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Seele & Sexualität: Stress

In brenzligen Situationen macht unser Körper mobil wie zu Urzeiten: Er rüstet uns für Flucht oder Kampf. Den Herausforderungen des modernen Alltags sind wir damit kaum gewachsen.

Auf 180: Ob Stop-and-Go oder stundenlanges Rasen - Autofahren hat ein erhebliches Stresspotenzial, dessen Auswirkungen täglich auf der Straße zu besichtigen sind

Auf 180: Ob Stop-and-Go oder stundenlanges Rasen - Autofahren hat ein erhebliches Stresspotenzial, dessen Auswirkungen täglich auf der Straße zu besichtigen sind

Ohne Stress wäre die Menschheit längst ausgestorben

Dass unsere Vorfahren vor Millionen von Jahren ständig mit wilden Tieren zu kämpfen hatten, merken wir dann, wenn der Chef mit hochrotem Kopf um die Ecke biegt. Sofort mobilisiert der Körper immense Kraft, sind wir bereit zur Verteidigung oder zur Flucht. Was da passiert, entzieht sich unserem Einfluss. Es ist ein Reflex, den die Evolution als überlebenswichtiges Programm in den Genen gespeichert hat. Früher waren es angriffslustige Mammuts oder Säbelzahntiger, die ihn auslösten, heute schafft das ein wutschnaubender Chef ebenso mühelos. Der Reflex heißt Stress.

Ohne ihn wäre die Menschheit längst ausgestorben. Zu allen Zeiten hat es Stress gegeben, und Menschen empfinden ihn überall auf der Welt, in den Städten der reichen Industriegesellschaften ebenso wie in den Dörfern der Entwicklungsländer. Bei jedem funktioniert der Überlebensreflex der Urväter, unabhängig von Alter, Herkunft, Bildung, Einkommen, und er steuert den Körper so effektiv wie vor Millionen Jahren.

Das Gehirn alarmiert mit Hilfe des "Corticotropin-Releasing-Hormons" das vegetative Nervensystem. Dadurch wird der viel zitierte "Adrenalinstoß" im Nebennierenmark ausgelöst und der Botenstoff Noradrenalin auf den Weg gebracht. Er lenkt die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen. Beide Substanzen sorgen binnen Sekunden für eine Mobilmachung des Körpers: Die Energiereserven Zucker und Fett werden geplündert, das Herz schlägt schneller und versorgt die Muskeln mit mehr Sauerstoff. Alle Kraft und Schnelligkeit, die wir haben - im Augenblick der Gefahr stehen sie zur Verfügung.

Entzündungshemmendes Cortisol wird in der Nebennierenrinde bereitgestellt, für den Fall, dass Blut fließt. Dessen Gerinnungsfähigkeit wird erhöht, das Schmerzempfinden betäubt. Der Organismus fährt alles herunter, was sonst noch viel Energie verbraucht: die Verdauung, das Wachstum, den Sexualtrieb. Seit Urzeiten läuft die klassische Stressreaktion nach demselben Muster ab:

1. Orientierung.

Im Unterholz knackt es, über den Flur ertönen laute Schritte. Wir wenden den Kopf und sehen Mammut/ Chef.

2. Aktivierung.

In Sekundenbruchteilen entscheidet das Gehirn, ob die Situation gefährlich ist. Wenn ja, schaltet der Körper auf Alarm, ist die Wahrnehmung fixiert auf die Bewältigung der Krise. Wir nehmen noch wahr, dass vor uns eine Keule auf dem Boden liegt, aber nicht mehr, dass der Maler gerade den Flur gestrichen hat.

3. Anpassung.

Während der Krise stellt der Körper die größtmögliche Energie bereit, ob für den Kampf oder für eine ausdauernde Flucht.

4. Erholung.

Ist der Gegner besiegt oder auf sichere Distanz gebracht, schaltet der Körper wieder auf Normalfunktion. Wir können uns ausruhen, Körper und Seele kommen ins Gleichgewicht.

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Wohin mit der Kraft und den Gefühlen?

