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Studie Testosteron fördert womöglich Kuschelbedürfnis von Männern

Kuschelndes Paar
Testosteron könnte das Kuschelbedürfnis von Männern steigern – zumindest im Tierexperiment.
© PeopleImages / Getty Images
Testosteron wird mit aggressivem Verhalten in Verbindung gebracht. Doch eine US-Studie liefert nun Hinweise dafür, dass das männliche Geschlechtshormon womöglich auch ein prosoziales Verhalten und das Kuschelbedürfnis fördert.

Der erste Gedanke beim Hormon Testosteron ist wahrscheinlich nicht der Anblick eines eng umschlungenen Pärchens. Testosteron wird mit Aggressionen verbunden. Schließlich hat das Hormon unter anderem die Aufgabe, das Verhalten eines Mannes im Dienste der Fortpflanzung zu koordinieren. Im Tierreich bedeutet das oft: Nur wer aggressiver ist und den Kampf um ein fruchtbares Weibchen gewinnt, kann sich fortpflanzen. Ein gutes Beispiel dafür sind Hirsche, die um die begrenzte Zahl an fortpflanzungsfähigen weiblichen Tieren kämpfen.

Doch das Hormon ist weitaus komplexer. Forschende haben herausgefunden, dass Testosteron auch freundliches, prosoziales Verhalten fördert und das Kuschelbedürfnis steigert – zumindest im Tierexperiment mit mongolischen Rennmäusen.

Mongolische Rennmäuse leben monogam. Die Wissenschaftler:innen gehen davon aus, dass das Tierexperiment auch Hinweise für das menschliche Verhalten liefern könnte, denn Hormone und Teile des Gehirns, auf die sie einwirken, sind bei Menschen und Rennmäusen gleich.

Die Mehrheit der Humanstudien zeigt, dass Testosteron aggressives Verhalten verstärkt. Aubrey Kelly und Richmond Thompson wollten mit ihrem Experiment ihre These überprüfen, ob Testosteron auch prosoziales Verhalten dämpft. Doch das Ergebnis überraschte die Forschenden: "Wir glauben, dass wir zum ersten Mal gezeigt haben, dass Testosteron neben Aggression auch nicht-sexuelles, prosoziales Verhalten bei derselben Person direkt fördern kann", sagte Aubrey Kelly, Erstautorin, in einer Mitteilung zur Studie.

Testosteron macht männliche Rennmäuse zum Superpartner

Die Forschenden brachten eine männliche Rennmaus mit einer weiblichen Partnerin zusammen. Als die Partnerin schwanger wurde, zeigten die männlichen Mäuse das übliche Kuschelverhalten. Die Wissenschaftler:innen verabreichten den männlichen Rennmäusen eine Testosteron-Injektion. Ihre Erwartung: Die männlichen Rennmäuse würden nach der Injektion weniger mit ihrer Partnerin kuscheln. Das Ergebnis: "Stattdessen waren wir überrascht, dass eine männliche Rennmaus noch anschmiegsamer und prosozialer mit ihrer Partnerin wurde", sagte Kelly. "Er wurde wie ein 'Superpartner'."

Die Forschenden gingen noch einen Schritt weiter: Sie trennten die Paare und die männlichen Mäuse blieben alleine in ihren Käfigen zurück. Die Forschenden setzten ihnen eine zweite männliche Rennmaus in den Käfig. Normalerweise würden sie diesen Eindringling bekämpfen oder ihm ausweichen. Stattdessen zeigten die Rennmäuse, die kürzlich die Testosteron-Spritze erhalten hatten, ein soziales Verhalten.

Männliches Geschlechtshormon scheint Verhalten auf Situationen abzustimmen

Die Wissenschaftler:innen gehen davon aus, dass der Anstieg des Testosteronspiegels im Zusammensein mit der Partnerin nicht nur das Kuschelbedürfnis ihr gegenüber steigerte, sondern sich die Rennmäuse allgemein sozialer verhalten. Erst bei einer erneuten Testosteron-Injektion verhielten sich die männlichen Rennmäuse wieder aggressiver gegenüber dem Eindringling in ihrem Käfig.

"Es scheint, dass Testosteron kontextangemessenes Verhalten verbessert", erklärte Aubrey Kelly. "Es scheint eine Rolle dabei zu spielen, die Tendenz zu verstärken, kuschelig und beschützend oder aggressiv zu sein."

Zusammenspiel von Testosteron und Oxytocin liefert mögliche Erklärung

Eine Erklärung für das Kuschelbedürfnis der männlichen Rennmäuse liegt in dem Zusammenspiel des männlichen Geschlechtshormons und dem Bindungshormon Oxytocin. Die Rennmäuse, die eine Testosteron-Injektion bekommen hatten, zeigten im Experiment während der Interaktion mit ihrer Partnerin eine höhere Oxytocin-Aktivität im Hirn als Männchen, die keine Spritze mit Testosteron erhielten. 

"Wir wissen, dass sich Oxytocin- und Testosteronsysteme im Gehirn überschneiden, aber wir verstehen nicht wirklich warum", sagte Kelly. "Zusammengenommen deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass einer der Gründe für diese Überschneidung sein könnte, dass sie zusammenarbeiten können, um prosoziales Verhalten zu fördern", erklärte sie.

Quellen: Studie in Proceedings of the Royal Society Biological Science, Mitteilung zur Studie, Carole K.Hooven (2022): "T wie Testosteron. Alles über das Hormon, das uns beherrscht, trennt und verbindet", Ullstein

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