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Neuordnung des Glücksspielmarktes: Endstation Spielsucht

Es trafen sich die Ministerpräsidenten der Länder, um den Glücksspielmarkt neu zu ordnen. Dabei geht es um Milliardengeschäfte - und nicht immer um die effektivste Bekämpfung von Spielsucht.

Von Lea Wolz

Vor allem Geldspielautomaten stellen eine Gefahr dar

Vor allem Geldspielautomaten stellen eine Gefahr dar

Am Anfang, sagt Herr G., hätte er nur am Wochenende gespielt. Dann auch unter der Woche, mit immer höher werdenden Einsätzen. Irgendwann kam er mit den Gedanken nicht mehr davon los, verspielte die Haushaltskasse, sein Gehalt. Als das nicht mehr reichte, stahl er seinen Kindern das Taschengeld, pumpte Verwandte und Bekannte an und nahm eine Hypothek auf. Die Ehe des 43-Jährigen zerbrach, seine Arbeit verlor er. "Manchmal", sagt er, "möchte ich meinem Leben am liebsten ein Ende setzen."

Kasino, Lotto, Sportwetten und Automatenspiel, was für viele nicht mehr ist, als ein Zeitvertreib, wird für andere zum ernsten Problem. "Vor allem jüngere Männer sind von der Glücksspielsucht betroffen, Tendenz steigend", sagt Manfred Beutel, ärztlicher Leiter der Ambulanz für Spielsucht an der Uniklinik Mainz. Genaue Zahlen, wie viele Menschen in Deutschland darunter leiden, existieren nicht. Experten gehen davon aus, dass es zwischen 100.000 bis 200.000 sogenannte pathologische Spieler gibt. Sie spielen nicht mehr aus freiem Willen, sondern werden von einem inneren Zwang getrieben.

Auch wenn sich Wissenschaftler noch streiten, ob es die Diagnose "Spielsucht" tatsächlich gibt, oder ob andere Probleme wie Ängste und Depressionen dahinterliegen und das Spiel eine Fluchtmöglichkeit ist - eines ist klar: Der Drang nach Glücksspielen ist alles andere als harmlos. Für den Mediziner Beutel erfüllt das Verhalten von Betroffenen die klassischen Kriterien einer Sucht: Das Verlangen kann nicht mehr kontrolliert werden, die Gedanken kreisen ständig um das Glücksspiel. Und obwohl es ihnen schadet, hören Betroffene nicht mit dem Zocken auf.

"Viele Glücksspieler verspielen Haus und Hof, die meisten haben Schulden von über 10.000 Euro angehäuft, manche sogar mehrere Hunderttausend", sagt Beutel. Gut die Hälfte der Betroffenen, die in der Mainzer Ambulanz Hilfe suchen, hat dem Arzt zufolge bereits einmal an Selbstmord gedacht.

Der Staat kassiert mit

Schützt der Staat solche Menschen ausreichend? Nein, hatte der Europäische Gerichtshof Ende 2010 geurteilt und das staatliche Monopol für Glücksspiel und Sportwetten in Deutschland gekippt. Dieses sei nur zulässig, wenn die Suchtgefahr bei allen Spielarten konsequent bekämpft werde, bei Sportwetten, Spielautomaten und bei Online-Glücksspielen wie Internet-Poker ebenso wie bei Kasinos und Lotto. Private Anbieter von Lotto und Sportwetten wittern seitdem neue Geschäfte. Will der Staat hingegen sein Monopol retten, muss ein neuer Staatsvertrag auf den Tisch.

Heute treffen sich daher die Ministerpräsidenten der Länder, um über die Zukunft des Glücksspielmarktes zu entscheiden. Ob sie sich einigen können, ist allerdings noch offen. Denn bei der Neuordnung geht es um viel Geld, der Umsatz mit Glücksspielen geht in Deutschland in die Milliarden. Und der Staat kassiert kräftig mit - durch die Spielbankabgabe, das Lotto-Monopol oder durch die Vergnügungssteuer, die Spielhallenbetreiber zahlen müssen.

Dabei ist aus Sicht der Suchtprävention längst klar, was unbedingt geregelt werden muss: "Die Mehrzahl der pathologischen Spieler ist keineswegs dem Lotto verfallen", sagt Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Hohenheim. "80 Prozent sind spielautomatensüchtig, die klassische Karriere eines pathologischen Spielers beginnt an einem in einer Gaststätte aufgestellten Automaten."

