Sprechstunde Nur Fliegen sind schöner


Unser Hausarzt Dr. med. Eckart von Hirschhausen hält jetzt Fruchtfliegen als Haustiere. Denn sie ernähren sich gesund, brauchen wenig Auslauf und sind dem Menschen so herrlich ähnlich.

Der Mensch ist nicht gern allein. Dieses Jahr hab ich endlich ein Haustier gefunden, das wirklich zu mir und meinem Lebensstil passt: Drosophila melanogaster. Ja, ich habe die Fruchtfliegen richtig lieb gewonnen. Sie bieten alle Vorteile eines Hundes, sind aber zum Glück nicht so anspruchsvoll. Sie fliegen aus der Küche einmal den Flur auf und ab, sorgen selbst für ihre Bewegung - kein Gassi gehen. Sie essen, was auf den Boden kommt - kein teures Spezialfutter. Sie sind stubenrein. Okay, nicht wirklich, aber man sieht es nicht. Und: Fliegen sind steuerfrei.

Aber es geht ja um das Emotionale, das ein Tier dem Menschen zu geben hat. Und da reicht kein Hund an Drosophila heran: Sei einmal nett zu einem Hund, und er erinnert sich ein Leben daran. Bei den Drosies aber reicht die Liebe über Generationen hinweg. Wenn ich nach einer anstrengenden Woche von unterwegs nach Hause komme, dreh ich nur den Schlüssel, schon kommen sie mir entgegen, begrüßen mich an der Tür und wedeln mit den kleinen Flügeln. Und wenn ich mal nichts eingekauft habe, dann sind sie nicht etwa beleidigt. Ganz im Gegenteil. Meine Drosies zeigen mir dann wie selbstverständlich, wo es in der Wohnung noch etwas zu essen gibt!

Unser Fernsehprogramm unterfordert sie

Neulich kam ich heim, und keiner war da. Ich denke: Nanu, alle ausgeflogen? Aber was sind das für Geräusche? Da saßen die alle im Wohnzimmer auf dem Teppich und guckten fern. Ich hatte die Glotze angelassen. Die Drosies hatten schon ganz rote Augen. Wobei sie unser Fernsehprogramm eigentlich unterfordert. Sie haben ja Facettenaugen, könnten alle Programme gleichzeitig schauen. Endlich mal Lebewesen, für die ein Premiere-Decoder wirklich sinnvoll ist! Ich habe ihnen gezeigt, wie die Fernbedienung funktioniert. Und jetzt sprechen sie sich ab, und wenn 30 für umschalten sind, dann drücken die mit 180 Beinen auf die Taste, und dann geht's.

Es ist aber nicht immer leicht mit ihnen. Ich hatte abends gemütlich eine schöne Flasche Rotwein aufgemacht, sie ein bisschen offen stehen lassen. Ich suche noch Knabberzeug, da machen die sich über die Flasche her. Hey, einen 96er Rioja trinkt man doch nicht aus der Flasche! Der Abend war gelaufen. Ich habe das offene Gespräch gesucht und gesagt: "Eure totale Konsumhaltung, die geht mir echt gegen den Strich. In der ganzen Zeit - nicht einmal abgewaschen oder Müll runter. Ihr denkt nur an euch." Ich habe das Fenster aufgemacht und gesagt: "Bitte, ihr könnt ja fliegen." Ich war so sauer, dass ich angefangen habe zu putzen. Die Drosies waren sehr irritiert. So hatten sie mich noch nie gesehen.

Beim Staubsaugen ist es passiert

Und dann ist es passiert: Ich bin beim Staubsaugen, da kommt eine rüber, will mir was zeigen, fliegt zu tief, gerät in den Sog und... Ich habe gleich das Rohr abgemacht, den Staubsaugerbeutel aufgerissen und mithilfe einer Taschenlampe so lange gesucht, bis ich sie fand. Zu spät. Klinisch tot. Sofort habe ich mit Herzmassage begonnen, sie mit einem Strohhalm beatmet und - sie kam zurück. Was die wohl den anderen dann erzählt hat: "Ich spürte mein Ende war gekommen, plötzlich kam ein langer Tunnel, durch den ich gesogen wurde, und am Ende kam ein strahlendes Licht, und dann spürte ich, es geht weiter. Wenn ich es nicht mit meinen eigenen 800 Einzelaugen gesehen hätte..."

Die sind überhaupt so grundoptimis¬tisch, die Drosies. Ich glaube, die sind so gut drauf, weil sie sich so gesund ernähren. Viel Obst, viele Vitamine. Und sie machen sich nicht so viel Stress. Sie ge¬nießen einfach ihren Tag. Carpe diem, heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens. Da ist immer Party, bei denen hat ja auch immer irgendeiner Geburtstag. Diese Tiere sind uns viel ähnlicher, als wir immer denken. Die Forschung hat gezeigt, dass sie über 50 Prozent ihrer Erbsubstanz mit uns Menschen gemeinsam haben. Das muss man sich vorstellen: Mehr als die Hälfte der DNS ist gleich! Das heißt doch: Zwei Fruchtfliegen...


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