HOME

Verhalten: Die Macht der Gefühle

Der kühle Verstand galt lange als das Kronjuwel der Schöpfung. Heute wissen Forscher, dass all unser Denken und Handeln geleitet ist von Emotionen. Ohne sie sind wir nichts.

Noch einen Tick mehr, und es wäre kaum auszuhalten, so gut fühlt sich das Leben an. Jeder Muskel ist entspannt. Die Wärme der Sonne umhüllt die Haut mit purer Wohligkeit. Eine sanfte Brise streichelt über die Poren und lässt die Härchen tanzen. Zwei Hände begegnen sich zärtlich im feinen Sand. Kreditlinien und den Stau am Kamener Kreuz, Kindchens Gequengel vor der Eisbude und das blöde Knacksen im Knie, alle Sorgen und Molesten spült das rhythmische Rauschen der Wellen aus dem Kopf und füllt ihn mit nichts als goldgelbem Nebel.

Mal ehrlich, ist es nicht das, was wir aus tiefstem Herzen suchen? Uns rundum wohlzufühlen? Nicht nur am Strand? Jetzt, gleich und immer? Die gute Nachricht: Genau dafür sind wir von der Evolution ausgestattet, auf dass wir leben und es uns gut ergehe. In unserem Erbgut ist für Leib und Seele gleichermaßen gesorgt: Was für den Körper das Immunsystem ist, das sind für unser geistiges Leben die Emotionen. Auch sie sollen abwehren, was uns bedroht, und zulassen, was uns gut tut.

Waren es lange vor allem Dichter und Philosophen, die sich einen Weg durch die Welt unserer seelischen Wallungen bahnten, so tummeln sich dort heute die Vertreter der exakten Wissenschaften. Hirnforscher faszinierte noch vor wenigen Jahren in erster Linie unser imponierender Verstand, die Fähigkeit zu kalkulieren, zu kombinieren und konstruieren wie kein anderes lebendes Wesen auf Erden. Doch der Versuch, den Menschen allein über den klaren, von Emotionen ungetrübten Intellekt zu definieren, führte in die Irre. So funktionieren wir nun mal nicht. Mit jedem bunten Bild, das die Computertomografen in den Hirnlabors weltweit produzierten, wurde klarer, wie sehr die lange geschmähte emotionale Welt in uns auch unser Handeln bestimmt. Aus Kliniken und Labors mit kaltem Halogenlicht und blanken Seziertischen, Untersuchungsröhren und Bündeln von Elektroden auf den Schädeln der Versuchspersonen kommen die bislang wohl stärksten Argumente für die untrennbare Verwobenheit von Geist und Körper, von Verstand und Gefühl, für das Bild vom "ganzheitlichen Menschen". Ohne Gefühle, so heißt die Botschaft, sind wir nichts.

Einer der wichtigsten Propheten dieser stillen Revolution aus dem Neurolabor ist ein zierlicher Endfünfziger aus Portugal, der heute zwischen Maisfarmen und Schweinezuchten im Mittleren Westen der USA lebt. Antonio Damasio ist Professor für Neurowissenschaften in Iowa City und einer der Großen unter den Hirnforschern. Zum dritten Mal berichtet er jetzt einem breiteren Publikum von seinen Expeditionen in den Kopf des Menschen und davon, wie sehr trotz aller imponierenden Geistesleistungen die Macht der Gefühle unser Leben steuert. Schmerzen und Lust, Vertrauen und Enttäuschung, Langeweile und Neugier, Wut und Zärtlichkeit, Freude und Trauer, Liebe, Hass und Eifersucht - die schier endlose Palette von Stimmungen und Emotionen und all ihren möglichen Mischungen und Schattierungen gibt unserem Leben erst Farbe und Gestalt.

