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Online-Beratung bei Essstörungen: Macht meine Tochter nur eine Diät - oder ist sie schon magersüchtig?

Wo endet normales Essverhalten, wo beginnt eine Essstörung? Die Übergänge sind meist fließend. Eine neue Online-Beratungsstelle hilft den Angehörigen Betroffener dabei, frühzeitig richtige Entscheidungen zu treffen.

Von Ilona Kriesl

Ein dünnes Mädchen sitzt vor einem Teller Brot

"Ich hab keinen Hunger". Normales Teenie-Verhalten oder Grund zur Sorge? In einer kostenlosen Online-Beratung können sich Angehörige informieren.

Essstörungen verursachen enormen Leidensdruck - den Betroffenen selbst, aber auch jenen, die ihnen nahestehen: Verwandten, Partnern, Geschwistern und Eltern. Wenn die Seele brennt, versuchen Angehörige meist, allein mit der Situation zurechtzukommen. Sie quälen sich über Monate mit Ängsten und Sorgen, googeln nach Symptomen, nach Beratungsstellen, nach einem Strohhalm, nach dem sie greifen können. Doch tätig werden die wenigsten. Aus Scham. "Das Thema Essstörung ist leider immer noch ein Tabu", sagt die Psychologin Saskia Pfähler. "Und Schuldgefühle führen dazu, dass man mit dem Thema alleine bleibt." 

Eine bundesweit kostenlose Online-Beratung will das ändern. Dahinter steht das Hamburger Fachzentrum für Essstörungen "Waage e.V.". Die Einrichtung kümmert sich bereits seit 25 Jahren um essgestörte Mädchen und Jungen, Männer und Frauen. Pfähler selbst leitet das neue Online-Portal mit dem Namen Tischgespräche. Angehörige Betroffener können sich via Email oder Chat bei den Experten melden und drängende Fragen loswerden: Was können wir in dieser Situation tun? Braucht unsere Tochter oder unser Sohn professionelle Hilfe? Oder sollen wir abwarten, bis sich die Situation von alleine bessert? Der Online-Kontakt kostet nichts und ist auf Wunsch anonym. Die Hemmschwelle für einen Erstkontakt soll so niedrig wie möglich sein. 

Je früher Angehörige fragen, umso besser

Die Eltern, die Psychologin Saskia Pfähler schreiben, fürchten sich meist. Sie fürchten, etwas falsch zu machen. Und sie sind unsicher, wie sie damit umgehen sollen, dass ihr Sohn oder ihre Tochter hungert, erbricht oder Essen schier wahllos in sich hineinstopft. Oft sind es auch junge Teenies, die sich an Pfähler wenden, weil sie sich um eine Freundin sorgen.

 

"Bei diesem Thema gibt es keine falschen Fragen, die es nicht wert sind, gestellt zu werden", sagt Pfähler. Und: "Je früher Angehörige diese Fragen loswerden, umso besser." Der Kontakt mit den Experten schafft eine erste Orientierung, er entlastet, ordnet Symptome ein, hilft, die Krankheit zu verstehen und richtige Entscheidungen zu treffen - etwa ob es sinnvoll ist, eine Therapie zu beginnen. Gleichzeitig beraten die Experten bei Alltagsfragen: Wann ist es wichtig, die Tochter oder Freundin zu unterstützen? Wann sind die eigenen Grenzen erreicht?

 Eine Behandlung im eigentlichen Sinne ist das nicht; der Kontakt mit den Experten ersetzt diese auch nicht. Doch die Beratung kann dabei helfen, zwischen krankhaftem und normalem Essverhalten zu unterscheiden. Nicht hinter jeder Auffälligkeit muss zwangsläufig eine Essstörung stecken. Jugendliche etwa verweigern gemeinsame Mahlzeiten am Esstisch oft, um sich von den Eltern abzugrenzen - getreu dem Motto: Ich komme gut allein zurecht, ich brauche eure Hilfe nicht.

 Kritisch ist dagegen, wenn Mädchen und Jungen nicht mehr lustvoll essen, sich stark mit ihrer Figur beschäftigen oder rasch an Gewicht verlieren. Dann ist es wichtig, die eigenen Sorgen und Ängste anzusprechen, nachzufragen - und dabei gefühlvoll vorzugehen. Harsche Vorwürfe sind nicht angebracht. Sie führen vielmehr dazu, dass sich die Betroffenen zurückziehen und abkapseln.

"Oft hilft es, sich klarzumachen, dass Betroffene nicht ohne Grund hungern. Eine Essstörung ist immer ein Ventil, um mit der eigenen Seelennot umzugehen", so Pfähler. "Außerdem sollten Angehörige die Intimsphäre und Eigenverantwortung Betroffener respektieren und gleichzeitig die eigenen Belastungen aufzeigen." Sich Hilfe zu holen, ist dabei ein wichtiger Schritt. "Eine Essstörung ist eine Krankheit, mit der niemand allein bleiben sollte."

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