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Prothesen: Dank Hightech wieder zupacken

Außen täuschend echt, innen Hightech: Dank neuartiger Handprothesen können Amputierte wieder Getränkekisten tragen und radfahren - und auch die gefürchteten Phantomschmerzen gehören der Vergangenheit an.

Paul Richardsons rechte Hand sieht aus wie jede andere auch: Kleine Fältchen lassen sich darauf erkennen, Äderchen, Knöchel, Farbwechsel. Der 36 Jahre alte Verwaltungsangestellte kann damit greifen, heben, zupacken. Und doch ist Paul Richardsons rechte Hand absolut erstaunlich: Sie ist eine Prothese - meisterlich hergestellt und im Inneren mit Hightech ausgestattet.

Richardson war 17, als er während eines Ferienjobs mit der Hand in einen Reißwolf für Textilien geriet. Ein schlimmer Unfall, natürlich. "Aber ich komme aus einer großen Familie mit acht Geschwistern. Wir waren es gewöhnt, dass ständig etwas passiert." Diese pragmatische Lebenseinstellung half ihm direkt nach dem Unfall, mit der neuen Situation fertig zu werden. Als er im Krankenhaus aufwachte, stand seine Familie um ihn herum und sah zu, wie er ausgehungert in ein Brötchen biss. "Weißt du überhaupt, was passiert ist?", fragten sie ihn fassungslos. "Ja", sagte er, "ich hab ja noch einen zweiten Arm."

Aussehen mindestens so wichtig wie Funktionalität

Trotzdem war die Umgewöhnung schwierig - nicht zuletzt, weil die Prothesentechnik noch längst nicht so weit fortgeschritten war wie heute. Bei seiner ersten mechanischen Prothese konnte die Hand nur greifen, indem der junge Mann die Schulter hochzog. "Nach oben greifen und etwas festhalten war nicht möglich", erklärt er.

Heute trägt Paul Richardson eine so genannte myoelektrische Armprothese: eine höchst komplexe elektronische Funktionshand, mit der er wieder zugreifen kann. Was ihm außerdem wichtig ist: Sie sieht täuschend echt aus. "Tatsächlich lege ich darauf fast größeren Wert als auf die Funktionalität. Ohne Prothese habe ich mich früher richtiggehend nackt gefühlt", sagt er.

Training mit der neuen Prothese - im grünen Schwaben

Bei NovaVis, einem Zentrum für Prothetik und Rehabilitation in Waldenbuch bei Stuttgart, lässt Richardson seine Prothesen fertigen. Geduldig sitzt dort eine junge Frau an einem täuschend echten Finger aus Silikon, passt den künstlichen Fingernagel ein und gibt dem Gliedmaß die richtige Farbe. Ein anderer Mitarbeiter hat einen ganzen Unterarm vor sich liegen.

Wenn sie wollen, können die Patienten bei der Herstellung ihres Armes zuschauen. Längst nicht jeder nimmt den Verlust eines Gliedmaßes so gefasst auf wie Paul Richardson. Das Zentrum für Prothetik liegt deshalb auf einem 22.000 Quadratmeter großen, alten Mühlengelände mitten im Grünen. Dort können die Patienten im Gästehaus wohnen, wenn sie von weit herkommen, und sie können vor Ort das Training mit der neuen Prothese beginnen.

In Deutschland sei diese Kombination einmalig, sagt Inhaber und Orthopädie-Techniker-Meister Wolfgang Gröpel. Meist stammten Prothesen von Sanitätshäusern mit Sitz in der Innenstadt oder im Industriegebiet. "Dabei kommt jedoch die Psyche zu kurz." Es sei nicht nur damit getan, Prothesen bedarfsgerecht zu bauen, sagt der Spezialist. "Man muss den Patienten begleiten."

Computer, Akkus und Motoren

Gröpel hat in seinem Beruf viel Leid gesehen. Eine junge Frau, die unter den Mähdrescher geraten ist. Einen russischen Jungen, der mit einer Fehlbildung zur Welt kam und dem daraufhin der Fuß amputiert wurde, statt ihn mit der Fehlbildung leben zu lassen. Dessen Eltern ihn zur Adoption freigaben, weil er behindert war. Wolfgang Gröpel hat in den vergangenen 15 Jahren mehrere tausend Armprothesen angepasst. Auch Beinprothesen, doch Armprothesen sind komplizierter.

Sie enthalten ein Innenleben aus einem individuell angefertigten Skelett aus Kunststoffen, an das vorgefertigte, winzig kleine Motoren und Akkus und Gelenke gebaut werden. Die Prothese wird später über Metallplättchen angesteuert, die genau an den Hautstellen aufliegen, an denen die Muskeln des Arms enden, die früher die Hand geöffnet und geschlossen haben. Ein integrierter Computer wertet die Signale des Menschen aus und gibt entsprechende Befehle weiter, so dass sich die Hand unterschiedlich stark und unterschiedlich schnell öffnen und schließen lässt.

Dank optimaler Passform sind Phantomschmerzen passé

Getränkekisten tragen, Kochtöpfe halten, Auto oder Fahrrad fahren - alles kein Problem, sobald die Prothese sitzt und der Patient den Umgang damit gelernt hat. Prothesen perfekt anzupassen hat neben ästhetischen und praktischen Gründen noch einen weiteren großen Vorteil. Wolfgang Gröpel glaubt, dass die gefürchteten Phantomschmerzen, unter denen viele Amputierte leiden, häufig von schlecht sitzenden Prothesen herrühren. "Neuartige Silikonschäfte, die optimal an den Stumpf angepasst werden, können diese Schmerzen lindern und in manchen Fällen sogar ganz verschwinden lassen."

Auch für Paul Richardson gehören Phantomschmerzen der Vergangenheit an. Und wenn er sich in die rechte Hand schneidet, tut es nur insofern weh, als dass die schöne äußere Prothesenhülle einen Schnitt davonträgt, der nicht mehr zuwächst. Dann landet die Prothese bei NovaVis auf der Werkbank und wird statt mit Pflaster mit Silikon verarztet.

Alexia Angelopoulou/AP / AP
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