Vom "Grunde des Herzens" und den "Tiefen der Seele" zu reden, sei überhaupt nicht abwegig, sagt ein Mann, der kein Poet ist, sondern Arzt und experimentierender Forscher. Solches Wissen kann uns helfen, einen neuen Blick auf das Leben zu gewinnen. Emotionen durchfließen und leiten uns in jeder Sekunde. Und erst wenn wir ihre abenteuerliche Welt in uns nicht mehr zu unterdrücken versuchen, sondern uns für sie öffnen, wach werden für ihre Botschaften und begreifen, wie sie mit unseren Gedanken verschmelzen, sie formen und führen, kann unser Leben wirklich gelingen.

Millionen Jahre hat es gedauert, die ganze Pracht der Emotionen hervorzubringen und immer weiter zu verfeinern. Von der Gänsehaut, mit der uns Ekel und Lust, Angst und liebevolle Dankbarkeit gleichermaßen überziehen können, bis hin zur hochintellektuellen Freude, die einen durchströmen kann, der einen eleganten mathematischen Beweis oder die Schönheit des Orionnebels bewundert. Doch nur selten sind wir es selbst, die unsere Stimmungsfarben mischen. Der weit überwiegende Teil unseres Gefühlslebens hat seinen Ursprung im Finstern, fernab von Verstand und Bewusstsein.

So zeigt sich auch das Glück, in dem wir am Strand baden, unter Palmen und tropischer Sonne, nur einen flüchtigen Moment, und es ist nur der oberste der vielschichtigen Seelenströme, die bis tief in uns rauschen. Ein undefinierbares Kitzeln an der Fußsohle vielleicht, der schrille Schrei eines Kindes vom Wasser herüber oder dass die Hand, die wir eben noch gestreichelt haben, sich plötzlich entzieht - schon ist das Paradies dahin, und ein gewaltiges Gemenge von Emotionen schießt aus den Tiefen empor. Die Muskeln spannen sich, das Herz schlägt heftiger, ein kalter Schauer läuft über die sonnengewärmte Haut - Stufe eins unserer genetisch vorgegebenen Abwehr ist eingeleitet. Vermutlich hat sich keine Giftschlange an unsere nackten Füße herangemacht. Das Kind in den Wellen quietscht sicher vor Vergnügen und nicht aus Todesangst. Und die Hand, die sich zurückgezogen hat, sucht wahrscheinlich nur die Limoflasche oder einen Keks und nicht gleich einen neuen Partner. Aber es könnte ja auch ganz anders sein.

So wacht unter der Oberfläche eines überwältigenden Wohlgefühls ein uraltes emotionales Alarmsystem, jederzeit bereit, uns aus dem Traum unverletzlichen Glücks zu reißen. Wir können unsere Gefühle nicht einfrieren, so gern wir das manchmal auch möchten. Unablässig fließen Ströme von Emotionen in uns und sorgen für Überraschungen. Denn auch die vor einem Jahr bewältigte Ehekrise liegt mit uns am Strand, das vor dem Urlaub noch liegen gebliebene Projekt im Büro und Mutters hoher Blutdruck, gegen den sie neue Pillen verschrieben bekommen hat. Obwohl wir diese Schichten aus Sorgen und Befürchtungen im Moment nicht bewusst spüren - tief unten sind sie trotzdem da und können jederzeit wieder hochgespült werden und das schöne Gefühl zerstören.

Erinnerungen liegen zuhauf da unten. Und werden sie geweckt, so steigen auch die Emotionen wieder auf, die wir mit ihnen im Gehirn gespeichert haben: Die erste Liebe steht vielleicht urplötzlich wieder vor dem geistigen Auge, wenn aus den Lautsprechern noch Jahrzehnte später "unser Lied" erklingt. Wieder läuft, fast so schön wie damals, ein wohliger Schauer über den Rücken. Auch Negatives wird gespeichert. So bringt beim Abholen des neuen Passes auf dem Amt der Geruch von Bohnerwachs noch einmal die Angst hervor, die uns beim Besuch im Krankenhaus überkam, als Vater am Herzen operiert werden musste. Schicht über Schicht strömen die Emotionen in uns und verwirbeln und mischen sich in jeder Sekunde. Was die Tiefen bergen, lässt die Oberfläche meist nicht einmal ahnen.

