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Kurswechsel Ärger im Paradies: No-Covid ist für Neuseeland keine Option mehr. Was nun?

Lockdown in Neuseeland
Leere Straßen in Christchurch am Abend des 18. August, kurz danach ging das Land in den Lockdown.
© Sanka Vidanagama / Picture Alliance
Neuseeland hat lange vorgemacht wie rigorose Virusbekämpfung aussehen kann. Dann kam Delta und brachte die No-Covid-Strategie zu Fall. Jetzt muss das Land umdenken und Versäumnisse aufarbeiten.

Neuseeland, das war monatelang ein Sehnsuchtsort für viele, die der Pandemie entkommen wollten. Während in vielen Teilen der Welt das Virus wütete, zeichnete sich in dort das Bild einer Insel der Glücksseligen. Monatelang gab es dort nicht einen Corona-Fall und ein beinahe unerhört normales Leben war möglich. Doch der Wind hat sich längst gedreht. Der einstige Musterschüler schreibt seit Wochen Negativ-Schlagzeilen. Jetzt steht fest: Der jüngste Corona-Ausbruch brachte die No-Covid-Strategie nicht nur ins Wanken, er brachte sie zu Fall. Nun muss das Land dringend Versäumnisse aufarbeiten.

Was sich derzeit in Neuseeland abspielt, das konnte sich vor Monaten noch kaum einer vorstellen. Denn mit einem langen Lockdown zu Beginn der Pandemie hatten es die Neuseeländer geschafft, alle Infektionsherde auszurotten. Mit strikten Grenzschließungen sorgten sie dafür, dass das Virus nicht neuerlich auf die Insel eingeschleppt wurde. Die Zahlen sprachen für sich. Die Pandemie fand weitgehend außerhalb der Insel statt. Dann kam der August. 

Die Delta-Variante wurde zum Gamechanger

Der 16. August ist der Tag, mit dem die Probleme anfingen. Ein Mann aus Auckland ging zum Arzt, er klagte über Halsschmerzen, hatte Husten. Am nächsten Tag stand fest: die Delta-Variante hatte es auf die Insel geschafft. Ein landesweiter Lockdown wurde ausgerufen. Aber die Variante breitete sich dennoch weiter aus und das schnell. Bereits sechs Tage, nachdem der neuerliche Ausbruch bekannt wurde, sprach der Gesundheitsminister Chris Hipkins gegenüber dem Sender "TVNZ" davon, dass die Delta-Variante mit nichts bisher in der Pandemie Dagewesenem zu vergleichen sei. Und: "Es bedeutet, dass alle unsere bisherigen Vorbereitungen weniger sinnvoll erscheinen und wirft einige ziemlich große Fragen zur Zukunft unserer langfristigen Pläne auf." Binnen zwei Wochen zählte Neuseeland mehr als 500 Neuinfektionen, bis Montag schwoll die Gesamtzahl des aktuellen Ausbruchs auf 1357 Fälle an.

Lange dauerte es nicht, da nutzten die Kritiker die Gelegenheit, Neuseelands Eliminierungsstrategie abzuwatschen. No-Covid sei, urteilten viele, gescheitert. Harsche Kritik. Schließlich ist die Corona-Bilanz des Fünf-Millionen-Staates nach wie vor gut, trotz der aktuellen Entwicklung. Seit Beginn der Pandemie wurden rund 4400 Infektionsfälle bestätigt, 27 Menschen starben in Verbindung mit Covid-19. Die Infektionsrate ist mit 0,09 Prozent extrem niedrig. Virologin Isabella Eckerle meldete sich Anfang September mit einem Twitter-Post zu Wort, in dem sio "die Genugtuung, ja fast Schadenfreude" über die Schwierigkeiten Delta mit No-Covid einzudämmen als befremdlich bezeichnete. "Länder, die das in den letzten 1,5 Jahren umgesetzt haben, hatten kaum COVID19 Tote, kein LongCovid, keine Schulschließung & praktisch ein normales Leben."

Fehlt Neuseeland ein Plan b? 

Ganz Unrecht haben die Kritiker dennoch nicht. Denn, auch das gehört zur Wahrheit, das Land scheint sich ein wenig zu sehr auf seine Erfolgsstrategie verlassen zu haben. Das fällt dem Inselstaat nun zunehmend auf die Füße. Corona-Schnelltests, wie es sie beispielsweise in Deutschland schon lange gibt, werden in Neuseeland nicht angeboten. Zudem hält der Staat nach wie vor nur wenige Intensivbetten vor. Laut "Zeit" kommen auf 100.000 Einwohner gerade einmal 4,6 Betten, in Deutschland sind es 38,7. Aber vor allem an einer Stelle scheint Neuseeland lange geschlafen zu haben: Impfungen.

