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Wechseljahre: Risiko Hormonersatztherapie

Schlaganfall, Herzinfarkt, Alzheimer, Thrombosen, Lungenembolie, Brustkrebs - die Liste der Schreckensmeldungen über mögliche Folgen der Hormonersatztherapie zur Behandlung von Wechseljahres-Beschwerden wird immer länger.

Schlaganfall, Herzinfarkt, Alzheimer, Thrombosen, Lungenembolie, Brustkrebs - die Liste der Schreckensmeldungen über mögliche Folgen der Hormonersatztherapie wird immer länger. Und mit jeder neuen Warnung von Medizinern und Aufsichtsbehörden rückt das Ende näher für eine Behandlungsmethode, die nach wie vor als das wirkungsvollste Mittel gegen die quälenden Beschwerden der Wechseljahre gilt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel rät inzwischen dringend, nur noch kurzzeitig und in besonders schweren Fällen auf den Hormonmix aus Östrogenen und Gestagenen zurückzugreifen.

Nach zwei bis drei Jahren Behandlung wächst das Risiko einer Brustkrebserkrankung

Auslöser der jüngsten Warnungen sind die Ergebnisse einer britischen Massenstudie an mehr als einer Million Frauen im Alter zwischen 50 und 64 Jahren. Demnach verdoppelt sich das Brustkrebsrisiko bei Patientinnen, die über zehn Jahre die Therapie mit kombinierten Hormonpräparaten nutzen. Entgegen bisherigen Vermutungen steigert selbst die Einnahme reiner Östrogen-Medikamente die Gefahr. Und diese wächst mit der Dauer der Behandlung: Nach einem Jahr ist das Risiko noch kaum erhöht, doch schon nach zwei bis drei Jahren wird eine Brustkrebserkrankung immer wahrscheinlicher. Erst fünf Jahre nach Ende der Therapie sinkt das Risiko wieder auf Normalniveau.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe nennt die Studienergebnisse beunruhigend, warnt aber zugleich vor Überreaktionen oder Panik: "Wichtig ist, dass die Hormontherapie nur bei entsprechender Indikation eingesetzt wird", sagt der Lübecker Professor Olaf Ortmann, der für die Fachorganisation federführend Empfehlungen zur Hormonersatztherapie erarbeitet.

In den 90ern sprachen die Ärzte noch von Panikmache

Auch der Präsident der Gesellschaft, Klaus Diedrich, betont, dass nur dann mit Hormonen behandelt werden dürfe, wenn die Lebensqualität der Patientin durch klimakterische Beschwerden wie Schlafprobleme, Hitzewallungen, Schwindel und Depressionen erheblich eingeschränkt werde. Die Therapie müsse zudem so kurz wie möglich gehalten werden, und die Frauen sollten sich regelmäßig auf Brustkrebs untersuchen lassen.

Neu sind die Bedenken allerdings nicht: Schon in den 90er Jahren verunsicherten Meldungen über auffällige Häufungen von Krebsfällen im Zusammenhang mit der Hormontherapie Millionen Patientinnen. Viele Experten kritisierten damals noch die vermeintliche Panikmache. Das änderte sich schlagartig im Sommer 2002: Amerikanische Wissenschaftler brachen spektakulär eine groß angelegte Hormon-Studie mit der Begründung ab, dass das Risiko für die Teilnehmerinnen zu hoch sei.

Die Warnungen überschlagen sich

Die Women’s Health Initiative hatte an rund 16.000 Frauen im Alter von 50 bis 79 Jahren die Wirkung einer Kombination aus Östrogenen und Gestagenen untersucht. Ursprünglich sollte die Studie bis 2005 laufen, doch bei einer Zwischenauswertung zeigte sich, dass die behandelten Frauen zwar seltener an Darm- und Gebärmutterkrebs erkrankten und weniger Knochenbrüche erlitten. Zugleich erhöhte sich aber das Risiko eines Schlaganfalls um 41 Prozent, eines Herzinfarkts um 29 Prozent und von Brustkrebs um 26 Prozent. Auch Lungenembolien kamen öfter vor.

Seitdem überschlagen sich die Warnungen: Schon zu Beginn der Behandlung könne es zu Thrombosen kommen, mahnen Gynäkologen. Auch das Risiko von Erkrankungen der Gallenblase und des Gallenwegs sei unabhängig von der Dauer der Therapie erhöht. Eine im Juni dieses Jahres veröffentlichte US-Studie bringt die Hormonpräparate sogar mit einem deutlich höheren Alzheimer-Risiko in Verbindung - bislang galten die Östrogene und Gestagene eher als Schutz vor Demenz-Erkrankungen. Einer anderen US-Untersuchung zufolge ist nach nur einem Therapiejahr auch das Risiko für Herzerkrankungen erhöht.

Nach Angaben des Berufsverbandes der Frauenärzte sind derzeit rund zehn Millionen Frauen in den Wechseljahren, und nur bei 20 bis 30 Prozent verläuft die Hormonumstellung beschwerdefrei. Bei der überwiegenden Mehrheit dagegen reduziert die verminderte Produktion von Östrogen und Progesteron die Lebensqualität. Daher greifen noch immer mehrere Millionen Patientinnen zu den Hormonmedikamenten. Doch diese Zahl dürfte mit jeder neuen Alarmmeldung weiter zurückgehen. In zwei Jahren erwartet die Gynäkologie-Gesellschaft weitere Ergebnisse aus der britischen Massenstudie. Und spätestens dann könnte für die Hormontherapie tatsächlich das Ende gekommen sein.

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