Darum schlagen Forscher wie Antonio Damasio vor, eine grundsätzliche sprachliche Trennung vorzunehmen: "Emotionen" sind danach die oft nur schwer zu fassenden, unbewussten Seelenregungen, der weit überwiegende Teil dessen, was uns im Innersten rührt und bewegt. "Gefühl" ist das, was uns bewusst und zum Gedanken wird, was wir aussprechen und mitteilen können: Ich habe Angst. Ich liebe dich. Wie wohl ist mir.

Am Bild eines verzweigten Baumes lässt sich der Aufbau unserer Innenwelt noch besser verstehen - vom uralten, mächtigen Stamm einfachster Reaktionen und Instinkte, den von Generation zu Generation weitergereichte Gene erschaffen, bis hinauf zu den lichtesten Verästelungen eines von Geist und Kultur geprägten Empfindens. Ganz unten stehen die einfachsten Reaktionen unseres Stoffwechsels, die Reflexe und auch das Immunsystem des Körpers. Die Erfahrung hat uns längst gelehrt, wie sehr uns physische Probleme auf die Stimmung schlagen und umgekehrt Seelenturbulenzen buchstäblich ans Herz gehen können. Alles hängt mit allem zusammen. Darum denkt auch langsamer, wer traurig ist oder wer mit einer Krankheit zu kämpfen hat. Ebenso werden wundersame Kräfte frei für unsere Kreativität und geistige Beweglichkeit, wenn Heiterkeit und Selbstvertrauen das Gemüt erhellen.

Alles, was sich an Organen und Funktionen einmal im Laufe von Hunderten Millionen Jahren entwickelt und dann bewährt hat, bleibt erhalten und wird eingebettet in immer höhere und komplexere Strukturen. Deshalb können auch wir noch reflexartig zucken wie ein Pantoffeltierchen, sobald uns etwas unerwartet berührt. Uns treiben Hunger, Durst und Lust auf Sex wie andere Wirbeltiere auch. Wir sind neugierig und verspielt wie junge Hunde oder Schimpansen. Dann allerdings kommt doch noch unser Eigenes: Nur bei uns Menschen wird die Welt der unbewusst gesteuerten Emotionen wenigstens an der Spitze mit dem Licht unseres Verstandes erhellt, nur wir Menschen haben Gefühl. Dazu aber brauchen wir das unvorstellbar komplexe Gewirr von mehr als 100 Milliarden miteinander verschalteten Nervenzellen - unser Gehirn.

Vom Hirnstamm ganz unten über das mitten im Gehirn liegende limbische System bis zu Teilen der vorderen Großhirnrinde liegen die Areale, in denen Emotionen ausgelöst werden. Vereinfacht dargestellt: Was die Sinnesorgane an bestimmte Regionen des Großhirns senden, wird - je nach betroffener Körperseite - an die rechte oder linke Amygdala weitergeleitet und dort auf ihre "emotionale Bedeutung" geprüft. Dieser Wert löst in den beteiligten Vorderhirnteilen, dem Hypothalamus und Neuronenzentren des Hirnstamms, die eigentlichen Emotionen aus. Bei Angst zum Beispiel verursachen die typischen elektrischen und hormonellen Reaktionen die entsprechenden körperlichen Veränderungen wie etwa höhere Herzfrequenz und die Anspannung der Muskeln

Mit den modernen Bildverfahren der Hirnforschung ist es heute möglich, Emotionen einigermaßen sichtbar zu machen. Und was dann Zeile für Zeile auf den Computerschirmen aufleuchtet, bekräftigt die Einheit von Körper und Seele, Geist und Gefühl. Emotionen entstehen dabei in allen Teilen des Gehirns: vom uralten Hirnstamm, den die Evolutionsgeschichte schon vor 500 Millionen Jahren hervorgebracht hat, über das so genannte "limbische System" etwa in der Mitte unserer Köpfe, das lange allein für die Quelle der Seelenregungen gehalten wurde, bis hin zu den Zentren des Intellekts und des kristallenen Verstandes in den Windungen der noch relativ jungen Großhirnrinde.