In lebensbedrohlichen Situationen funktioniert dieses Muster immer noch optimal, wenn es etwa gilt, ein Kind vor dem Absturz von einer Klippe zu retten, oder wenn ein Einbrecher im Wohnzimmer wühlt - vorpreschen oder abhauen, das ist hier genau der richtige Reflex. Aber was tun, wenn gar keine Gefahr für Leib und Leben droht, sondern nur Ärger mit dem Chef? Den Signalen des Körpers gehorchend wäre ein kräftiger Boxhieb auf sein Kinn die perfekte Reaktion, um die angestaute Energie in eine zielgerichtete Aktion zu leiten. Oder, wenn der Vorgesetzte größer und stärker ist, der schnelle Sprint zum Ausgang. Danach käme eine kleine Verschnaufpause, und weiter ginge die Arbeit.

Die Folgen kann sich jeder ausmalen: fristlose Kündigung, Anzeige wegen Körperverletzung, finanzieller Ruin. Die Bewältigung der gefahrvollen Situation würde eine noch viel gewaltigere Krise heraufbeschwören - Stress macht noch mehr Stress.

Aber wohin mit der Kraft und den Gefühlen, die das alterprobte Muster uns macht? Herunterschlucken? Woanders ablassen? Wie sich im Moment des Adrenalinüberflusses und der Angst angemessen verhalten? Und wie mit den Folgen umgehen, wenn der Reflex doch zu heftig durchschlägt? Hier zeigt die Strategie ihre Schwachstelle: Die alltäglichen Herausforderungen haben sich gewandelt, die Bewältigungsmethoden nicht. Was uns im Überlebensprogramm fehlt, ist die Fähigkeit, Stress psychisch zu verarbeiten.

Der erste Teil des klassischen Ablaufs - Orientierung und Aktivierung - ist dabei weiterhin angemessen. Er hilft uns, alle Sinne und Kräfte auf den Streit mit dem Aggressor zu konzentrieren und die Attacke souverän abzuwehren. Im Idealfall sähe das so aus: Wir bewahren Haltung; überprüfen Vorwürfe blitzschnell auf ihre Stichhaltigkeit; formulieren ebenso schnell die im Ton passende Antwort; verlassen anschließend den Schauplatz des Kampfes sicheren Schritts, mit der klaren Botschaft an Kollegen und Vorgesetzte: Ich bin kompetent, ich war dieser Situation gewachsen. Und dann können wir uns die wohlverdiente Verschnaufpause gönnen.

Aber was, wenn das Donnerwetter zu wuchtig oder zu verletzend ausfällt, wenn unsere Antwort stockend und hilflos ist - und der Abgang vor aller Augen der eines geprügelten Hundes? Dann rast der Puls, die Hände sind schweißnass, eine eiserne Faust hält den Magen im Griff. Der Stress wütet. Die Gedanken fahren Karussell. An Ruhe ist nicht zu denken.

Zu 30 Prozent ist die Stressreaktion genetisch bedingt

Es hängt nicht nur von der äußeren Situation ab, wie wir reagieren, sondern auch von der individuellen Disposition. Warum kann der eine bei akutem Stress einen kühlen Kopf behalten - und der andere nicht? Warum haben die einen Spaß dabei, Herausforderungen zu bewältigen, warum empfinden andere diese dagegen als lähmenden Druck? Warum erleben die einen ihr Leben als besonders stressig, die anderen, die kaum weniger Probleme zu bewältigen haben, nicht?

Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Vererbung spielt eine Rolle, Studien zufolge werden etwa 30 Prozent der Stressreaktion eines Menschen von den Genen bestimmt. Schon bei der Geburt empfinden Babys unterschiedlich starken Stress. Das Geschlecht ist wichtig: Frauen haben häufig eine höhere Erregungsbereitschaft als Männer, sie empfinden Stress stärker. Und natürlich spielt die Prägung durch Eltern und Umwelt eine große Rolle. Bereits in den ersten Lebensmonaten lernt ein Mensch, gut oder schlecht mit Stress klarzukommen.

Die Stress auslösenden Faktoren, Stressoren genannt, sind beim Baby Hunger, Durst, Kälte, Hitze, Einsamkeit, Schmerzen, Reizüberflutung. Zwar ist es in der Lage, durch Weinen oder Brüllen einen Teil dieser Spannung wieder abzubauen, aber bei der Befriedigung seiner Bedürfnisse ist es auf andere angewiesen. Reagieren die Eltern stets auf das Schreien des Kindes, stillen seinen Hunger, massieren den schmerzenden Bauch und wärmen den kleinen Körper, entwickelt es ein Grundvertrauen: Probleme werden gelöst.

