mit den Daten insgesamt.

Forschung ist wichtig, um die Erfolgsrate der Leukämiebehandlung zu verbessern. Man kann grundsätzlich zwischen verschiedenen Arten von Forschungsprojekten unterscheiden: Solche, bei denen man versucht, aus vorhandenen Daten Schlüsse zu ziehen und Hypothesen zu generieren. Manchmal setzt man diese Erkenntnisse bereits um, wenn man die Ergebnisse nicht durch weitere Studien absichern kann. Für die Forschung an vorhandenen Daten gibt es weniger aufwendige Genehmigungsverfahren und Regularien, aber selbstverständlich spielen die Sicherheit, die Verlässlichkeit und die Genauigkeit der Daten eine große Rolle, denn diese Daten sind hochsensibel.

Wie erfolgreich ist heute die Blutstammzellen-Behandlung bei Leukämie?

Es ist ein sehr gutes Verfahren, und alle bei der DKMS kennen Patienten, bei denen eine Stammzellen-Behandlung geradezu wundersame Heilungserfolge erzielt hat. Wundersam in dem Sinn, dass sie es den Patienten ermöglicht, praktisch ein normales Leben zu führen. Gleichwohl gibt es auch Patienten, bei denen Komplikationen dominieren, wo am Ende vielleicht sogar der Tod infolge von Komplikationen steht. Es ist eine Behandlung, bei der wir mit dem Erreichten noch lange nicht zufrieden sind, und deshalb arbeiten wir ständig an Ideen, die Behandlung zu verbessern. Die pharmazeutische Industrie hat in dem Bereich keine Interessen, und somit fehlen große industrielle Partner, um den Bereich fortzuentwickeln. Da ist die DKMS eine Organisation, die eine Ausnahmestellung einnimmt, weil sie die Sache der Stammzellen-Transplantation voranbringen möchte und auch bereit ist, zu investieren. Wir haben heute höhere Ansprüche. Heute versuchen wir Patienten zu heilen, bei denen wir vor fünf oder zehn Jahren noch kapituliert haben. Dennoch gibt es immer noch Bereiche, in denen wir noch erheblich besser werden müssen.

Und woran liegt das, dass Sie heute bessere Möglichkeiten haben?

Es gibt Verbesserungen auf allen Ebenen: in der Diagnostik, in der Behandlung von Infektionen, bei der Auswahl von Stammzell-Spendern, in der Absicherung von kritischen Phasen der Behandlung durch Antibiotika, durch Zellprodukte, die man geben kann, bis hin zur Betreuung von Patienten nach einer Transplantation. Das sind viele Elemente, die da zusammenkommen. Wenn man die großen Technologieschritte bezeichnen möchte: Hier ist die präzise Typisierung der individuellen Zellmerkmale sicher einer der größten Fortschritte, weil wir durch eine bessere Spenderauswahl, Komplikationen in Ausmaß und Häufigkeit verringern können.


Interview: Thomas Ammann
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