Es gäbe uns nicht, müssten wir erst unsere höheren grauen Zellen bemühen, um eine Gefahr wahrzunehmen. Wir müssen nicht nur schnell erkennen, was uns droht, wichtiger noch ist, schnell zu reagieren. Sobald darum Augen, Ohren oder andere Sinnesorgane - nicht das Bewusstsein - etwas wahrnehmen, das gefährlich werden könnte, wird automatisch die biologische Verteidigungsmaschinerie aktiviert: Wir sind am Stamm des Baumes, aus dem die Gefühle wachsen, tief unten im Dunkel unbewusster Reaktionen. Herzrate, Blutdruck und Atemfrequenz fahren hoch, die Muskeln werden angespannt, wir sind auf dem Sprung. Um einen Angriff abzuwehren oder aber uns schleunigst aus dem Staub zu machen. "Fight or flight" nennen Forscher diese elementare Schutzreaktion. Kommt diese Emotion urplötzlicher Bedrohung erst auf, dann können wir gar nicht anders, als unser Fühlen, Denken und Handeln wie einen Laserstrahl zu bündeln und auf das eine Ziel zu lenken - Überleben.

An diesem elementaren Beispiel wird bereits deutlich, was auch für komplexere Formen unseres Seelenlebens gilt: Emotionen sind, aufs Ganze gesehen jedenfalls, zu unserem Besten. Sie helfen uns, unseren Weg durch eine Welt zu finden, die voller Unwägbarkeiten ist und in der wir mit dem Verstand allein zugrunde gehen würden. Nicht nur, weil Schlangen uns bedrohen könnten. Wir könnten auch als soziale Wesen nicht existieren, hätten wir unsere Emotionen nicht - und hätten wir nicht zudem die Gabe, die Traurigkeit, Freude oder Wut der anderen zu erkennen. In einer Art Seelenpingpong beobachten wir zumeist nur unbewusst, was jeder Satz, jede Geste von uns auf der anderen Seite auslöst: Ist das Antwortsignal positiv, ein lächelnder Mund, freundliche Augen und eine entspannte Körperhaltung etwa, führt das vermutlich auch bei uns zu Zufriedenheit und Ruhe. Ist die Reaktion aber negativ, macht uns das womöglich ein "schlechtes Gewissen". Es sei denn, es war sogar unsere Absicht, den anderen zu verärgern oder einzuschüchtern. Ein ständiges Wechselspiel von emotionaler Aktion und Reaktion bestimmt, wie wir miteinander umgehen, und macht das Zusammenleben von Menschen erst möglich. Verlieren wir die Fähigkeit zur "Empathie", die uns emotionale Signale der anderen deuten lässt, kommt es zur Katastrophe.

Am Schicksal von Patienten mit schweren Hirnschäden im Großhirnteil des emotionalen Apparates, besonders in einigen Arealen des Stirnlappens, konnte Antonio Damasios Team das eindrucksvoll zeigen. Menschen, die lange ein unauffälliges Leben geführt hatten, deren Gehirn dann durch einen Unfall oder einen Tumor in bestimmten Bereichen der vorderen Großhirnrinde geschädigt worden war, zeigten plötzlich eine völlig veränderte Persönlichkeit. Sie verloren jedes Einfühlungsvermögen, wurden unzuverlässig, schlampig und in ihren Reaktionen unberechenbar. Theoretisch wussten sie zwar bei experimentellen Befragungen im Labor immer noch genau, wie sie in einer bestimmten Situation hätten handeln sollen. Sie waren sich völlig darüber im Klaren, dass es von Vorteil gewesen wäre, wie früher pünktlich zur Arbeit zu gehen, das Konto nicht hemmungslos zu plündern und häusliche Lappalien nicht mit brutaler Gewalt zu beantworten. Sie wussten es, aber sie konnten so nicht mehr leben, weil der Verstand durch den Organschaden von ihren Emotionen abgekoppelt war.