Dass intensiver Körperkontakt im Säuglingsalter einem Menschen sein Leben lang den Umgang mit Stress erleichtert, schließen Forscher aus Versuchen des kanadischen Neurobiologen Michael Meaney mit Rattenbabys. Der wies nach, dass Jungtiere, die von ihren Müttern ausgiebig abgeleckt und gekrault wurden, später Stress weit besser ertragen konnten als Tiere, um die sich die Mutter nicht so ausgiebig gekümmert hatte.

Schreit das Baby zumeist vergebens nach seinen Eltern, lernt es dabei nicht etwa, allein klarzukommen. Wie auch? Es kann ja nicht die Milch in die Flasche füllen und sich eigenständig seine Streicheleinheiten abholen. Stattdessen macht der Säugling erstmals mit einem Gefühl Bekanntschaft, das Psychologen "erlernte Hilflosigkeit" nennen.

Wenn ein Kind immer wieder von Eltern oder Lehrern überfordert wird, wenn man ihm Erfolgserlebnisse verweigert, dann verfestigt sich dieses Gefühl und sorgt dafür, dass der Mensch auf Stress nicht mit Kampfeslust reagiert, sondern mit Resignation, Verzweiflung und Wut. Das schafft schon im Schulalter veritable Probleme. Denn die Herausforderungen nehmen in diesem Alter weiter zu: Ärger mit Freunden, die Angst, die Eltern könnten sich trennen, Schwierigkeiten in der Schule, das Gefühl, nicht beliebt zu sein. Reagieren die Kinder auf die vielen Stressoren nicht angemessen, können die Folgen fatal sein: Schüler, die bei schwierigen Klassenarbeiten einfach den Füller fallen lassen, die, dem genetisch eingeprägten Muster folgend, aufspringen, ihre Zurechtweisung als Angriff verstehen und darauf mit Aggression oder gar Gewalt reagieren. Diese Kinder versagen beim Lernen, stellen sich abseits, werden zu Problemfällen. Spätestens nach der Grundschule wird nämlich der angemessene Umgang mit Stress zu einer der zentralen Fähigkeiten, sich im Leben zu behaupten.

Dauerstress geht auf die Gesundheit

Im Alter zwischen 20 und 30, so haben Studien ergeben, machen Menschen die alltäglichen Belastungen besonders zu schaffen. Jetzt geht es um die Profilierung im Beruf, die Sehnsucht nach dem richtigen Partner - und das, ohne aus der entsprechenden Erfahrung die nötige Kompetenz schöpfen zu können. Wie mache ich im Bewerbungsgespräch eine gute Figur? Wie wehre ich mich gegen ältere Kollegen, die mich kleinhalten wollen? Soll ich wirklich heiraten? Und wie beruhige ich ein brüllendes Baby? So viele Probleme, für die es noch keine erprobte Lösung gibt. Die Folge: Überforderung.

Zum klassischen Ablauf der Stressreaktion gehört, dass wir uns nach der Bewältigung einer Krise wieder erholen können. Gelingt das nicht, bleibt der Cortisolspiegel im Blut hoch. Dann schaltet der Körper irgendwann auf Daueralarm: Wir wähnen uns von Raubtieren oder übel wollenden Mitmenschen umzingelt - und sind nach einer Weile so erschöpft, dass der Überlebensreflex nicht mehr funktioniert. Der Stress wütet.

Und der Körper protestiert. Mediziner beobachten, dass sich die Auswirkungen von Dauerstress auf die Gesundheit immer früher bemerkbar machen:

1. In der Wahrnehmung:

Wir können uns nicht mehr konzentrieren, fliehen aus der Realität, werden vergesslich und leiden unter Albträumen.

2. In unserer Gefühlswelt:

Wir werden aggressiv, ängstlich, unsicher, unzufrieden, unausgeglichen, nervös, depressiv oder gar apathisch.

