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Sexualität: Du tust mir weh, Schatz

Viele Frauen empfinden beim Sex vor allem Schmerzen. Auf der Suche nach den Ursachen stoßen kundige Ärzte nicht selten auf Probleme in der Beziehung.

"Ich hatte 14 Jahre lang Schmerzen beim Sex. In den vergangenen drei Jahren habe ich nur zweimal mit meinem Mann geschlafen, weil wir so gerne Kinder wollten. Insgesamt war ich bei neun Frauenärzten und zwei Psychotherapeuten - und musste mir unglaubliche Sachen anhören. Von dem Begriff Vaginismus erfuhr ich erstmals bei einer Sexualtherapeutin, die ich durch meinen Frauenarzt kennen lernte. Ich bin glücklich verheiratet und habe zwei Kinder."

Sie lesen sich alle ähnlich, die vielen im Internet veröffentlichten Erfahrungsberichte von Frauen, denen Geschlechtsverkehr wehtut. Auch wenn man weder in den Medien noch in gynäkologischen Lehrbüchern viel zu dem Thema erfährt: Mindestens acht Prozent aller Frauen sind betroffen. "Man muss davon ausgehen, dass die Dunkelziffer noch weitaus höher liegt", schätzt Ulrike Brandenburg, Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin und Leiterin der Sexualwissenschaftlichen Ambulanz der Universität Aachen.

Erschwert oder unmöglich

Auf zweierlei Art kann die "schönste Sache der Welt" Schmerz bereiten: Beim Vaginismus reagiert die Scheide unangenehm empfindlich, wenn sie beispielsweise beim Einführen eines Fingers, eines Tampons oder des Penis berührt wird. Die Muskulatur des Beckens und des äußeren Drittels der Scheide verkrampft sich reflexartig, der Scheideneingang wird eng. Durch diese Spasmen wird der Geschlechtsverkehr erschwert oder sogar unmöglich.

Bei der Dyspareunie hingegen treten anhaltende Schmerzen vor, bei oder nach dem Verkehr auf - als Brennen, Stechen oder Jucken, wenn der Penis eingeführt wird, als dumpfer Schmerz im Innern der Scheide oder als wehenartiger Krampf beim Orgasmus.

Erst Jahre später realisiert

Frauen, die unter vaginistischen Scheidenkrämpfen leiden, haben diese oft bereits vor dem ersten Geschlechtsverkehr: einen Tampon einzuführen oder gynäkologische Untersuchungen in der Pubertät haben viele Betroffene als quälend in Erinnerung. Dass dem schon zu diesem Zeitpunkt eine sexuelle Störung zugrunde lag, realisieren sie häufig erst Jahre später.

Auslöser für die Dyspareunie ist in den meisten Fällen die fehlende "Lubrikation" - die Scheidenschleimhaut wird nicht genug befeuchtet. Der Grund kann häufig ein Problem fehlender sexueller Erregung sein, bei älteren Frauen auch eine hormonelle Veränderung in der Menopause.

Auch andere muskuläre, hormonelle oder entzündliche Ursachen können den Sex zur Tortur machen. Äußere Beschwerden am Scheideneingang kommen beispielsweise zustande, wenn eine Scheiden- oder Harnwegsentzündung vorliegt oder eine Dammnarbe nach der Geburt noch empfindlich ist. Innere Schmerzen entstehen eher an der Gebärmutter oder an anderen Strukturen des kleinen Beckens während des Orgasmus oder wenn der Penis beim Geschlechtsverkehr an eine bestimmte Stelle stößt.

Ziehende Pein

Eine Endometriose etwa, bei der gebärmuttertypische Schleimhaut im Becken wuchert, kann beim Sex ziehende Pein verursachen. Denn wie die Schleimhaut in der Gebärmutter blutet auch das versprengte Gewebe etwa alle vier Wochen und wird abgestoßen. Es verbleibt jedoch im Bauchraum, was dort Verwachsungen begünstigt.