Bereits sechs Tage nach dem Ausbruch im August, meldete sich der Oppositionspolitiker Chris Bishop zu Wort. Er warf der Regierung vor, sich zu wenig um das Fortschreiten der Impfkampagne gekümmert zu haben. "Die Selbstgefälligkeit der Regierung und ihre Unfähigkeit, die Versorgung und Lieferung des Impfstoffs sicherzustellen, hat uns alle zur leichten Beute gemacht", sagte er. 

Neuseeland entschloss sich spät zum Kauf von Corona-Impfstoffen. Erst im Oktober 2020 wurde der Kauf besiegelt und war übersichtlich. Der Einkauf umfasste Impfstoffe für 750.000 Menschen, also etwa 15 Prozent der Bevölkerung. In der Zeit, als die Insel sich als coronafrei bezeichnen wurde, plätscherte die Kampagne mehr schlecht als recht vor sich hin. Erst in den vergangenen Monaten nahm sie an Fahrt auf. Nach wie vor ist die Impfrate auf der Insel vergleichsweise niedrig. Laut offiziellen Angaben des Gesundheitsministeriums sind inzwischen 41 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen das Coronavirus geimpft, 67 Prozent haben mindestens eine Impfdosis erhalten (Stand: 4. Oktober).

Abschied von No-Covid-Strategie

Hat sich Neuseeland zu lange auf seinem Status ausgeruht? Die Möglichkeit, dass es das Virus doch noch einmal auf die Insel schaffen, die Eliminierungsstrategie einmal nicht mehr greifen könnte, unterschätzt? Fest steht, die Delta-Variante wurde auch für den Inselstaat zum Gamechanger. Obwohl sich Auckland seit Wochen im Lockdown befindet, werden immer neue Infektionsfälle bekannt. Am Sonntag waren es nach Behördenangaben 33. Das ist zwar eine vergleichsweise niedrige Zahl, eliminiert werden konnte das Virus aber diesmal trotz wochenlanger strenger Maßnahmen nicht. Dazu kommt, dass sich das Virus nun auch außerhalb von Aucklands Stadtgrenzen zu verbreiten scheint. Auf der Nordinsel wurden drei neue Corona-Fälle bestätigt.

Die Situation ist verfahren. Das Land scheint festzustecken. Die Stimmung kippt zunehmend. Die Rufe nach neuen Ideen und vor allem nach Lockerungen wie Grenzöffnungen werden lauter. Der einstige Premierminister John Key schrieb in einem Meinungsstück bei "Stuff" von Neuseeland als "selbstgefälliges Einsiedlerkönigreich", verglich die Abschottungspolitik mit der von Nordkorea und forderte ein konkretes Datum zur Öffnung der Grenzen. Auch die Oppositionsführerin Judith Collins erklärte am Sonntag in einem Twitter-Post hinsichtlich der aktuellen Entwicklungen, dass die Eliminierungsstrategie nicht mehr funktioniere. Ein neuer Ansatz sei dringend erforderlich. Nur, bemängelte sie, habe die Regierung eben keine Exit-Strategie. 

Neuseeland: Corona-Minister sorgt mit Versprecher für Lacher

Am Montag musste nun auch Premierministerin Jacinda Ardern eingestehen: "Bei diesem Ausbruch und wegen Delta ist die Rückkehr zu Null unglaublich schwierig, unsere Beschränkungen allein reichen nicht aus." Die Null-Covid-Strategie erklärte sie für beendet, sie hätte bei diesem Ausbruch nicht zum erwünschten Ziel von null Fällen geführt. Dennoch verteidigte sie das Vorgehen. "Die Eliminierung war wichtig, weil wir keine Impfstoffe hatten. Jetzt haben wir sie, sodass wir beginnen können, die Art und Weise zu ändern, wie wir leben. Wir haben mehr Möglichkeiten, und es gibt guten Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken."

Optimismus. Ein großes Wort in turbulenten Tagen. Ardern setzt jetzt auf Massenimpfungen, eine Verlangsamung der Ausbreitung durch Kontaktbeschränkungen. Sobald 90 Prozent der Bevölkerung geimpft sei, soll der Lockdown enden. Einige Beschränkungen in der Stadt Auckland sollen bereits diese Woche aufgehoben werden. Es ist ein langsamer Kurswechsel hin zu etwas, was andere schon länger probieren: ein Leben mit Corona. 

Quelle: Ministry of Health NZ, ZEIT, RND

tpo

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