3. In den Muskeln:

Die ständige Anspannung erzeugt Verkrampfungen, Fehlhaltungen und Verspannungen mit all ihren Folgen wie etwa Rücken- oder Spannungskopfschmerzen.

4. Im gesamten Organismus:

Die ständige Reaktionsbereitschaft des Körpers erzeugt psychosomatische Beschwerden wie Herzstolpern, Bluthochdruck, Magen- und Darmgeschwüre, Anfälligkeit für Infektionen, Schlafstörungen, Migräne, Störungen von Zyklus und Sexualität. Das Herzinfarktrisiko steigt.

Wie mache ich im Bewerbungsgespräch eine gute Figur? Wie wehre ich mich gegen ältere Kollegen, die mich klein halten wollen? Soll ich wirklich heiraten? Und wie beruhige ich ein brüllendes Baby? So viele Probleme, für die es noch keine erprobte Lösung gibt. Die Folge: Überforderung.

Dauerstress

Zum klassischen Ablauf der Stressreaktion gehört, dass wir uns nach der Bewältigung einer Krise wieder erholen können. Gelingt das nicht, bleibt der Cortisol-Spiegel im Blut hoch. Dann schaltet der Körper irgendwann auf Daueralarm: Wir wähnen uns von Raubtieren oder übelwollenden Mitmenschen umzingelt - und sind nach einer Weile so erschöpft, dass der Überlebensreflex nicht mehr funktioniert. Der Stress wütet.

Und der Körper protestiert. Mediziner beobachten, dass sich die Auswirkungen von Dauerstress auf die Gesundheit immer früher bemerkbar machen:

1. In der Wahrnehmung: Wir können uns nicht mehr konzentrieren, fliehen aus der Realität, werden vergesslich und leiden unter Albträumen.

2. In unserer Gefühlswelt: Wir werden aggressiv, ängstlich, unsicher, unzufrieden, unausgeglichen, nervös, depressiv oder gar apathisch.

3. In den Muskeln: Die ständige Anspannung erzeugt Verkrampfungen, Fehlhaltungen und Verspannungen mit all ihren Folgen wie etwa Rücken- oder Spannungskopfschmerzen.

4. Im gesamten Organismus: Die ständige Reaktionsbereitschaft des Körpers erzeugt psychosomatische Beschwerden wie Herzstolpern, Bluthochdruck, Magen- und Darmgeschwüre, Anfälligkeit für Infektionen, Schlafstörungen, Migräne, Störungen von Zyklus und Sexualität. Das Herzinfarktrisiko steigt.

Dauerstress hinterlässt Spuren

Spätestens im Alter von 40 hat der Daueralarm im Körper seine Spuren hinterlassen. Und jetzt kommt die Angst vor Krankheit oder gar Tod durch Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs als Stressor dazu. Wer versucht, seinen Stress mit Nikotin oder Alkohol zu dämpfen, ist besonders gefährdet, denn die Sucht potenziert den Druck: weil der Jieper Stress macht, weil nach dem Rausch das schlechte Gewissen peinigt und die Belastbarkeit von Körper und Seele noch weiter schwindet.

Hat es ein Chef da eigentlich leichter? Eine Studie im Auftrag der britischen Regierung unter mehr als 10.000 Beamten ergab, dass sich Angehörige der niedrigsten Hierarchiestufe dreimal so oft krank meldeten wie ihre Chefs. Und nicht nur das: Sogar ihr Risiko, früh zu sterben, ist dreimal so hoch wie bei den Amtsleitern. Zwar ist der Lebenswandel von Menschen mit niedrigerem Einkommen und Sozialstatus im Durchschnitt bekanntlich ungesünder als der von Bessergestellten. Aber der Studie zufolge spielt auch die Selbstbestimmtheit eine Rolle: Das Gefühl, Kontrolle über eine Situation zu haben, entscheiden zu können, wann man welche Arbeit erledigt und zur Pause geht, auch die Möglichkeit, eine unangenehme Arbeit einfach weiterreichen zu können, entlastet demnach offenbar ganz enorm.

