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"Elizabeth Costello": Meisterin intellektueller Dissidenz

Der neue Roman des Literatur-Nobelpreisträgers John Maxwell Coetzees besteht aus einer Sammlung von Reden und Vorträgen aus dem Leben der fiktiven Schriftstellerin Elizabeth Costello.

Elizabeth Costello ist eine Intellektuelle, der die Zeit davon läuft. "Ich bin eine alte Frau. Ich habe keine Zeit mehr zu sagen, was ich nicht meine", sagt die 66-jährige Schriftstellerin. 1969 wurde sie mit ihrem Roman "House on Eccles Street" international bekannt, einem Buch über Marion Bloom, die Frau des Helden von James Joyces "Ulysses". Elizabeth Costello aus Melbourne ist eine Erfindung. Sie ist die Titelfigur von John Maxwell Coetzees gleichnamigem Roman, der jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt.

Der südafrikanische Literatur-Nobelpreisträger von 2003, der heute wie seine Hauptfigur in Australien lebt, konfrontiert seine Leser mit einem verwirrenden und nicht immer einfach zu lesenden Werk. Es ist weniger ein Roman als eine Sammlung fiktiver Reden und Vorträge, von einer Rahmenhandlung locker zusammengehalten. "Acht Lehrstücke" nennt Coetzee selbst sein Buch im Untertitel.

Konsequenter Bruch von Konventionen

Seine Heldin lässt er darin auf Kongressen und Symposien rigoros, schroff und oft intuitiv über ethische Themen wie den Missbrauch der Tiere durch den Menschen, die Humanwissenschaften in Afrika, die Darstellung des Bösen in der Literatur oder auch das Erotische dozieren, philosophieren und provozieren. Ihre unkonventionellen Standpunkte verprellen, rufen Unverständnis und Ablehnung hervor. Sie meidet den Konsens, durchbricht immer wieder Konventionen und wagt sich in neue Denkansätze vor.

"Das Andersartige ist die Herausforderung"

In einer Welt der fest gefügten Gewissheiten und Vorurteile ist Elizabeth Costello als alte Frau auf der Suche nach neuen Einsichten und Erkenntnissen. Als Meisterin der intellektuellen Dissidenz verwirrt und enttäuscht sie dabei ihre Zuhörer - und oft auch sich selbst. Sie bleibt unverstanden, wirkt verstört und wird mitleidig belächelt. Mit Sätzen wie: "Das Andersartige ist die Herausforderung" ruft sie hoch gezogene Augenbrauen hervor.

Abrechnung mit tierfeindlicher Gesellschaft

Ein Vortrag in den USA, auf dem sie die grausame Gewalt gegen Tiere in den Schlachthöfen mit dem Holocaust in Verbindung setzt, bringt ihr öffentlichen Unmut ein. Und Beifall von Leuten, "deren Unterstützung ihr überwiegend peinlich ist - heimliche Antisemiten, sentimentale Tierschützer". Vehement rechnet sie mit einem System ab, das Tiere auf eine Stufe mit seelenlosen Gegenständen setzt.

Vergleich mit dem Dritten Reich

"Ich will es deutlich sagen", schleudert sie ihrem verblüfften Publikum am Appleton College in Waltham entgegen: "Rings um uns herrscht ein System der Entwürdigung, der Grausamkeit und des Tötens, das sich mit allem messen kann, wozu das Dritte Reich fähig war, ja es noch in den Schatten stellt, weil unser System kein Ende kennt, sich selbst regeneriert, unaufhörlich Kaninchen, Ratten, Geflügel, Vieh für das Messer des Schlächters auf die Welt bringt."

Gerade, weil sie äußerst belesen ist, kommen ihr zunehmend Zweifel an bestehenden Konzepten und Modellen. Sie reflektiert über das Denken selbst, über die Vernunft, die Erkenntnisfähigkeit. Eine ihrer Schlussfolgerungen: "Der Realismus setzte die Idee voraus, dass Ideen keine autonome Existenz haben, nur in Dingen existieren können."

Eine Existenz nahe des Todes

Coetzee, Autor von "Schande" und einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren, äußerte sich Ende Mai in einem Interview des französischen Magazins "Le Nouvel Observateur" selbst zu seinem jüngsten Werk. Der in Adelaide lebende Akademiker erklärte: "Elizabeth Costello (...) hält nicht nur Vorträge, sie lebt sie. Und sie lebt sie zu einem besonders kritischen Augenblick ihrer Existenz, als sie den Tod nahen fühlt. Die Fiktion in meinem Roman entsteht aus dieser Erfahrung, mehr noch als aus den Ideen, die Elizabeth im Laufe ihrer Seminare entwickelt."

Ralf E. Krüger, DPA

J.M. Coetzee: Elizabeth Costello
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main
285 Seiten, 19,90 Euro

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