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Weltpoliotag: "Keiner wusste, was los war"

Die Infektionskrankheit Polio, auch als Kinderlähmung bekannt, ist dank Impfungen in Deutschland ausgerottet. Doch wer einmal an Polio erkrankt war, kämpft sein Leben lang mit den Folgen.

"Schluckimpfung ist süß - Kinderlähmung ist grausam." Mit diesem Slogan wurde in den 1960er und 70er Jahren in Deutschland für Impfaktionen geworben. Dabei bekamen Kinder auf einem Stück Zucker den Wirkstoff gegen Poliomyelitis verabreicht. 2002 erklärte die Weltgesundheitsorganisation Europa zur poliofreien Zone. Nach Angaben des Bundesverbandes Poliomyelitis leben in Deutschland aber rund 60.000 Menschen, die die Krankheit vor den Impfaktionen durchmachten. Sie kämpfen bis heute mit den Nachwirkungen, berichtet der Verband zum diesjährigen Weltpoliotag. Neben schweren Lähmungen kann es zum Post-Polio-Syndrom kommen, zu dessen Beschwerden Muskelschwächen, Atemnot und Erschöpfung gehören.

Das rechte Bein wurde schwächer

Margit Lindermann war vier Jahre alt, als sie im Sommer 1952 plötzlich mit einer Lähmung am ganzen Körper aufwachte. "Ich konnte nur noch mit den Augen rollen", erzählt die 58-Jährige aus Siershahn im Westerwald. Erst erkannten die Ärzte die Krankheit nicht, danach wurde Lindermann lange behandelt. Die Lähmungen verschwanden, doch das rechte Bein war von da an schwächer. "Von außen hat man mir nichts angesehen", sagt die Rheinland-Pfälzerin. In den 90er Jahren bemerkte die Lehrerin schließlich, dass sie über ihren rechten Fuß fiel und ständig "hundemüde" war.

"Kein Mensch wusste, was mit mir los war." Nach langem Rätselraten wurde schließlich ein Post-Polio-Syndrom festgestellt, das erst 20 bis 40 Jahre nach der Kinderlähmung auftreten kann. 1996 gründete Lindermann in Koblenz eine Selbsthilfegruppe. Sie regt sich vor allem über die Unkenntnis vieler Ärzte auf. "Viele wissen nicht Bescheid und sagen, stellen Sie sich nicht so an", erzählt sie. Zusammen mit anderen Betroffenen fordert sie, dass Mediziner sich über das Post-Polio-Syndrom informieren oder Patienten mit Verdacht auf das Syndrom an spezialisierte Einrichtungen wie die Polio-Ambulanz Bad Ems überweisen.

Keine Heilung in Aussicht

Die Ambulanz in der AOK-Klinik betreut rund 600 Patienten im Jahr. Die Zahl der Behandlungsbedürftigen in ganz Deutschland schätzt Leiter Axel Ruetz auf rund 50.000. Damit sei das Post-Polio-Syndrom zwar eine seltene Erkrankung, die aber für die Betroffenen schwerwiegend sei. "Eine Heilung kann es nicht geben", sagt Ruetz. Man könne nur versuchen, den Krankheitsverlauf aufzuhalten und die Folgen zu lindern. Nach einer genauen Diagnose entsteht für den Patient ein Konzept, das aus Medikamenten, Krankengymnastik oder orthopädischen Hilfsmitteln bestehen kann.

Das Post-Polio-Syndrom sei eine degenerative Nervenerkrankung, erklärt der Arzt. Nach einer durchlittenen Kinderlähmung übernähmen die gesunden Nervenzellen von den abgestorbenen die Kontrolle der Muskulatur. Wegen der erhöhten Belastung alterten diese Zellen vorzeitig. Ruetz erinnert daran, dass Touristen sich das Polio-Virus auf Fernreisen, beispielsweise in einige afrikanische und asiatische Länder, einfangen können. Die Polioimpfung gehört auch in Deutschland weiter zum Standard-Impfprogramm für Kinder und Jugendliche.

Margit Lindermann ging 1999 vorzeitig in Pension und sitzt heute im Rollstuhl. "Ich muss meinen Alltag so organisieren, dass ich regelmäßig Ruhepausen einlege", sagt die 58-Jährige. Sie bekomme viel Unterstützung von ihrem Mann und Freunden. Trotz des bisherigen Krankheitsverlaufs bleibt sie optimistisch: "Ich hoffe, dass die Verschlechterung langsam voranschreitet."

Bettina Grachtrup/DPA / DPA

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