Mit einer positiven Einstellung empfindet man weniger Stress

Spätestens im Alter von 40 hat der Daueralarm im Körper seine Spuren hinterlassen. Und jetzt kommt die Angst vor Krankheit oder gar Tod durch Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs als Stressor dazu. Wer versucht, seinen Stress mit Nikotin oder Alkohol zu dämpfen, ist besonders gefährdet, denn die Sucht potenziert den Druck: weil der Jieper Stress macht, weil nach dem Rausch das schlechte Gewissen peinigt und die Belastbarkeit von Körper und Seele noch weiter schwindet.

Hat es ein Chef da eigentlich leichter? Eine Studie im Auftrag der britischen Regierung unter mehr als 10000 Beamten ergab, dass sich Angehörige der niedrigsten Hierarchiestufe dreimal so oft krank meldeten wie ihre Chefs. Und nicht nur das: Sogar ihr Risiko, früh zu sterben, ist dreimal so hoch wie bei den Amtsleitern. Zwar ist der Lebenswandel von Menschen mit niedrigerem Einkommen und Sozialstatus im Durchschnitt bekanntlich ungesünder als der von Bessergestellten. Aber der Studie zufolge spielt auch die Selbstbestimmtheit eine Rolle: Das Gefühl, Kontrolle über eine Situation zu haben, entscheiden zu können, wann man welche Arbeit erledigt und zur Pause geht, auch die Möglichkeit, eine unangenehme Arbeit einfach weiterreichen zu können, entlastet demnach offenbar ganz enorm. Außerdem ist es ein Mythos, dass Manager allesamt besonders viel Stress erleiden: Sie mögen häufig mit Termindruck und Arbeitszeiten weit jenseits einer 37,5-Stunden-Woche konfrontiert sein, aber das kann durchaus befriedigend sein, wenn sie damit Erfolg haben. Wer kompetent genug ist, Herausforderungen zu bewältigen, und von einer positiven Einstellung zur Arbeit geleitet wird, empfindet weniger Stress.

Ob der cholerische Chef diese Einstellung hat, ist allerdings fraglich. Vermutlich gehört er zu jener Gruppe von Menschen, die Stressforscher den "Typ A" nennen. Er vereinigt in sich eine explosive Mischung aus Ehrgeiz, Konkurrenzdenken, Ungeduld, Perfektionismus, Hektik, Aggressionsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein. Sein Herzinfarktrisiko ist doppelt so hoch wie das anderer Menschen.

Und der ereilt ihn vorzugsweise im Urlaub oder kurz nach der Pensionierung. Dann fehlt der Adrenalin-Kick, der ihn durch den Tag hetzen lässt, der Organismus kollabiert. Und gerade der Beginn des Rentnerdaseins bringt neue Belastungen: die Angst vor dem Tod, die Frage nach dem Sinn der letzten Lebensjahre. Wer sich ein Leben lang über seine Arbeit definiert hat, erliegt diesem Stress umso schneller.

Müßiggang kann nur vorübergehend Erholung bringen, denn er lindert das dem Dauerstress zugrunde liegende Gefühl der erlernten Hilflosigkeit nicht. Das richtige Rezept nennen Psychologen "Selbstwirksamkeit" - das Leben mit den eigenen Zielen und die Ziele mit den eigenen Fähigkeiten in Einklang. Das ist ein langer Weg, der sich oft nur mit Hilfe eines Therapeuten erfolgreich beschreiten lässt. Doch die Voraussetzungen sind gegeben, denn das Gehirn, so haben Neurologen inzwischen nachgewiesen, kann auch beim Erwachsenen noch umprogrammiert werden. Wir sind also in der Lage, aus einer erlernten Hilflosigkeit auszubrechen, in jeder Lebensphase.

Haben wir die Resignationshaltung einmal durchbrochen, kann uns die genetisch programmierte Stressreaktion nichts mehr anhaben. Im Gegenteil: Sie funktioniert dann wieder, wie sie sich im Lauf der Evolution bewährt hat: Wir sehen uns vor einer Herausforderung, bewältigen sie oder entziehen uns - und erholen uns danach. Glückselige Verheißung, den Angriff des Mammuts in Schlips und Kragen einfach ins Leere laufen zu lassen. Soll er doch seinen Stress woanders abreagieren. Bis ihn im Urlaub der Schlag trifft.

Sven Rohde

Mitarbeit: Ingrid Lorbach

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