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"Der Vogel ist ein Rabe": Jungautor Lebert präsentiert sein Zweitwerk

Sein Erstling "Crazy" ist in 33 Sprachen übersetzt worden. Jetzt legt Jung-Autor Benjamin Lebert mit «Der Vogel ist ein Rabe» seinen zweiten Roman vor.

«Ein kleines Kunstwerk», lobte die «Frankfurter Rundschau», «ein Bericht aus dem Herzen der Finsternis», formulierte die «Süddeutsche Zeitung» gewichtig. Und der «Tagesspiegel» schrieb gar vom «Hoffnungsträger der U-30-Literatur-Nationalmannschaft»: Vier Jahre ist es her, dass sich ein gewaltiger Medienrummel um den autobiografisch gefärbten Roman des damals 16 Jahre alten Benjamin Lebert drehte. Nach seinem in 33 Sprachen übersetzten Werk «Crazy» legt der inzwischen in Freiburg lebende Jung-Autor nun mit «Der Vogel ist ein Rabe» seinen zweiten Roman vor.

Crazy, diesmal im Zug

Nicht nur Benjamin Lebert, auch seine Protagonisten sind älter geworden: zwei Männer Anfang 20, für eine Nacht Weggefährten im Schlafabteil eines Zuges. Mal aufmerksam, mal im Dunkel eigener Sorgen versunken, lauscht Ich-Erzähler Paul den Worten seines Bettnachbarn Henry, der über Beginn, Dauer und Ende einer fatalen Dreierfreundschaft berichtet: «...wenn ich mit den beiden anderen zusammen war, dachte ich, ich müsste jetzt glücklich sein. Aber ich fühlte es nicht. Man fühlt es wohl immer erst später. Jetzt weiß ich, dass ich damals glücklich war.»

Kaum Handlung

Handlung gibt es in Leberts neuem Buch kaum. Ein Essen im Zugrestaurant, eine gerauchte Zigarette, viel mehr ist es nicht, was die Erzählung Henrys begleitet. Im Dunkel der Nacht gesteht er seine Liebe zu der magersüchtigen Christine und seine Gefühle für deren fettsüchtigen Kumpel Jens. «Auf der einen Seite hab ich ihn so notwendig gebraucht. Weil er der einzige Mensch war, der für mich da war, der mich nicht verarscht hat, bei dem ich mich sicher gefühlt habe. Und auf der anderen Seite hätte ich tausendmal lieber einen Freund gehabt, auf den ich stolz sein kann, verstehst du?»

"Irgendwie herzzerreißend"

Henry ist einer, der am Spielfeldrand des Lebens steht, wenn die anderen die Tore schießen. Er ist der Junge, der immer Durchfall hat, vor allem aber, wenn er mit einem Mädchen tanzen soll. Und der Muster aufs Parkett tropft, wenn seine Nase wieder mal blutet. «Weißt du, natürlich machen die Menschen lauter bescheuerte Dinge, allgemein, meine ich. Und sie sind widerlich und alles. Aber sie sind auch irgendwie herzzerreißend. Sie wissen, dass sie eines Tages sterben werden. Sie haben keine Ahnung, was danach geschieht. Sie wissen nicht, ob sie allein sind in dem unendlichen Universum oder ob sie überhaupt jemand sieht, der sich denkt: Die waren aber tapfer heute!»

Nah am philosophischen Kitsch

Wie schon bei «Crazy», lässt Lebert seine Helden Ängste und Psychosen durchleben und schrammelt mit altklugen Aphorismen mehr als einmal am philosophischen Kitsch entlang. Basis des Buches bildet der Rückblick auf Vergangenes, die Analyse der eigenen Lebensgeschichte und des eigenen Versagens. Henry jedenfalls vergisst für einen Moment sein Durchfallproblem, dasselbe Ereignis lässt den dicken Jens zum Amokläufer werden - und dem Leser wird recht unvermittelt klar, dass Paul eine zwar viel weniger nachvollziehbare, dafür aber deutlich dunklere Schlafabteil-Geschichte zu bieten gehabt hätte. Annett Klimpel

Benjamin Lebert: Der Vogel ist ein Rabe. Roman.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
127 Seiten, Euro 9,90

DPA