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Covid-19 Thailands Corona-Rätsel: Niemand weiß so recht, warum das Land so gut durch die Pandemie kommt

Corona-Test im Wat Pho Tempel in Bangkok
Ein buddhistischer Mönch lässt sich Ende Mai im Wat Pho Tempel in Bangkok auf das Coronavirus testen
© Amphol Thongmueangluang/ / Picture Alliance
Geringe Infektionszahlen, wenige Tote: Thailand blieb bislang weitgehend vom Coronavirus verschont und geht damit einen überraschenden Sonderweg. Woran liegt das? Eine Spurensuche.

Enge Gassen, wuselige Restaurants und gut besuchte Food-Hallen: In Thailands Hauptstadt Bangkok geht es für gewöhnlich belebt zu, mehr als acht Millionen Menschen leben hier, oft auf engem Raum. Dennoch scheint das Coronavirus in dem asiatischen Land kein leichtes Spiel zu haben. Gerade einmal 3239 Infektionsfälle zählt die US-amerikanische Johns-Hopkins-Universität für Thailand mit seinen rund 70 Millionen Einwohnern. Gering fällt auch die Todesrate aus: Offiziellen Statistiken zufolge haben 58 Menschen eine Infektion mit dem Virus nicht überlebt.

Diese Zahlen überraschen – gerade in Zeiten, in denen andere Länder, darunter die USA, beinahe täglich neue Höchstwerte an Neuinfektionen vermelden müssen. Was macht Thailand richtig? Oder anders gefragt: Was machen andere Länder falsch?

Eine abschließende Antwort darauf zu finden, fällt schwer, möglicherweise könnten zahlreiche Faktoren eine Rolle spielen. "Hat die frühzeitige Einführung von Gesichtsmasken in Kombination mit einem robusten Gesundheitssystem die Auswirkungen des Virus abgeschwächt?", fragt etwa eine Reporterin der "New York Times". "Gibt es eine genetische Komponente, die das Immunsystem von Thailändern oder anderen Menschen in der Mekong-Region robuster gegen das Coronavirus macht?" Oder könnte gar der traditionelle thailändische Gruß - der Wai, bei dem Menschen die Hände zusammenfalten und sich leicht nach vorne beugen - eine Rolle spielen? Immerhin kommen sich Menschen dabei nicht so nahe wie bei einer Umarmung und können auch keine Erreger wie beim Händeschütteln übertragen.

Öffentliches Leben spielt sich im Freien ab

Klar ist bereis jetzt: Das Tragen von Alltagsmasken war bereits vor Corona tief in der asiatischen Gesellschaft verwurzelt. Die Maßnahme gilt mittlerweile als essenziell, um das Virus einzudämmen. Während die Menschen in anderen Ländern erst noch an die ungewohnten Masken herangeführt werden mussten, konnte die Auflage in Thailand schnell umgesetzt werden.

Hinzu kommt, dass sich weite Teile des öffentlichen Lebens im Freien abspielen. In den Abendstunden gehen viele Thailänder nach draußen, um Sport zu machen. Tanz- und Aerobic-Kurse finden oft auf öffentlichen Plätzen statt, wo sich infektiöse Tröpfchen schnell in der Luft verflüchtigen können. Auch viele Restaurants gleichen vielmehr überdachten Terrassen als geschlossenen Räumen mit vier Wänden. All das spielt dem Kampf gegen die Virus-Pandemie in die Hände.

Coronavirus Thailand: Schüler sitzen hinter Trennwänden aus Plastik in einem Klassenzimmer
Schüler der Watpichai-Schule in Bangkok: Masken und Absperrwände aus Plastikfolie sollen verhindern, dass sich das Coronavirus im Klassenzimmer ausbreiten kann
© Anusak Laowilas/ / Picture Alliance

Als die Schulen in diesem Monat wieder öffneten, machten Bilder von Kindern mit Masken und hinter Absperrwänden aus Plastik die Runde. Jeder Schüler sitzt zudem an einem Einzeltisch. Im Unterricht lernen bereits die Jüngsten, wie sie sich die Hände richtig waschen. Auch in Wartebereichen vor Behörden wird stets auf Mindestabstände geachtet. Plastikstühle im Freien zeigen das notwendige Mindestmaß an Abstand an. 

Viele asymptomatische Fälle

Gute Hygiene in Kombination mit kulturellen Gepflogenheiten - ist das also die Lösung für Thailands Corona-Rätsel? Wiput Phoolcharoen, ein Experte für öffentliche Gesundheit an der Chulalongkorn-Universität in Bangkok, glaubt, dass hinter dem Phänomen noch mehr stecken könnte. Als er einen Corona-Ausbruch in der Stadt Pattani im Süden von Thailand untersuchte, stellte er fest, dass 90 Prozent der dort positiv Getesteten keine Symptome zeigten - ein höherer Prozentsatz als anderswo.

"Wir untersuchen nun die Rolle des Immunsystems", erklärte er im Gespräch mit der "New York Times". Menschen, die in dieser Gegend von Thailand lebten, seien besonders anfällig für schwere Verläufe mit dem Dengue-Fieber - einer Krankheit, die durch Mücken übertragen wird. "Wenn unser Immunsystem gegen Dengue-Fieber so schlecht ist, warum kann unser Immunsystem gegen Covid dann nicht besser sein?"

Fraglich bleibt allerdings, ob die offiziellen Zahlen auch das tatsächliche Infektionsgeschehen abbilden. In Thailand werde vergleichsweise wenig getestet, heißt es in der "New York Times". Bilder von Corona-Tests in thailändischen Tempeln sollen freilich ein anderes Bild vermitteln. Ein hoher Prozentsatz von asymptomatischen Fällen könnte zudem zu einer größeren Dunkelziffer an bislang unentdeckten Fällen führen.

Zumindest das Auswärtige Amt scheint den Zahlen aus Bangkok aber Glauben zu schenken: Seit dem 2. Juli ist die Einreise von Thailand nach Deutschland wieder ohne Einschränkungen möglich. Neben Thailand ist das nur für sieben weitere Nicht-EU-Staaten erlaubt, darunter Australien, Kanada und Neuseeland. Das Amt verweist als Begründung auf das "geringe Infektionsgeschehen". 

Allein die Frage nach dem "Warum?" wäre damit aber immer noch nicht beantwortet. 

Quelle: "New York Times" / Auswärtiges Amt

ikr

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