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Blumen für einen Mörder: Die Legende des Jesse James lebt

Er ist eine Legende - und ein Mörder, Räuber und Bandit. Dennoch wird Jesse James in Teilen der USA verehrt wie ein Volksheld. Tausende pilgern zum Grab - das seit mehr als 100 Jahren leer ist.

Besucherin Kathy Simon hält Jesse James für eine der faszinierendsten Figuren der amerikanischen Geschichte

Besucherin Kathy Simon hält Jesse James für eine der faszinierendsten Figuren der amerikanischen Geschichte

Frische Blumen liegen am Grabstein, daneben ein Fähnchen. Eine Frau kniet nieder am Grab eines Mannes, der schon mehr als 130 Jahre tot ist. Jesse James ist nach wie vor eine der bekanntesten Männer der US-amerikanischen Geschichte, vor ein paar Jahren widmete ihm selbst Brad Pitt einen langen Film. Doch die Sichtweise auf den Revolverhelden ist höchst unterschiedlich.

12.000 Besucher hat das Jesse-James-Museum in Kearny bei Kansas City jedes Jahr. "Sie kommen aus allen 50 Staaten der USA und mehr als 50 anderen Ländern. Ganz viele auch aus Deutschland", sagt Elizabeth Beckett. Sie ist Direktorin des Museums, das auf der früheren Farm der James-Familie steht. Zu sehen ist das kleine Häuschen, in dem Jesse James aufwuchs. Sein einstiges Grab. Und die Hütten der Sklaven.

Überfälle auf Banken und Züge

Denn die Mitglieder der James-Familie waren überzeugte Südstaatler. Mit 16 schloss Jesse sich einer grausamen Partisanentruppe an, die Städte und Züge überfiel und Wehrlose ermordete. Beim Centralia Massaker wurden 22 Soldaten der Unionstruppen, alle unbewaffnet und auf dem Nachhauseweg, getötet. Nach dem Krieg machte James auf private Rechnung weiter: Eineinhalb Jahrzehnte raubte er Banken und Züge aus. Wer ihm in den Weg trat, wurde erschossen.

"Ja, er hat getötet und geraubt. Das verschweigen wir auch nicht in unserem Museum", sagt Beckett. "Aber Jesse James ist ein wichtiger Teil der Geschichte. Wer den Westen verstehen will, muss auch dieses Kapitel kennen." Niemand wolle James glorifizieren. "Na ja, ein paar gibt es noch, für die der Krieg nie endet. Aber das sind ganz wenige. Die meisten Besucher interessieren sich einfach für Geschichte."

So wie Kathy Simon, die aus Michigan kommt. In der nördlichen Ecke der USA kann man kaum Sympathien für die Konföderierten erwarten. Warum ist sie hier? "Jesse James ist einfach eine der faszinierendsten Figuren unserer Geschichte. Ob man ihn mag oder nicht." Simon ist schon zum zweiten Mal da. "Es ist einfach fesselnd, weil man viel über den Lebensstil unserer Urgroßeltern erfährt. Natürlich ist das alles auch erschreckend, aber auch das sind nun mal unsere Wurzeln."

Grabmal ist nur Kopie

Sie steht am Grab mit dem Obelisken, beides unecht. Denn James ruhte nur kurz hier, dann wurde er auf den Friedhof ein paar Meilen weiter umgebettet. Der Obelisk ist eine Kopie, weil Souvenirjäger den echten fast komplett in Stückchen zerlegten. Die Inschrift lautet: "Hingebungsvoller Ehemann und Vater ... ermordet von einem Verräter und Feigling, dessen Name es nicht wert ist, hier erwähnt zu werden."

Der Name ist Robert Ford. Der 20-Jährige, Mitglied der eigenen Gang, schoss dem unbewaffneten James in dessen eigenem Haus in den Rücken. Das Haus steht heute im nahen St. Joseph als Touristenattraktion. "Seht das Einschussloch!" steht draußen dran. Ford und sein Bruder Charles gingen auf Tournee und spielten Hunderte Male nach, wie sie den Outlaw umbrachten. Charles tötete sich zwei Jahre danach selbst, Robert wurde zehn Jahre später in seinem Saloon erschossen.

"Ein feiger Mord ist natürlich das perfekte Futter für eine Legende", sagt der Westernhistoriker Mark Lee Gardner. "Und nicht wenige sehen ihn noch als eine Art Robin Hood. Er hat auch tatsächlich von den Reichen genommen. Dummerweise hat er nicht den Armen gegeben, sondern nur sich selbst." Als Gardner im Südstaat Missouri aufwuchs, habe James als Held gegolten. "Jetzt sehen das alle ein bisschen anders. Im Grunde ist er vor allem eines: Folklore."

yps/DPA / DPA