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100 Jahre Nobelpreis: Höhepunkte, Skandale, Geschichten

Seit hundert Jahren wird er fast jährlich verliehen: Während einige große Schriftsteller den Literatur-Nobelpreis niemals erhielten, ebnete er anderen den Weg zu Ruhm und Reichtum.

Für den Nobelpreis verneigt sich auch ein Günter Grass. Als der Wahl-Lübecker vor zwei Jahren den begehrtesten Literaturpreis der Welt in Stockholm zugesprochen bekam, musste er wie fast 100 Preisträger vor und einer nach ihm eine tiefe Verbeugung vor dem schwedischen König ausführen - und das bei einer Probe auch noch einüben. Grass zeigte auch hier mit Beflissenheit und ausgeprägtem Ernst, welch überragende Bedeutung dieser Preis für ihn hat.

"Normale Entscheidung" zum Jubiläum

Zur 100. Wiederkehr der ersten Vergabe 1901 wird alles sein wie gehabt: Spannung überall auf der Literaturwelt vor der Bekanntgabe im Oktober, heftige Reaktionen von Begeisterung bis Empörung über die Entscheidung der »Schwedischen Akademie« und dann im Dezember wieder die sorgsam eingeübte, tiefe Verbeugung vor dem König. Dass wegen des großen Nobeljubiläums der Preisträger oder die Preisträgerin etwas ganz Besonderes sein müsse, weist Akademiesekretär Horace Engdahl bestimmt von sich: »Das wird eine ganz normale Entscheidung.«

Große Autoren gingen leer aus

Als »ganz normal« aber ist im ersten Jahrhundert der Preisgeschichte selten eine Vergabe eingestuft worden. Dass überragende Gestalten der Literaturgeschichte wie Leo Tolstoi, James Joyce, Virginia Woolf, Marcel Proust, Henrik Ibsen und selbst der Schwede August Strindberg den Preis nie zuerkannt bekamen, erregt dabei die Gemüter mehr als zahlreiche äußerst zweifelhafte Vergaben an längst vergessene Autoren wie etwa eine Italienerin namens Grazzia Deledda (1927).

»Die Akademie spiegelt natürlich immer auch den Zeitgeschmack wieder«, räumt Engdahl ein und begründet damit, dass eine heute als seicht eingestufte Autorin wie die Amerikanerin Pearl S. Buck (1938) ausgezeichnet wurden. Den heutigen Zeitgeschmack mit einem sicheren literarischen Urteil zu vereinen, bedeutet schon fast Knochenarbeit für die fünf Mitglieder des Nobelkomitees, die die Vorauswahl unter jährlich 200 Vorschlägen treffen.

Kein Preis für Anfänger

Von den fünf Autoren in der Endauswahl müssen sie laut Engdahl jedes Buch gelesen haben. 60 Kilo Bücher habe ihm die Nobel-Bibliothek in seinem ersten Jahr als Akademiemitglied 1998 in die Sommerferien schicken lassen. »Der Nobelpreis ist kein Debütantenpreis«, sagt Engdahl dazu. Niemand bekommt den Literaturpreis, der zum ersten Mal auf die Liste ernsthafter Anwärter gekommen sei. Auch Grass habe »mehrfach« drauf gestanden.

Auch Bob Dylan ist ein möglicher Kandidat

Der Stockholmer betont aber auch, dass die Definition von Literatur für die Akademie sehr weit gefasst ist: »Ein Bob Dylan kann als Kandidat behandelt werden, weil seine Liedertexte gedruckt vorliegen.« Gleiches gelte für Essayisten, Dramatiker und Literaturkritiker. Die Praxis der letzten Jahrzehnte allerdings spricht eine andere Sprache. Der Preis an den italienischen Dramatiker Dario Fo 1996 hatte auch etwas Sensationelles an sich, weil bis auf die Vergabe 1953 an den britischen Ex-Premierminister Winston Churchill ausschließlich Romanautoren und Lyriker ausgezeichnet wurden.

Aber auch Skandale haben die Geschichte des Literaturnobelpreises begleitet - wie die von der Sowjetführung erzwungene Ablehnung des Preises 1958 durch Boris Pasternak (»Dr. Schiwago«). 1964 lehnte der Franzose Jean-Paul Sartre als bisher einziger von 96 seit 1901 ausgewählten Preisträgern den Nobelpreis freiwillig ab und erklärte stolz: »Jeder Preis macht abhängig.« Das hinderte den Mann aus Paris nicht daran, 11 Jahre später beim Nobelkomitee diskret anzufragen, ob man ihm nicht nachträglich die Dotierung von seinerzeit 273.000 schwedischen Kronen überweisen könne. Günter Grass bekam 1999 bereits 7,9 Millionen Kronen, und in diesem Jahr warten 10 Millionen Kronen (2,1 Millionen Mark) auf den Preisträger des Jubiläumsjahres.

Atombombe und Literatur-Nobelpreis

Aber was ist das schon gegen die Ehre? Als der Isländer Halldor Laxness 1955 den Nobelpreis für Literatur bekommen und in Stockholm seine Verbeugung vor dem schwedischen König gemacht hatte, empfingen ihn bei der Heimkehr per Schiff im Hafen von Reykjavik jubelnde 30.000 Landsleute. Horace Engdahl drückt die Bedeutung der von ihm mit verwalteten Auszeichnung mit Mut zum Zynismus aus: »Man sagt ja immer, dass junge Nationen sich vor allem zweierlei wünschen. Die Atombombe und den Nobelpreis.«