Deshalb würde auch Mr Spock, der ausschließlich auf den Verstand vertrauende Vulkanier vom Raumschiff Enterprise, im wahren Leben in der Psychiatrie landen, aber nicht als Offizier auf fernen Planeten. Denn wer keine Emotionen hat oder sie mit aller Macht zu unterdrücken versucht, ist sozial nicht lebensfähig. Aus demselben Grund bleibt auch der brillanteste Computer ein seelisches Nichts. Er kann zwar Differenzialgleichungen lösen und Klimamodelle berechnen, bei Mozart oder Madonna aber keine Gänsehaut bekommen. Als Menschen funktionieren wir komplett anders, zumindest solange wir seelisch gesund sind. Wir haben genetisch geprägte Emotionen, ohne dass wir willentlich daran etwas ändern könnten. Dass solche Regungen "einfach" da sind und auf ihre Aktivierung warten, lässt sich beweisen: Nur ein kleiner elektrischer Impuls an der richtigen Stelle im Kopf, und schon geht es los.

So wurde etwa eine Patientin am Pariser Hôspital Pití? Salpêtrière wegen einer schweren Parkinson-Erkrankung behandelt, wie Antonio Damasio in seinem neuen Buch berichtet. Weil Medikamente nicht mehr halfen, sollte der Frau ein winziges Implantat in das Stammhirn eingesetzt werden. Zwischen Elektroden, so hofften die Ärzte, würde dann ein schwacher Strom fließen, der das für das Leiden typische Zittern ausgleichen könnte. Bei 19 anderen Patienten hatten die französischen Ärzte dieses Verfahren schon erfolgreich angewandt. Diesmal aber geschah Seltsames. Als die Chirurgen den letzten Kontakt gelegt hatten - die Patienten sind dabei wach und nur am Kopf örtlich betäubt, da Eingriffe am Gehirn selbst keine Schmerzen erzeugen -, versank die Frau plötzlich in tiefe Traurigkeit. Sie begann zu weinen und sagte, sie wüsste nicht mehr weiter: "Ich habe das Leben satt... Ich möchte mich in einer Ecke verstecken... Ich weine natürlich um mich selbst. Es ist alles so hoffnungslos, warum belästige ich Sie damit?" Anderthalb Minuten nachdem der Arzt den Strom vorsichtshalber abgeschaltet hatte, verebbte auch das Schluchzen der Frau. Sie lächelte wieder, war vollkommen entspannt und fragte dann sogar halb belustigt, was denn wohl gerade über sie gekommen sei.

Für solche "elektrischen" Gefühle gibt es eine Reihe von Beispielen. Bei einer anderen, psychiatrisch ebenfalls völlig unauffälligen Patientin in einem anderen Krankenhaus konnte so das pure Vergnügen geweckt werden. Strom an, und sie lachte herzhaft ohne jeden anderen Grund. Mit dieser leeren Emotion war ihr nach Wissen und Einsicht strebendes Oberstübchen allerdings gar nicht zufrieden. Und so suchte es nach irgendeiner Erklärung für die Heiterkeit. Zeigten die Ärzte der Frau etwa das Bild eines x-beliebigen Pferdes, schien ihr das urkomisch. Oder die Ärzte mussten gar selbst herhalten: "Oh, Leute ihr seid einfach zu komisch, wie ihr da so herumsteht." Das fanden die "Leute" zwar nicht, doch immerhin war das Lachen der Frau so echt und herzerfrischend, dass es sie ansteckte - und schließlich konnten sie es auch ganz einfach wieder abschalten.

Niemand muss erst lernen, ängstlich oder wütend oder traurig zu sein. Über diese Stimmungspalette verfügen wir schon als Säugling, weil sie uns ins Erbgut geschrieben ist wie die Haarfarbe oder die Zahl der Finger an unseren Händen. Emotionen sind so etwas wie von der Natur fertig geschnürte Reaktionsbündel, sagt Damasio. Die darin eingepackten Anweisungen betreffen den Hormonhaushalt und das Herzkreislaufsystem ebenso wie große Areale des Gehirns vom uralten Hirnstamm bis hinauf zur Großhirnrinde. Allerdings packen wir solche emotionalen Pakete nicht nach Belieben selbst aus, sondern es bedarf eines Anlasses, einer bestimmten stimulierenden Situation, in die wir geraten - oder in die wir uns selbst bringen -, damit sie sich entfalten.

In der elementarsten Form zeigen selbst niedere Kreaturen bereits solche vorgeprägten Emotionen. Tippen Sie eine Schnecke mit der Fingerspitze an, steigt ihr Blutdruck, das Herz beginnt zu rasen, die Muskeln ziehen sich zum spontanen Rückzug zusammen. Furcht würden wir die Summe solcher Symptome beim Menschen nennen. Und warum nicht auch bei der Schnecke? Tiere fühlen nicht wirklich so wie wir. Dafür ist einfach zu wenig im Kopf. Natürlich dürfen wir uns fürs eigene Wohlbefinden einbilden, Fiffi habe uns lieb. Doch spätestens wenn der Kläffer nach der Hand schnappt, die ihn doch nur streicheln will, könnte uns klar werden, dass wir mit einem komplexen System genetischer Programme spielen, das eben den falschen Reiz bekommen hat.

Im Prinzip funktionieren die höheren zwischenmenschlichen Emotionen von Liebe bis Hass nicht anders als die elementaren Regungen, die unser leibliches Überleben in einer nicht immer freundlichen Umwelt sichern sollen. Auch das, was unser Miteinander prägt und steuert, beruht auf genetisch vorgepackten Bündeln von Reaktionsmustern. So wie wir die Furcht vor Naturgewalten nicht lernen müssen, erkennen wir auch die Signale von Charme und Liebe, Hass und Neid ohne jeden psychologischen Abendkurs. Allerdings spielt bei solchen komplexeren Gefühlen durchaus eine Rolle, wo wir sie einsetzen und wem gegenüber. Anders als bei sehr einfachen Reaktionen kommt jetzt die Kultur ins Spiel. Und die muss bedacht werden, wollen wir die Zeichen nicht falsch deuten.

Egal was uns passiert, es soll uns gut gehen. Dieses Evolutionsprinzip beherrscht unser komplettes Innenleben. Auf der untersten Ebene schützen uns Immunsystem und Reflexe. Lust und Schmerz, Empfindungen von Belohnung und Bestrafung, Freude und Trauer und auch die Triebe wie Sexualität oder der Hunger dienen auf den nächsthöheren Ebenen demselben Zweck: Wir sollen meiden, was uns schadet, und suchen, was uns gut tut. Auf der komplexesten Ebene schließlich sollen uns die Emotionen und bewussten Gefühle den Weg durch das Leben bahnen

Heißt etwa das ewige Lächeln der Japaner, sie seien allzeit fröhlich und freundlich? Das Experiment beweist das Gegenteil: Beobachtet man durchschnittliche Japaner, die allein sind, über einen Tag mit versteckter Kamera, so zeigen sie auf ihren Gesichtern Anzeichen einer Gefühlspalette, die sich durch nichts von der eines durchschnittlichen Europäers unterscheidet - auch bei noch so tiefgründigem Lächeln: Japaner sind nicht anders, sie geben sich nur anders als Folge einer Kultur, die sich ganz anders entwickelt hat als unsere abendländische.

