Neue Therapie Wenn Waschen zum Zwang wird


Stundenlang schrubbte sich Maria jeden Tag die Haut - sie leidet an einer Zwangserkrankung. Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung geht es wie ihr. Hilfe verspricht eine neue Therapie mit Hirnschrittmachern.

Stundenlang schrubbte sich Maria jeden Tag unter der Dusche gegen ihren Willen die Haut anfallartig und akribisch sauber. "Wenn ich auf der Toilette war, musste ich immer wieder meine Hände waschen, es hörte nie auf, ich hatte einen grässlichen Waschzwang", sagt die 36-Jährige. Schon als Kind brachen ihre Neurosen aus, die sie mit 18 Jahren nicht mehr verheimlichen konnte. "Dann kam die Psychiatrie, rein in die Klinik, raus in die Klinik, nichts hat mir geholfen." Als dritte Patientin in Deutschland wurde ihr in Köln ein Hirnschrittmacher gegen ihre Zwangserkrankung eingesetzt. "Es hat eine Weile gedauert, bis ich richtig eingestellt war, aber jetzt geht es mir blendend."

Der Einsatz von Hirnschrittmachern bei Patienten mit Zwangserkrankungen ist in Deutschland noch in der Erprobung. Prof. Volker Sturm, Direktor der Klinik für Stereotaxie und Funktionelle Neurochirurgie in Köln, betritt mit seiner Therapie bundesweit Neuland. "Bisher habe ich zehn Patienten einen Hirnschrittmacher eingesetzt und dabei wesentliche Verbesserungen erzielt", sagt Sturm.

Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung sind betroffen

Ein bis zwei Prozent der Bevölkerung leiden nach Experten-Angaben unter einer solchen Erkrankung mit teilweise qualvollen Ausprägungen. "Es handelt sich um eine grauenvolle Erkrankung, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist", betont der Neurochirurg. Einige kratzen sich blutig, andere werfen ihrem Gegenüber zwanghaft Schimpfworte an den Kopf oder kontrollieren neurotisch immer wieder den ausgeschalteten Herd und die verschlossene Tür.

Sturm hat jetzt gemeinsam mit der Psychiatrie der Universität Köln eine neue Studie gestartet. "Wir wollen damit belegen, dass dies ein hochwirksames Verfahren ohne jede Nebenwirkung für Zwangserkrankte ist." Bis Anfang 2005 könne die Effizienz dieser Methode genau nachgewiesen werden, hofft Sturm.

Neue Studie mit 20 Patienten

In Köln setzt er dazu in den kommenden Wochen rund 20 Patienten, die bisher als hoffnungslose Fälle galten, den Hirnschrittmacher ein. Die Patienten werden in zwei Gruppen unterteilt und je drei Monate lang ohne ihr Wissen mit leichten elektrischen Stromstößen stimuliert.

Bisher sind Sturms Erfahrungen - nach insgesamt vier Jahren OP-Praxis auf dem Spezialgebiet - positiv. "Es kann aber bis zu einem Jahr dauern, bis sich die volle Wirkung entfaltet." Bei Parkinson-Patienten werden die Hirnschrittmacher seit Mitte der 90er Jahre mit großem Erfolg eingesetzt. Die meisten der bisher rund 500 Operationen nahm Sturm vor, der eine Erfolgsquote von 90 Prozent nennt.

Aufwändige Operation

Die Operation ist hoch kompliziert: "Winzige Elektroden werden computergesteuert und im Voraus millimetergenau berechnet auf dem sichersten Weg ins Kerngebiet des Hirns geschoben", erklärt der Experte. Zugleich wird auf dem Brustmuskel ein Neurostimulator implantiert. Von dort aus werden Kabel unter der Haut hinter dem Ohr entlang geführt und mit den Hirn-Elektroden verbunden. "Wir können dann mit ganz schwachen Stromstößen, aber extrem hoher Frequenz elektrisch reizen und so die Funktion überaktiv-störender Zellen ausschalten, ohne sie zu zerstören." Patientin Maria betont: "Der Stimulator war zuerst ein Fremdkörper, aber ich habe mich voll an ihn gewöhnt, und er stört nicht."

In Deutschland hat Sturm den einzigen Lehrstuhl für Stereotaxie inne und ist auch der einzige, der die Hirnschrittmacher für Angst- und Zwangspatienten einsetzt. In den USA wenden diese Methode aber bereits vier Kliniken an, eine weitere arbeitet in Belgien damit, die Niederlande wollen folgen, wie Sturm erklärt. Kritiker bezweifeln, ob Hirnchirurgie das richtige Mittel ist, um psychische Störungen zu therapieren.

Mehr Stereotaxie-Zentren gefordert

Sturm plädiert dagegen für die Einrichtung eines Stereotaxie-Zentrums in jedem großen Bundesland. Seine Klinik ist nach einer Riesen-Finanzspritze des Landes NRW zu einem weltweit führenden Zentrum mit modernsten Operationssälen geworden. "Wir brauchen mehr dieser Zentren, das sollte uns wirklich am Herzen liegen, denn die Betroffenen gehen durch die Hölle." Die meisten verdeckten ihre Erkrankung aber möglichst lange aus Scham.

Von den betroffenen Fällen könnten 80 Prozent über Psychotherapie und Medikamente geheilt oder gebessert werden, sagt Sturm. "Die anderen 20 Prozent sind ganz schlimm dran, denen hilft nichts, sie sind stundenlang mit ihren Zwangsritualen beschäftigt, können ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen und leiden so sehr, dass sich jeder 6. das Leben nimmt."

Yuriko Wahl, DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker