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Studie der Uni Oxford Wie viele Antikörper sind nötig, um nicht an Covid-19 zu erkranken? Forscher definieren erste Grenzwerte

Antikörper gegen Covid-19-Erkrankungen
Antikörper gegen Covid-19-Erkrankungen
© koto_feja / Getty Images
Je höher die Menge an Antikörpern, desto geringer das Risiko einer Covid-19-Erkrankung. Aber wie viele sind für einen ausreichenden Schutz notwendig? Ein britisches Forscherteam hat nun erste Grenzwerte definiert. Doch viele Fragen bleiben offen.

Im Kampf gegen das Coronavirus gehören neutralisierende Antikörper zu den wichtigsten Helfern. Denn sie sind imstande, das Virus zu erkennen und daran zu hindern, in die Zellen einzudringen und sich dort zu vermehren. Sie arbeiten also wie körpereigene Türsteher. Der Körper produziert solche Antikörper, wenn er mit dem Virus in Kontakt kommt, also nach einer Infektion, oder – wie im Falle der Impfungen – mit bestimmten Virusbestandteilen. Je mehr Antikörper entwickelt werden, desto stärker ist die Gegenwehr gegen das Virus.

Doch die Immunabwehr arbeitet bei jedem Menschen anders, wie gut und wie anhaltend der individuelle Immunschutz ist, ist bisher nur schwer zu beantworten. Eine Möglichkeit sehen Wissenschaftler in der Bestimmung der notwendigen Antikörpermenge im Blut, eines sogenannten Immunkorrelats. An diesem könnte beispielsweise ablesbar werden, ab wann eine Auffrischimpfung sinnvoll ist. Ein Forscherteam der Universität Oxford hat nun erste Daten vorgelegt.

Forscher definieren erste Grenzwerte

Für die Studie, die im renommierten Fachblatt "nature medicine" erschienen ist, untersuchten die britischen Wissenschaftler die Antikörperspiegel von 1575 Menschen aus Großbritannien 28 Tage, nachdem diese ihre zweite Corona-Impfung erhalten hatten. Dabei handelte es sich um Teilnehmer der Zulassungsstudie des Astrazeneca-Vakzins. 171 Menschen, also beinahe jeder Zehnte, infizierte sich innerhalb der folgenden 90 Tage mit dem Coronavirus. Symptome entwickelten 74. Die Forscher schauten sich daraufhin an, wie viele Antikörper gegen Sars-CoV-2 die einzelnen Teilnehmer zu diesem Zeitpunkt im Blut hatten. Darauf basierend definierten sie Grenzwerte für zwei verschiedene Antikörper. 

Demnach waren Menschen zu 80 Prozent vor einer symptomatischen Erkrankung geschützt, wenn 28 Tage nach der zweiten Impfung IgG-Antikörper gegen das Corona-Spikeprotein in Höhe von 264 bindenden Antikörpereinheiten pro Milliliter Blut gefunden wurden. IgG-Antikörper werden etwa drei Wochen nach dem Erstkontakt mit dem Erreger gebildet. Kommt es in der Folge zu einer weiteren Infektion, ist der Körper in der Lage, sich an diesen Kontakt zu "erinnern" und schnell die passenden Antikörper zu bilden.

Immunkorrelat: Unsicherheiten bleiben

Einen weiteren Wert bestimmte das Forscherteam bezüglich Antikörpern, die gegen die rezeptorbindende Domäne (RBD) wirken. Die RBD ist bei Viren in den Spike-Proteinen zu finden. Sie entscheidet darüber, wo an der Oberflächenstruktur der Wirtszelle das Virus angreift. Liegt der Antikörperspiegel der Anti-RBD-IgG bei 506 pro Milliliter Blut, liegt demnach ebenfalls ein 80-prozentiger Schutz vor. Einen Grenzwert für asymptomatische Erkrankungen konnten die Forscher nicht festlegen.

Auf ähnliche Ergebnisse kamen Forscher bereits für den Impfstoff von Moderna. Diese Studie liegt bisher allerdings erst als Preprint vor und wurde noch nicht von unabhängigen Gutachtern geprüft. Zu beachten ist, dass in beiden Studien die Konfidenzintervalle für die ermittelten Werte sehr groß sind – also noch eine größere Unsicherheit über die tatsächliche Höhe des Immunkorrelats besteht. Ein Konfidenzintervall ist der Vertrauensbereich von Messwerten, der Auskunft über die Präzision oder Ungenauigkeit eines Messwerts gibt

Die Studie aus Großbritannien gibt daher erste Hinweise, mehr aber auch nicht. An der Studie nahmen hauptsächlich weiße Probanden aus dem Vereinigten Königreich teil. Die Teilnehmenden, die sich im weiteren Verlauf infizierten, infizierten sich vor allem mit der dort damals kursierenden Alpha-Variante. In Regionen, in denen diese Variante nicht vorherrschend sei, schränken die Wissenschaftler ein, "gelten die hier dargestellten modellierten Beziehungen zwischen Immunmarkern und Krankheitsausgängen möglicherweise nicht". Gleiches gilt in Bezug auf den Schutz nach einer ersten Impfdosis des gleichen Vakzins oder aber in Bezug auf andere Impfstoffe. Die Ergebnisse beziehen sich ausschließlich auf die Probenanalyse nach zwei Impfungen mit Vaxzevria von Astrazeneca. Da an der Studie nur wenige ältere Erwachsene teilnahmen, können zudem keine Aussagen darüber getroffen werden, ob die Altersstruktur auf die Ergebnisse einen Einfluss hat.

"Nicht in die klinische Praxis übersetzbar"

"Generell ist es wichtig, dass wir irgendwann ein Immunkorrelat definieren können, um die Immunität gegen SARS-CoV-2 messbar zu machen", sagt Carsten Watzl, Leiter des Forschungsbereichs Immunologie an der TU Dortmund. Ein solcher Wert sei nützlich, um vorherzusagen, wie lange man geschützt sei, wer beispielsweise eine dritte Dosis des Impfstoffs braucht. Die Studie präsentiere einen ersten Wert für einen Immunschutz, ordnet Watzl ein. Da Antikörpertests standardisiert und die Höhe der Antikörperspiegel vereinheitlicht wurden, könnten Daten verschiedener Studien, wie die zu den Impfstoffen von Astrazeneca und Moderna, verglichen werden. Bis aber ein finaler Grenzwert festgelegt werden könne, werde es aber noch mehrere solcher Studien benötigen. 

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Antikörpertiter seien in der Praxis relativ einfach und genau zu messen, insofern handele es sich um eine wichtige Studie, so Bernd Salzberger, Leiter des Bereichs Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Allerdings verweist er darauf, dass die statistische Zuverlässigkeit der Daten noch gering sei. "Um dafür genauere Schätzungen zu erhalten, müssen sehr viel größere Patientenkollektive untersucht werden", sagt er. Zusätzlich berücksichtige die Studie keinen Zeitfaktor – also einen Abfall der Schutzwirkung über die Zeit. 

"Mit diesen Einschränkungen können die Ergebnisse keinesfalls in die klinische Praxis übersetzt werden: Es ist nicht möglich aus einem tagesaktuellen Titerwert auf den in der Studie benutzten Parameter zurückzuschließen", wertete er.  Eine Berechnung eines individuellen Schutzwertes anhand dieser Auswertung ist deshalb und zusätzlich aufgrund der großen Konfidenzintervalle unsinnig", wertet er. Anders ausgedrückt: Salzberger rät davon ab, individuell die Antikörpertiter bestimmen zu lassen und anhand der Studienergebnisse eine schutzwirkung abzuleiten.

Quelle: nature medicine, Zitate von Science Media Center

tpo.

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