Das körperliche Signal allein gibt keine verlässliche Auskunft über den emotionalen Hintergrund, schließlich sind auch gute Schauspieler in der Lage, die richtigen Saiten in uns so anzureißen, dass wir ihnen etwa eine Bühnentrauer abnehmen. Gelingt es, dann greifen wir zum Taschentuch, obwohl unser kluger Kopf sich doch im Theater oder Kino weiß. Denn ist die Tür zur richtigen Abteilung der Gefühle erst geöffnet, kramt unser Gehirn wie von selbst das eigene erfahrene Leid hervor und erhöht so noch einmal den Druck auf unsere Tränendrüsen. Ob uns dabei echtes Elend rührt oder nur gespieltes, ist dann so gut wie bedeutungslos. Wir schluchzen einfach mit.

Nun sind die genetisch in uns angelegten Gefühle nicht immer nur hilfreich. Und auch dafür liegt der Grund im Gehirn. Genauer gesagt in seiner imponierenden Größe und Kapazität. Unser Intellekt prescht vor, treibt die kulturelle Entwicklung an, die biologische aber, das genetische Erbe in jeder unserer Zellen, kommt nicht mehr mit. Denn es bedarf vieler Generationen, bis sich eine natürlich oder auch künstlich veränderte Umwelt in unserem Erbgut niederschlägt. Wundern wir uns also nicht zu sehr, wenn es unter den Designerlampen einer Chefetage gelegentlich zugehen kann wie im Fackelschein einer eiszeitlichen Höhle.

Darum ist es nicht immer ratsam, seinem "Bauch" zu folgen und Gefühlen blind zu vertrauen. Denn unsere Gene sind in der längst verschollenen Welt der Mammuts und Säbelzahntiger zurückgeblieben. So kann es passieren, dass uns unsere genetisch vorgefertigten Emotionen dazu verleiten möchten, die Keule herauszuholen, wo es dem kultivierten Verstand nach sehr viel sinnvoller ist, ein klärendes Gespräch zu suchen und Versöhnung statt Kampf. Sinnvoller ist das deshalb, weil wir mit dem Kopf einen längeren Zeitraum überschauen können als mit spontanen Gefühlswallungen, die sich zumeist auf die unmittelbare Situation beschränken. Die vielleicht sogar berechtigte Wut herauszulassen und einfach draufzuhauen, löst womöglich den Konflikt im Hier und Jetzt. Die Langzeitfolgen aber können wir dann in aller Ruhe hinter Gittern bedenken. So wichtig es ist, auf unsere Emotionen zu hören, so wichtig ist es andererseits, deren drängende Handlungsvorschläge noch einmal prüfend in das Licht der Vernunft zu halten.

Und wenn sich die Liebe regt und wir wie wild entflammen? Gäben wir dieser Emotion genau so hemmungslos nach wie der schäumenden Wut, wären die Folgen nicht weniger fürchterlich. Denn nicht selten - gestehen wir es ruhig - treibt sexuelle Begierde den Blutdruck hoch und vernebelt den Verstand. So hat es sich um der für alle besseren Langzeitfolgen willen bewährt, kulturell geprägte Regeln einzuhalten, selbst wenn die Hormone rauschen und anderes empfehlen.

Der emotionale Werkzeugkasten hat die vergangenen Jahrzehntausende weitgehend unverändert überstanden. Trotzdem entwickeln wir uns in unserem Leben nicht nur intellektuell weiter. Denn in unseren Köpfen verfügen wir über eine "Lernmaschine", die auch im Umgang mit den Gefühlen zu Höchstleistungen fähig ist. Nur deswegen können wir auch auf solche Ereignisse emotional reagieren, die von der trägen Evolution noch gar nicht vorgesehen werden konnten, weil es Discos und Monopoly, Flugzeuge und Lottoscheine im Zeitalter der Faustkeile nicht gab. Das Instrumentarium unserer möglichen Reaktionen ist zwar biologisch begründet und dazu auch ein Basiskatalog von möglichen Auslösern. Doch während unseres gesamten Lebens lernen wir dazu und belegen neue Erfahrungen mit eigenen Gefühlswerten.