Manche Frauen behalten die Schmerzen, obwohl die organische Ursache längst beseitigt ist. Nicht nur deshalb vermuten Experten, dass bei der Dyspareunie neben körperlichen Faktoren auch psychische Ursachen eine Rolle spielen. Aus ihrer Erfahrung als Leiterin der sexualwissenschaftlichen Ambulanz weiß Ulrike Brandenburg, dass sich hinter der Dyspareunie nicht selten Beziehungsprobleme verbergen. "Die Frau entwickelt einen sexuellen Konflikt, damit die eigentliche Problematik mit dem Partner nicht auf den Tisch kommt."

Beim Vaginismus ist es nicht immer einfach, die Ursachen der Störung zu erkennen. Die Spasmen können nach einer schweren Geburt oder Operation auftreten, meist vermuten Ärzte jedoch eine psychisch bedingte Abwehrreaktion. "Die Betroffenen kommen aus allen sozialen Schichten und sind kompetente, sozial integrierte, gesunde Frauen. Keineswegs steckt hinter den Symptomen immer eine gestörte Persönlichkeit oder eine belastete Kindheit", sagt Brandenburg. "Stattdessen beobachten wir oft einen Konflikt zwischen Autonomie und Hingabe." Die Ärztin erklärt das so: Viele Frauen sehnen sich einerseits danach, sich körperlich fallen zu lassen und sich hinzugeben. Andererseits ist da aber auch eine unbewusste Angst, die Kontrolle zu verlieren. Daraus resultiert Abwehr.

Mit Vorurteilen konfrontiert

Die weit verbreitete These, dass Frauen mit Vaginismus sexuell missbraucht worden sind, ist dagegen nicht haltbar. "Es gibt keine einzige Untersuchung, die belegt, dass vaginistische Frauen überdurchschnittlich häufig sexuelle Gewalt erlebt haben", so die Medizinerin. Dennoch werde Frauen von unkundigen Ärzten viel zu oft diese wissenschaftlich wie diagnostisch ungestützte Vermutung mit auf den Weg gegeben. Andere Patientinnen fühlten sich verunsichert, weil ihr Arzt sie mit Sprüchen wie "Wenn erst mal der Richtige kommt" oder "Entspannen Sie sich vorher einfach ein bisschen mit einem Glas Sekt" abspeise, anstatt sie kompetent medizinisch zu beraten und betreuen.

Dabei gibt es mittlerweile eine Reihe guter Behandlungsmöglichkeiten gegen körperliche wie seelische Ursachen des Schmerzes. Vaginale Infektionen können beispielsweise mit Medikamenten geheilt werden; ist das Hemmnis eher psychischer Natur, hilft möglicherweise eine Verhaltenstherapie. Das Wichtigste ist das offene Gespräch, damit der Arzt die Ursache herausfinden kann. Für eine saubere Diagnose sind auch konkrete Fragen nach den Sexualgewohnheiten unerlässlich - "beispielsweise wie weit sich der Penis in die Scheide einführen lässt", sagt Brandenburg.

Stellt sich heraus, dass eine sexualtherapeutische Behandlung hilfreich sein könnte, "üben die Patienten am Symptom". Soll heißen: Sie lernen, über ihre Beschwerden zu sprechen, und entwickeln körperliche Techniken, wie das Streicheln der erogenen Zonen. Mit Hilfe spezieller Stäbe, so genannter Vaginaltrainer, können Frauen mit Scheidenkrämpfen versuchen, langsam die Kontrolle über das Öffnen ihrer Scheide zu gewinnen, erst allein, später mit dem Partner.

Die Betroffenen nehmen die Therapieangebote meist dankbar an, berichtet Ulrike Brandenburg. Nicht zuletzt deshalb, weil die Diagnose sie erleichtert: "Ich war so glücklich", sagte eine an Vaginismus Leidende, "als ich endlich erfuhr, dass es diese Krankheit wirklich gibt und ich nicht gestört bin."

Beate Wagner / print

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