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"Babys in den Kulturen der Welt": Andere Länder, andere Windeln

Zum Schutz vor Dämonen baden Eltern ihre Kinder in stinkendem Rauch, Mütter brüllen zur Beruhigung mit ihren Babys mit und Moos dient als Windel: Ein Bildband zeigt nun, wie unterschiedlich Kleinkinder in aller Welt umsorgt werden.

Von Almut F. Kaspar

Es hängt fast senkrecht von der Decke, dieses wenige Tage alte Menschenkind. Es ist in ein Bündel Tücher gewickelt, fest eingezurrt, hat die Augen geschlossen und schlummert - friedlich in der Luft schwebend - vor sich hin. In Indonesien eine durchaus gängige Methode, um zu vermeiden, dass diese zarten Winzlinge an ihrem Erbrochenen ersticken.

Manche Babys sind in Moos gewickelt oder unten auch ganz ohne - und schauen trotzdem glücklich drein. Wofür Windeln? Man muss nur gut hinschauen und schnell reagieren. Die Eltern dieser Kinder können das. Sie nehmen sich die Zeit. Tragen sie über die ersten Lebensmonate immer bei sich. Mit Mimik und Gestik zeigen die Jüngsten sehr deutlich, wann das Geschäft losgeht. Dafür gibt es dann praktische Hosen mit Schlitz.

Andere Länder, andere Sitten. Frei nach diesem Motto haben sich die zwei französischen Autorinnen Beatrice Fontanel, Mutter zweier Kinder, und Claire d'Harcourt, Mutter dreier Kinder, auf eine kleine ethnologische Weltreise begeben und dabei erstaunliches Material über den Umgang mit Kleinkindern gesammelt. Die Ergebnisse dieser höchst aufschlussreichen Exkursion haben die beiden Französinnen in enger Zusammenarbeit mit international tätigen Fotoagenturen und Ethnologen in einem hinreißendem Fotobuch dokumentiert: "Babys in den Kulturen der Welt". Mit anrührenden Bildern von Kindern, wie sie gehegt und gepflegt werden - nicht nur für Menschen mit Kindern.

Weltweiter Aberglaube

Wir in Europa haben vielleicht Angst vor Mikroben. Doch in den meisten Völkern dieser Welt hat man große Angst vor Geistern. In Afghanistan zum Beispiel werden die Kinder in den ersten beiden Lebensjahren niemals allein gelassen, denn der eine oder andere Geist könnte die Seele des Babys in unbeobachteten Momenten stehlen. Und in Australien, Indien und Afrika baden Eltern ihre Babys nicht im Wasser, sondern in Rauch. Dafür geben sie Weihrauch oder Benzoeharz in die Glut, aus der dann ein schwarzer Rauch steigt - anregend, aber übel stinkend. Mit diesem Räucherbad soll der angenehme naturgegebene Babyduft überdeckt werden, damit böse Geister sich nicht daran laben können, sondern ins Jenseits vertrieben werden. Und bei den Matis im brasilianischen Amazonasgebiet wird ein neugeborenes Kind noch gar nicht als Mensch angesehen, sondern als ein Waldgeist. Erst durch eine Menge von seltsamen Ritualen wird der kleine "Geist" zum menschlichen Wesen erklärt.

Keine klugen Ratgeber-Tipps

In Sachen Kinderpflege und Erziehung ist alles möglich. Die verschiedenen Völker der Erde haben sich zum Wohle ihrer Nachkömmlinge eine Menge einfallen lassen. Den Kleinen scheint wirklich nichts erspart zu bleiben. Doch wenn man sich diese Kinder anschaut, dann spürt man, dass es ihnen ausgesprochen gut geht. Um diese Kinder brauchen wir uns wahrhaftig keine Sorgen zu machen. Und ihre Väter und Mütter kommen sogar ganz ohne Ratgeberliteratur und kluge Tipps von Psychologen und Pädagogen aus.

Wer hat nicht schon einmal von den Problemen gehört, die Kleinkinder machen können, wenn sie partout nicht schlafen wollen. Überall auf der Welt müssen Eltern dafür eine gehörige Portion Geduld aufbringen. Ihre Methoden aber sind höchst unterschiedlich: In vielen Gegenden Afrikas zum Beispiel ahmen die Mütter das Gebrüll der Babys nach, um es einerseits zu beruhigen, andererseits um Dämonen zu vertreiben, die durch das Geschrei angezogen werden könnten. Und wenn in China nachts das Gebrüll losgeht, schreibt man eine Zauberformel auf gelbes Papier und hängt sie, ohne Zeugen, vorm Haus auf. Der Inhalt dieser Zauberformel ist leider nicht bekannt - Interesse hätte bestimmt so manches westliche Elternpaar. Andererseits fahren erwachsene Menschen in Deutschland und anderen westlichen Nationen nachts stundenlang ihren brüllenden Nachwuchs im Auto herum - soll es tatsächlich geben.

Erziehung zwischen Gelsenkirchen und Papua-Neuguinea

Dieses großzügig ausgestattete und farbenprächtige Buch macht Freude. Es ist ein wahrer Augenschmaus, eine Schatzkammer voller Bilder. Bewegend wird uns vor Augen geführt, welch enormen Reichtum von Unterschiedlichkeit diese Welt noch für uns bereit hält - trotz aller Globalisierung. Bei diesem bunten Spaziergang durch die weltweite Eltern-Welt stellt man fest, dass sich Mütter und Väter überall mit den gleichen Fragen auseinandersetzen: Angefangen bei den praktischen Alltagsritualen wie waschen, füttern, kleiden, spielen, schlafen bis hin zur Vermittlung von Werten, Glauben und Regeln innerhalb der Gemeinschaft.

Eltern in westlichen Industriekulturen neigen dazu, die individualistischen Fähigkeiten und Talente ihrer Kinder zu fördern und zu maximieren. In anderen Kulturen steht dagegen der Zusammenhalt innerhalb der Familie und der Gesellschaft an erster Stelle. Doch es gibt Erziehungsziele und Regeln, die sich in den jeweiligen Kulturen bewährt haben und sich dem Lebensrhythmus oder den sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen anpassen. Da unterscheiden sich Eltern in Gelsenkirchen kaum von Vätern und Müttern in Papua-Neuguinea.

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