Ein wichtiger Teil des "limbischen Systems", die so genannte Amygdala, ein altes, aber sehr komplexes System von gut einem Dutzend verschiedener neuronaler Kerne, übernimmt dabei offenbar die Aufgabe eines Türstehers, wie neuere Untersuchungen zeigen. Dabei versieht die Amygdala jeden "Neuankömmling", den die Sinnesorgane zum Gehirn schicken, mit einer Bewertung, die sie am emotional bedingten Zustand misst, den der neue Eindruck körperlich ausgelöst hat: Was uns auf- oder anregt, gilt ab sofort als wichtig und wird darum im Archiv des Langzeitgedächtnisses abgespeichert. Was dagegen belanglos erscheint und keine emotionale Saite anreißen kann, rauscht durch uns hindurch, ohne Spuren zu hinterlassen. Obwohl wir vom Erbgut her nahezu identisch sind, wie die genetische Forschung der vergangenen Jahre deutlich gemacht hat, unterscheiden wir uns doch erheblich in dem, was wir an Gutem wie Schlechtem erfahren. So werden wir vor allem durch das, was uns Tag für Tag erfreut oder leiden lässt, durch unsere so unterschiedlichen Gefühlswelten also, zu unverwechselbaren Individuen.

Sind nicht unsere Temperamente verschieden, obschon wir ähnliche Erfahrungen machen? Ob wir zum Beispiel eher positiv gestimmte Menschen sind oder dazu neigen, in allem den Wurm zu suchen, scheint tatsächlich biologisch vorgeprägt. Ähnlich sieht es auch für unsere Abenteuerlust aus oder die Neugier, die uns zu neuen Erfahrungen treibt. Manche, so scheint es, haben darum von vornherein einen etwas kürzeren Weg zum Glück als andere. Doch bleibt trotz solcher genetischer Vorgaben ein großer Spielraum für Entwicklungen. Was für die Intelligenz gilt, bewahrheitet sich offenbar auch für unsere emotionalen Fähigkeiten: Wir können daran arbeiten und sogar mehr als ausgleichen, was uns nicht in die Wiege gelegt worden ist.

Zoff am Arbeitsplatz, die Krise in der Ehe oder eine Krankheit, die uns plagt, lassen sich nicht einfach "wegdenken". Eben weil der Verstand nicht getrennt von dem arbeitet, was uns bewegt oder wie es uns körperlich gerade geht. Doch was hindert uns eigentlich, ihn einzusetzen, um für uns die guten Gefühle zu suchen? Gerade die ganzheitliche Sicht vom Menschen, wie sie die Hirnforschung immer mehr erschließt, legt uns das nahe. Und damit das gelingt, müssen wir im ersten Schritt uns selbst beobachten und erkennen, was uns gut tut und was nicht. Die kleinen, alltäglichen Situationen sind der Schlüssel. Der Spaziergang mit dem Hund, die Stunde auf dem Sofa mit einem Krimi, der Anruf bei Freunden. Alles für sich genommen nichts Aufregendes. In der Summe aber und auf Dauer hellt sich unsere Stimmung auf. Die Probleme bleiben, neue kommen hinzu. Aber womöglich finden wir so mit ein bisschen Training einen Weg, anders mit ihnen umzugehen, uns nicht von allem und jedem runterziehen zu lassen oder gleich auszurasten, wo die "Glücklichen" mit einem Schulterzucken auskommen.

"Die Natur hat keinen Plan zur Förderung des menschlichen Wohls", sagt Antonio Damasio, "doch der Mensch als Geschöpf der Natur ist in der Lage, einen solchen Plan zu ersinnen." Einen Versuch ist das wert. Und vielleicht fühlt sich das Leben dann schon bald richtig gut an.

Frank Ochmann

Alle Illustrationen: Ludvik Glazer-Naudé

print
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity