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Medikamente: Für Frauen falsch dosiert

Wie Medikamente wirken, wird überwiegend an Männern getestet. Zum Schaden von Patientinnen. Denn der weibliche Organismus reagiert oft ganz anders auf Arzneistoffe.

Von Kirsten Milhahn

Sind Männer und Frauen gleich? Viele Pharmaunternehmen in Deutschland handeln jedenfalls so, als gäbe es keinen Unterschied: Sie testen Medikamente in klinischen Studien häufig überwiegend an Männern. Bei der Erprobung von Lipidsenkern zum Beispiel, die das Blutfett reduzieren und so das Herzinfarktrisiko senken sollen, lag der Anteil weiblicher Testpersonen mitunter bei null, höchstens aber bei 25 Prozent. Schon die typische Versuchsmaus im Labor ist männlich. Unter anderem, weil die Fruchtbarkeitszyklen weiblicher Tiere mit ihren schwankenden Hormonspiegeln aufwendigere Testreihen erfordern.

Die Dosierung einer Arznei orientiert sich am Bedarf eines etwa 80 Kilogramm schweren Mannes. Die Durchschnittsfrau bringt nur circa 65 Kilogramm auf die Waage. Auch Stoffwechsel und Struktur des weiblichen Körpergewebes unterscheiden sich vom männlichen:
- Im Blut von Frauen zirkuliert viel Östrogen: Das Hormon beeinflusst bei verschiedenen Arzneistoffen die Wirkung.
- Wegen ihres im Schnitt höheren Körperfettanteils werden fettlösliche Substanzen bei Frauen leichter abgespeichert.
- Da der weibliche Verdauungstrakt langsamer arbeitet, verweilen einige Stoffe länger im Körper und wirken deshalb anhaltender.
- Unterschiede bei Enzymen sorgen dafür, dass bestimmte Arzneistoffe in der Leber von Frauen schneller abgebaut werden, andere hingegen langsamer.
- Vor allem bei älteren Frauen arbeiten die Nieren schlechter als bei gleichaltrigen Männern. Substanzen werden dann nicht so rasch ausgeschieden, wirken intensiver und länger.

Wir nennen die wichtigsten Mittel, bei denen Unterschiede bekannt sind.

ACE-Hemmer ...

... weiten enge Blutgefäße. Große Untersuchungen haben gezeigt, dass einige der Mittel Frauen geringere Heileffekte be¬scheren als Männern, aber deutlich mehr Nebenwirkungen wie Reizhusten oder Kopfschmerzen.

Acetylsalicylsäure

ASS beugt einem Herzinfarkt vor – bei Männern. Eine neue Studie ergab, dass Aspirin (Wirkstoff: ASS) Frauen unter 60 Jahren nicht vor einem ersten Herzinfarkt schützen kann – immerhin aber ihr Schlaganfallrisiko deutlich senkt.

Beta-Blocker

In der Leber von Frauen werden die Blutdrucksenker langsamer abgebaut. Deshalb wirken sie intensiver und verursachen stärkere Nebenwirkungen, etwa Müdigkeit, Schwindel oder kalte Hände und Füße bei Einnahme von Metoprolol.

Digitalis

Mehr als zwei Drittel der Komplikationen bei Einnahme der meist aus Fingerhut gewonnenen Herzmedizin gingen in einer Studie zulasten der Frauen, auch ihre Sterberate war deutlich höher.

Antiarrhythmika

Frauen reagieren auf die Mittel gegen Herzrhythmusstörungen stärker und erleiden heftigere Nebenwirkungen.

Diuretika

Die entwässernden Mittel, die auch zur Blutdrucksenkung eingesetzt werden, rufen bei Frauen stärkere Nebenwirkungen hervor. Mögliche Folge ist Natrium-und Kaliummangel, was zu schweren Herzrhythmusstörungen führen kann.

Acetylsalicylsäure (ASS)

Frauen benötigen viel weniger Aspirin als Männer, da ihr Körper das Schmerzmittel langsamer abbaut.

Ibuprofen und Paracetamol ...

... schlagen bei Frauen in der Regel schlechter an als bei Männern. Verhüten sie mit der Pille, wirken sie nur für kürzere Zeit. Sie deshalb in höherer Dosis zu nehmen ist nicht ratsam: Sie können dann die Nieren schädigen.

Morphine/Opiate

Bei Frauen bindet Morphin viel besser an den körpereigenen Opiatrezeptoren. Deshalb kann die Dosis leicht zu hoch ausfallen. Nebenwirkungen wie Bewusstseinsstörungen, Übelkeit und Erbrechen sind keine Seltenheit.

Allergiemittel

Die Wirkung von Antihistaminika hält bei Frauen nicht so lange an wie bei Männern. Über einen längeren Zeitraum angewendet, können Antiallergika zu Menstruationsstörungen führen, Mittel mit Kortison sogar zum Ausbleiben der Periode. Das Antihistaminikum Terfenadin kann bei Frauen häufiger als bei Männern Herzrhythmusstörungen verursachen und sollte deshalb möglichst niedrig dosiert werden.

Antidepressiva

Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wirken möglicherweise bei Frauen vor der Menopause intensiver als bei Männern.

Beruhigungsmittel

Wirkstoffe wie Diazepam, das im Valium steckt, Nitrazepam oder Oxazepam können sich im Fettgewebe anreichern. Das fällt bei Frauen mit ihrem höheren Körperfettanteil stärker in Gewicht. Die Substanzen schränken dann die Reaktionsfähigkeit mehr ein und machen schneller müde. Bei Frauen reicht oft die Hälfte bis drei Viertel der männergenormten Dosis.

Johanniskraut

Das pflanzliche Mittel kann die Wirkung der Antibabypille herabsetzen.

Malariamittel ...

... können bei Frauen stärkere Nebenwirkungen hervorrufen. Vor allem nach der Einnahme des Wirkstoffs Mefloquin halluzinieren Frauen häufiger als Männer.

Krebstherapie

5-Fluorouracil zählt zu den häufigsten Medikamenten, um bösartige Tumoren zu bekämpfen. Frauen beschert es ein höheres Risiko einer schweren Mundschleimhautentzündung während der Chemotherapie.

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