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Streit um AKW-Studie: Kinder, Krebs und Kernkraftwerke

Kinder, die in der Nähe eines Atommeilers aufwachsen, erkranken öfter an Krebs - das Ergebnis einer im Dezember präsentierten Studie war eindeutig. Doch über den Umgang mit dieser Erkenntnis streiten Forscher noch immer. Nun meldet sich ein Expertengremium zu Wort, das die Studie begleitet hat.

Von Kai Kupferschmidt

Es war die "weltweit methodisch aufwändigste und umfassendste" Studie zu Kinderkrebsfällen in der Umgebung von Kernkraftwerken. Ein Mammutprojekt also, das Forscher der Uni Mainz im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz durchführten. Und das Ergebnis war ebenso deutlich wie beängstigend: Um rund 60 Prozent steigt das Krebsrisiko eines Kindes unter fünf Jahren, wenn es im Umkreis von fünf Kilometern eines Atomkraftwerkes wohnt.

Doch liegt dies - auch wenn es dem Laien sofort plausibel erscheinen mag - tatsächlich an dem Kraftwerk und der Strahlung, die es aussendet? Nein, meinen die Autoren der Studie. Als Ursache dieses Effekts käme die Strahlung von Atomkraftwerken aber grundsätzlich nicht in Frage. Es fehle die "biologische Plausibilität". Zu deutsch: Momentanes Lehrbuchwissen ist, dass nur eine Strahlung, die ungefähr eintausend Mal höher ist als die eines Atomkraftwerks im Normalbetrieb, derartig ernste gesundheitliche Schäden verursachen kann.

Vielleicht reagieren manche Menschen stärker auf die Strahlung

Ein Expertengremium, das im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz die Studie begleitet hat, kommt nun jedoch zu einem anderen Schluss: Es stellt in seiner Bewertung der Studie fest, dass ein Zusammenhang zwischen Emission der Atomkraftwerke und dem erhöhten Krebsrisiko "keinesfalls ausgeschlossen werden" kann. Es sei zum Beispiel ein Modell denkbar, nach dem einige Menschen auf Grund ihrer Gene besonders anfällig für die Strahlung der Kernkraftwerke sind. Dies könnte erklären, wieso Kinder erkranken, obwohl die Strahlung der Kernkraftwerke normalerweise zu schwach ist um Krebs auszulösen. Zwei mit der Studie vertraute Wissenschaftler bestätigten, dass sie es für unwissenschaftlich hielten, die Emission der Kraftwerke als Ursache auszuschließen.

"Kausalität ist bei Beobachtungsstudien eben ein besonderes Problem", kontert Maria Blettner. Die Professorin leitet das Institut, dem das Mainzer Kinderkrebsregister zugeordnet ist und das an der Studie maßgeblich beteiligt war. Die Forscher könnten in solchen Studien eben nur einen Anstieg des Erkrankungsrisikos in Abhängigkeit von der Nähe von Atomkraftwerken beobachten.

So ein Zusammenhang bedeutet aber nicht Kausalität, was gerne am Beispiel des Storches gezeigt wird: Viele Statistiken belegen, dass in Gegenden in denen viele Klapperstörche leben, mehr Kinder geboren werden. Das liegt aber nicht daran, dass der Vogel die Kinder bringt, sondern daran, dass in ländlichen Gegenden mehr Störche leben, auf dem Land aber eben auch mehr Kinder geboren werden. Störgrößen nennen Statistiker solche Faktoren, die eine Ursächlichkeit vorspiegeln können, wo keine ist - und die sollten in der vorliegenden Studie ebenfalls untersucht werden.

Ob das geglückt ist, daran scheiden sich nun die Geister. An diesem Teil der Studie hätten einfach nicht genug Betroffene teilgenommen, meint Maria Blettner. Andere an der Studie beteiligte Wissenschaftler stimmen zwar grundsätzlich zu, die erhobenen Daten würden aber eine eindeutige Sprache sprechen: Keine der untersuchten Störgrößen kann den Zusammenhang zwischen Krebsrisiko und Entfernung vom Atomkraftwerk erklären, sagen sie.

"Eindeutiger Zusammenhang"

Blettner sieht jetzt vor allem die medizinische Forschung am Zug. Bei einem Großteil der beobachteten zusätzlichen Erkrankungen handelt es sich um Leukämien, einer Krebsart bei der Blutzellen betroffen sind: "Wir wissen einfach zu wenig über die Ursachen dieser Art von Krebs", sagt sie und vergleicht die Wissenslücke mit dem schwarzen Fleck, der früher auf Landkarten Afrikas prangte. Eine Kausalität sieht sie durch die Daten der Studie nicht belegt. Professor Eberhard Greiser, der im externen Expertengremium der Studie saß, teilt diese Meinung nicht. Im Grunde sei es ein traumhaftes Ergebnis für einen Epidemiologen, so eindeutig sei der Zusammenhang zwischen Nähe zum Atomkraftwerk und Krebsrisiko. Da wäre es "sehr seltsam" eine Kausalität auszuschließen.

Wer hat Recht? Durch die Daten der Studie allein, lässt sich diese Frage nicht lösen. "Wir brauchen einfach eine zweite Studie", sagt auch Thomas Jung vom Bundesamt für Strahlenschutz. Die Chancen stünden gut, dass demnächst eine derartige Studie in Frankreich, Finnland oder der Schweiz in Angriff genommen wird. Beweisen könnte eine weitere Studie zwar auch nichts. Sollte sie aber zu einem ähnlichen Ergebnis kommen wie die Kikk-Studie wäre dies ein starker Hinweis dafür, dass die Ursache fürs erhöhte Krebsrisiko eben doch bei den Atomkraftwerken zu suchen ist.

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