Harte Auflagen für harmloses Lotto

Bis jetzt hat der Staat allerdings wenig getan, um das Automatenspiel zu regulieren. Eine Änderung 2006 führte laut Becker sogar dazu, dass Süchtige noch schneller ihr Geld verlieren. Nicht verständlich sei auch, warum in Spielhallen und in Gaststätten aufgestellte Automaten nicht zu Glücksspielen zählen. Sie gelten als "Unterhaltungsautomaten mit Gewinnmöglichkeit" und unterliegen damit dem Gewerberecht. Das Problem: Süchtige können sich daher in Kasinos sperren lassen, in Spielhallen und Gaststätten ist dies nicht möglich. "Was wir brauchen, ist eine übergreifende Sperrdatei", fordert Becker. "Alles andere macht keinen Sinn."

Wenig hilfreich ist es auch, dass der Glücksspielmarkt nicht konsistent geregelt ist. "Für die verschiedenen Formen des Glücksspiels gibt es verschiedene Gesetzeswerke", sagt Becker. "Zudem existieren verschiedene Zuständigkeiten." So seien die Länder für Lotterie und Sportwetten zuständig, der Bund dagegen für Spielautomaten.

"Der Staatsvertrag regelt daher längst nicht alle Glücksspiele", kritisiert der Forscher. So unterläge zwar das vergleichsweise harmlose Lotto strengen Regeln. Auch Kasinos müssten Auflagen erfüllen. Doch gerade Geldspielautomaten, die ein deutlich höheres Suchtpotenzial aufweisen, würden in Spielhallen und Gaststätten so gut wie gar nicht reguliert. Becker sieht hier eine gesetzliche Schieflage: "Das ist, als ob alkoholreduziertes Bier nur unter bestimmten Auflagen verkauft werden darf, der Wodka aber an fast jeder Ecke umsonst zu haben ist."

Beim Lotto fände es der Suchtforscher gar nicht schlimm, wenn das staatliche Monopol erhalten bliebe. "Es hat dazu geführt, dass wir in diesem Bereich relativ harmlose Spiele haben", sagt Becker. "Die Lotterie findet zweimal in der Woche statt, da wären deutlich schneller Lotterien im Sekundentakt denkbar, mit einem viel höheren Suchtpotenzial."

Gefährliche Automaten

Doch warum sind Automaten so gefährlich? Zum einen sind sie an jeder Ecke zu finden. Zum anderen weisen sie typische Merkmale auf, die leicht eine Sucht entstehen lassen: "Die zeitliche Abfolge ist rasch, alle drei Sekunden beginnt ein neues Spiel, zudem blinken Lichter und Musik ertönt. Durch die Tasten glaubt der Spieler, dass er das Spiel kontrollieren kann, was nicht der Fall ist. Daneben lockt die Aussicht auf einen relativ hohen Gewinn", sagt Becker.

Vorschläge, wie die Automaten wieder zu harmlosen Unterhaltungsmaschinen werden können, liegen bereits auf dem Tisch. So empfiehlt der Fachbeirat Glücksspielsucht, der die Länder berät, unter anderem die Mindestspieldauer eines Spiels auf über eine Minute zu erhöhen, um so die Geschwindigkeit zu senken. Daneben sollen die möglichen Gewinne und Verluste pro Stunde deutlich begrenzt werden. Becker zufolge gehen die Vorschläge in die richtige Richtung, doch er befürchtet, dass nicht viel davon umgesetzt wird. "Der Einfluss der Automatenwirtschaft auf die Politik ist groß", sagt er.

Dem Glücksspielforscher zufolge ist es allerdings an der Zeit, den Markt einheitlich zu regeln. "Die Politik muss die Glücksspielsucht sinnvoll und systematisch bekämpfen", sagt er. Da bekannt ist, dass neben Automaten auch Online-Kartenspiele eine Gefahr darstellen, müsse der Staat auch hier tätig werden, fordert der Mainzer Mediziner Beutel. "Das illegale Glücksspiel im Netz ist vor allem für Jugendliche attraktiv", sagt er. "Zugangssperren lassen sich dort leicht umgehen."

Doch wie sind die Aussichten für einen großen Wurf? Glücksspielforscher Becker ist skeptisch. Ein Umdenken bei der Politik habe zwar stattgefunden, der Suchtaspekt werde wahrgenommen", sagt er. "Allerdings spielen die Staatseinnahmen ebenfalls eine Rolle, nicht alles, was geschieht, ist daran orientiert, einer Spielsucht vorzubeugen."

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