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Pflege-Petition - für eine Pflege in Würde "Häufig kommt es zu Verwechslungen von Patienten oder Medikamenten"

Dr. Ruth Hecker vom Aktionsbündnis Patientensicherheit
"Medizin geht ohne qualifizierte Pflege nicht", sagt Ruth Hecker, Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS)
© Helen Carine Hecker/ Roman Valiev / Getty Images
Pflegekräfte sollen Patienten und Heimbewohner bestmöglich versorgen – doch haben dafür kaum Zeit, weil es oft an Personal fehlt. Im Interview erklärt Ruth Hecker, Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS), welche fatalen Folgen das in Kliniken und Pflegeheimen haben kann.

Welche Rolle spielt der Pflegekräftemangel für die Patientensicherheit in Krankenhäusern und Pflegeheimen?

Eine sehr große Rolle. Die ganze Krankenbeobachtung steht ja unter der Obhut der Pflegekräfte. Während sie am Patienten arbeiten, erfahren sie Wesentliches: Wie geht es Ihnen? Haben Sie Schmerzen? Fieber? Wie steht es um die Nahrungsaufnahme? Sind zu wenige Pflegekräfte da, wird schnell übersehen, wenn es Patienten schlechter geht. Und je größer der Zeitdruck, desto mehr Fehler passieren natürlich.

Welche Fehler vor allem?

Zum Beispiel werden Hygienemaßnahmen vernachlässigt. Wenn sich eine gehetzte Pflegekraft vor dem Verbandswechsel die Hände nicht gründlich desinfiziert, gelangen Keime in die Wunde eines Patienten. Häufig kommt es auch zu Verwechslungen von Patienten oder Medikamenten. An Krankenhäusern stellt meist der Nachtdienst die Tabletten und Infusionen. Wenn die Pflegekraft allein ist wie in Deutschland üblich, und es kommen Telefonanrufe oder Neuaufnahmen dazwischen, wird sie immer wieder aus dem Arbeitsprozess herausgerissen. Dann passieren Fehler, die schwere Folgen haben können.

Gibt es Schätzungen, wie viele Menschen jährlich durch Pflegefehler sterben?

Das kann man nicht seriös schätzen, weil bei vermeidbaren Todesfällen immer viele Faktoren zusammenspielen. Aber laut einer OECD-Studie sind 15 Prozent der Krankenhauskosten auf vermeidbare Fehler zurückzuführen. Und da sind die Nachfolgekosten nicht einberechnet, die entstehen, wenn jemand sein Leben nicht mehr führen kann wie zuvor und mehr Geld kostet, weil er weitere Behandlungen und Rehamaßnahmen braucht.

Gar keine konkreten Zahlen?

Für Deutschland wissen wir zum Beispiel, dass jedes Jahr 20.000 Patienten an einer Blutvergiftung sterben, die man unter anderem durch Hygienevorkehrungen vermeiden könnte.

Also dann mehrere zehntausend vermeidbare Todesfälle, außerdem viele, die schwere gesundheitliche Folgen davontragen?

Nochmal: Wenn ich Zahlen in die Welt setze, die nicht belastbar sind, würde mir Effekthascherei vorgeworfen. Ich argumentiere lieber mit einem Vergleich: Jedes Jahr regen sich alle darüber auf, wenn es wieder 3000 Verkehrstote gab. Aber über vermeidbare Todesfälle aufgrund von Versorgungsmängeln oder dem Pflegenotstand redet kein Mensch. Man muss die Personalsituation nur mal mit der Flugsicherheit vergleichen. Ein Flugzeug fliegt nicht ohne den Chef-Steward. Falls der krank wird, steht immer einer als Reserve bereit. Bei den Pflegekräften gibt es solche Reserven nicht mehr.

Warum ist das so?

Die Krankenhäuser stehen unter einem enormen wirtschaftlichen Druck, weil die Länder sich herausgezogen haben aus den Kosten für Anschaffungen und die Instandhaltung der Krankenhäuser. Deshalb sparen die Geschäftsführer an den Personalkosten. Die Ärzte sind als Interessengruppe gut organisiert, sie erwirtschaften den Gewinn, und so wurden für sie sogar noch Stellen aufgebaut. Pflegekräfte haben keine starke Lobby, sie haben sich nicht gut positioniert, auch deshalb wurde an ihnen gespart wo immer möglich.

Was muss jetzt passieren?

Wir brauchen eine neue Sicherheitskultur in den Krankenhäusern und in den Heimen. Pflegekräfte müssen das Recht haben, sicher arbeiten zu können. Sich sicher sein zu dürfen, dass sie auch angemessene Zeitfenster für ihre Maßnahmen haben. Nur so kommt ihr erlerntes Wissen bei den Patienten an und sorgt für die erforderliche Patientensicherheit.

Das geht aber nur mit mehr Personal…

Deshalb wurden ja auch in bestimmten Fachbereichen "Personaluntergrenzen" eingeführt. Aber die entfalten bislang nur wenig Wirkung. Anstatt das Personal grundsätzlich aufzustocken, werden Pflegekräfte oft nur dorthin verschoben, wo diese Untergrenzen gelten. Wenn es in einem Krankenhaus nicht ausreichend Pflegekräfte gibt, dann muss man halt Stationen schließen und Betten sperren.

Das Grundproblem ist doch, dass es am Arbeitsmarkt gar nicht genug Pflegekräfte gibt. Stattdessen denken viele jetzt mitten in der Pandemie an Kündigung….

In den vergangenen Jahren ist viel Vertrauen verloren gegangen, das zurückgewonnen werden muss. Deshalb ist die Petition des stern so wichtig. Wenn Politiker heute sagen, Pflege muss besser bezahlt werden, dann darf nicht in einem halben Jahr wieder hin und hergehampelt werden. Denn Medizin geht ohne qualifizierte Pflege nicht, Arzt geht ohne Pflege nicht. Deshalb unterstützen wir als Aktionsbündnis Patientensicherheit diese Petition.

Über die Aktion:

Es geht um Ihre Kinder, Eltern und Großeltern, um unser aller Zukunft. Wir brauchen gute Pflege. Früher oder später. Deutschland altert schnell, und immer mehr Menschen sind im Alltag auf professionelle Pflege angewiesen. Doch in den Krankenhäusern, Heimen und bei den ambulanten Diensten herrscht ein enormer Pflegenotstand. Überall fehlen Pflegekräfte, weil die Arbeitsbedingungen schwer zumutbar sind und das Gehalt zu niedrig. Wir alle sind davon akut bedroht: Pflegekräftemangel führt zu schwereren Krankheitsverläufen, mehr Komplikationen und Todesfällen. Unsere Politiker:innen finden seit zwei Jahrzehnten keine wirksame Gegenmaßnahme. Es braucht einen ganz großen Wurf, um den Pflegekollaps noch aufzuhalten. Unser Umgang mit dem Thema Pflege entscheidet darüber, wie menschlich unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert bleibt.

Hier können Sie die Pflege-Petition online mitzeichnen.


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