HOME

Stern Logo Medizin und Psychologie - Wege aus der Sucht

EU-Entscheid gegen Glücksspielmonopol: Langweiliges Lotto statt Daddelsucht

Der Europäische Gerichtshof hat das deutsche Glücksspielmonopol gekippt. Die staatlichen Anbieter sollen bei der Suchtprävention versagt haben. Das stimmt aber nur zum Teil.

Beim staatlich regulierten Glücksspiel soll die Suchtprävention im Vordergund stehen

Beim staatlich regulierten Glücksspiel soll die Suchtprävention im Vordergund stehen

Das staatliche Monopol für Glücksspiel und Sportwetten ist nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs gefallen. Private Anbieter hoffen jetzt auf neue Geschäfte, mit Glücksspiel werden in Deutschland Milliarden umgesetzt. Falls der Staat das Monopol retten will, muss er einen neuen Staatsvertrag vorlegen.

Einer der Gründe für das Urteil des Gerichtshofs: Wer wie der Staat vorgibt, die Spielsucht zu bekämpfen, darf nicht so stark für seine Angebote werben. Die Richter bemängelten zudem, dass das Monopol Angebote mit mehr Suchtpotenzial, wie etwa Spielautomaten, nicht mit einbezieht. Ein wichtiges Argument. Denn "80 Prozent aller Spielsüchtigen sind nicht Lotto-, sondern Automatenspieler", schätzt Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim.

Mindestens 100.000 Spielsüchtige in Deutschland

Vor allem jüngere Männer verfallen dem Glücksspiel, das ist bekannt. Wie viele Menschen in Deutschland nicht mehr aus Spaß spielen, sondern weil sie die Kontrolle über ihr Verhalten verloren haben, lässt sich nur schätzen. Experten sind sich aber einig, dass es mindestens 100.000 "pathologische Spieler", wie es im Fachjargon heißt, in Deutschland gibt. Oft plagen Betroffene andere psychische Leiden, etwa Depressionen oder Angststörungen. Das Spielen bietet eine Fluchtmöglichkeit und wird dabei selbst zum Problem. Irgendwann bestimmt die Sucht den Alltag. Wie bei anderen Abhängigkeiten auch, versuchen Betroffene, ihr Verhalten zu verbergen: Sie spielen heimlich. Auch wenn der Leidensdruck wächst, weil etwa die Schulden immer größer werden, Beziehungen und Freundschaften zerbrechen, kommen Spieler nicht einfach vom Zocken los.

Manche verspielen binnen Jahren ihre gesamte Existenz. "Ein Drittel der Spielsüchtigen, die in Therapie sind, haben einen Selbstmordversuch hinter sich. Im Schnitt haben sie 20.000 Euro Schulden", sagt Tilman Becker.

Weit verbreitetes Spiel mit wenig Suchtpotenzial

Das Monopol habe sicher Menschen vor der Spielsucht bewahrt, ergänzt der Experte. Denn es habe dafür gesorgt, dass gerade das weit verbreitete Lotto - rund 40 Prozent der Deutschen spielen mindestens einmal pro Jahr "6 aus 49" - nur ein geringes Suchtpotenzial birgt. "Wir haben in Deutschland seit Jahrzehnten ein Monopol bei der staatlichen Lotterie. Das bedeutet: keine Produktinnovation, sondern immer die gleiche, vergleichsweise langweilige Lotterie", sagt Becker. Dabei sind Lotterien mit einem viel größeren Suchtpotenzial denkbar. Es sei daher nicht zu begrüßen, wenn das Lotteriemonopol falle. Klar sei nach dem Urteil aber: Wenn der Staat am Monopol festhält, dann muss er sämtliche Glücksspielformen regulieren. Also die Automaten in Spielhallen ebenso wie Casinos, Lotto, Sportwetten und auch Internet-Spiele wie etwa Online-Poker.

Bei den Spielautomaten zeigt sich die gesetzliche Schieflage: Aktuell gelten in Spielhallen aufgestellte Automaten als "Unterhaltungsautomaten mit Gewinnmöglichkeit", ihr Betrieb fällt lediglich unters Gewerberecht. Dabei sind eben diese Geräte darauf optimiert, zum ständigen Weiterspielen zu animieren. Auf ein Spiel folgt innerhalb von Sekunden das nächste, es blinkt, piept, der Spieler drückt auf Tasten und erhält dadurch die Illusion, er könne das Spiel beeinflussen. Und die Geräte sind ständig verfügbar: Gerade in Städten findet sich ein dichtes Spielhallennetz. Für Online-Glücksspiele gilt im Prinzip ähnliches, nur dass Betroffene fürs Spielen nicht einmal die Wohnung verlassen müssen.

Im Jahr 2006 hat der Staat die rechtliche Lage beim Automatenspiel zuletzt geändert. Die Spieldauer wurde verkürzt, was aus Expertensicht vor allem dazu führte, dass Spieler ihr Geld noch schneller verlieren. Ob das Urteil des Europäischen Gerichtshofes die deutsche Gesetzgebung dazu bringt, hier regulierend einzugreifen, wird sich zeigen.

Nina Weber

Wissenscommunity