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"Die Ermordung des Jesse James": Mit den Augen des Feiglings

Die Legende von Jesse James ist schon Dutzende Male verfilmt worden. Was das Westernmelodram mit Brad Pitt in der Hauptrolle außergewöhnlich macht, ist die Perspektive: Es erzählt die Geschichte aus der Sicht von Bob Ford, jenem feigen Mörder, der den Revolverhelden hinterrücks erschoss.

Jesse James ist der berühmteste Revolverheld des Wilden Westens. Zu seinem Starruhm, der schon zu Lebzeiten begann, hat auch beigetragen, dass Jesse James 1882 mit 34 Jahren in seiner kriminellen Blütezeit starb - nicht im Bett und nicht durch die Kugeln seiner Gegner. So unternimmt das am 25. Oktober anlaufende Western-Melodram "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" den Versuch, die schon Dutzende Male verfilmte Legende aus einem ungewohnten Blickwinkel zu zeigen - aus der Sicht von Jesse James' Mörder, eines Mitglieds seiner Bande. Es ist die alte Mär von Brutus und Judas, vom Vertrauten, der zum Verräter wird, die das Psychodrama, basierend auf einem Roman, in epischer Länge, eindringlichen Großaufnahmen und einsamen Landschaftsbildern auswalzt.

Zugleich nimmt die Figur des Robert "Bob" Ford auch Medienrummel und Star-Hysterie heutiger Zeiten vorweg. Denn wie für manchen unterbelichteten Teenager Che Guevara, so ist für den vaterlosen 19-jährigen Farmerjungen Bob der Bandit Jesse James ein Idol. Er verschlingt von Kind an Groschenromane über James, der durch Eisenbahn- und Banküberfälle bereits eine lebende Legende war. Durch Bitten und Betteln schafft er es, in James' nächste Entourage zu gelangen. Jesse James, der mit seinem Bruder Frank während des amerikanischen Sezessionskrieges in einer Guerilla-Armee gegen die "Yankees" gekämpft hatte, wurde in seiner Heimat Missouri trotz Morden und Überfällen weithin als Rebell und Robin Hood verehrt. Diese Vorgeschichte allerdings wird im Film kaum angetippt. Er nimmt lediglich das letzte halbe Lebensjahr bis zu Jesses Tod im April 1882 unter die Lupe. Als nach dem letzten Eisenbahnüberfall im Herbst 1881 das Kopfgeld kräftig erhöht wird, zerstreuen sich Jesse und seine Spießgesellen, belauern sich - und bringen sich gegenseitig um: eine Chronik angekündigter Tode. Bob Ford gibt Jesse quasi den Gnadenschuss.

Brad Pitt als müder Desperado

Brad Pitt, der den Film mit produziert hat, spielt in seiner bisher facettenreichsten Rolle den Gesetzlosen als müden, kranken Mann mit Familie, zermürbt zwischen seiner Tarnexistenz als braver Bürger und seinem Tagesgeschäft als Räuber. Der Südstaaten-Held ist bereits zum Desperado und lebenden Anachronismus geworden, der nicht mehr in die neue Zeit passt. Dabei erinnert Pitt in einer charismatischen Mischung aus Kumpelhaftigkeit, Paranoia, Schläue, Instinkt und innerer Verzweiflung auch an seinen psychopathischen Serienkiller in "Kalifornia" (1992). Durchaus ergreifend legt das Drama nahe, dass Fords Schuss in den Rücken seines Idols von diesem gewollt war. So scheinen Depression und Defätismus den alten Western-Mythos auszuhebeln.

Auch der mit seinen großen, starrenden Augen mal bemitleidenswert tumb, mal bauernschlau wirkende Verräter Ford, der anschließend Jesses Ermordung über 800 Mal im Theater nachspielte, ist kein klischeehafter Schurke. Casey Affleck, Bruder von Ben Affleck, spielt ihn als hündisch ergebenen, innerlich zerrissenen Verehrer, bei dem man beim Denken förmlich die Rädchen im Kopf knirschen hört. Überhaupt schrammt der IQ der versippten und verfeindeten Kleinganoven der James-Bande nur knapp oberhalb des IQ der dämlichen "Dalton-Brüder" im Lucky-Luke-Comic vorbei.

Jesse James ist nicht tot zu kriegen

Doch das von elegischen Blicken auf Wolken- und Weizenfelder, karge Siedlerhäuschen, weinende Männer und mit dezenter Musik außerordentlich stilbewusst und poetisch inszenierte Drama meint alles sehr ernst. So fragt man sich während der zweieinhalb Stunden Filmdauer, ob's nicht eine Nummer kleiner ginge, denn Geschichten über Liebe und Verrat in mafiösen Männerbündnissen, die zuerst die Gegner, dann sich gegenseitig zerfleischen, sind nun mal nichts Neues. Songwriter Nick Cave, der den Soundtrack komponierte und mit einer Ballade auf Jesse James und seinen feigen Mörder selbst auftritt, gibt dem Epos die letzte romantische Weihe. So erweist sich der fatalistische Abgesang auf die Welt der Revolverhelden als Neuerfindung des Mythos: Jesse James ist nicht tot zu kriegen.

Birgit Roschy/AP / AP