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"Harry 5": Neuer Höhepunkt der "Pottermanie"

45.000 Euro bot ein "Potterist" für 93 Wörter aus dem neuen Band. Die Buchläden in Großbritannien wollen am ersten Verkaufstag schon um Mitternacht öffnen, um die Flut der Potter-Fans bewältigen zu können.

Ein 44-jähriger Druckereiarbeiter entging kürzlich vor einem englischen Gericht knapp einer Gefängnisstrafe. Sein Vergehen: Er hatte auf dem Firmenparkplatz Teile des neuen Harry Potter-Buches gefunden und versucht, den Text an die Zeitung "Sun" zu verkaufen. Keine Ware ist derzeit "hotter als Potter". "Harry Potter und der Phönixorden" - in Branchenkreisen kurz "Harry 5" genannt - könnte der größte Bestseller in der Geschichte des Buchdrucks werden. Samstag (21. Juni) ist es soweit.

Am Abend zuvor werden in Großbritannien 2,5 und in den USA 8,5 Millionen Bände an die Buchhandlungen ausgeliefert. In Deutschland haben bereits Tausende im Internet vorbestellt. Die deutschsprachige Ausgabe wird noch bis zum 8. November auf sich warten lassen.

Der Londoner Verlag Bloomsbury will "weder bestätigen noch dementieren", dass die Druckereien von bewaffneten Sicherheitsleuten bewacht werden. Hochoffiziell ist dagegen, dass jeder britische Buchladen, der schon vor dem 21. Juni einen der Bände über oder unter der Theke herausgibt, mit dem Bannstrahl eines immer währenden Verkaufsverbots belegt wird.

Läden öffnen schon um Mitternacht

Im ganzen Land wollen Buchgeschäfte in der kürzesten Nacht des Jahres schon um Mitternacht öffnen, um den Fans die Fortsetzung der auf sieben Teile angelegten Serie auszuhändigen. Rücksichtsvollerweise hat Bloomsbury einen Samstag als Erscheinungstag gewählt, damit die Potter-Getreuen zwei Tage Zeit haben, um die 768 Seiten zu bewältigen. Sonst hätte der Unterricht am nächsten Tag wohl großenteils vor leeren Bänken stattgefunden.

Was für ein Unterschied zu 1997, als die ersten 500 Exemplare von "Harry Potter und der Stein der Weisen" unbemerkt in die Regale einiger Kinderbuchabteilungen gelangten. Monate später erfuhr die Autorin Joanne K. Rowling erstmals, dass die zuvor von mehreren Verlagen abgelehnten Abenteuer ihres Zauberlehrlings "überraschend gut" liefen. Aber es dauerte noch bis zum Erscheinen des dritten Teils "Harry Potter und der Gefangene von Askaban", ehe 1999 die weltweite "Pottermanie" einsetzte. Inzwischen werden die Bücher der Startauflage von 1997 für Preise von bis zu 35.000 Euro versteigert, und Rowling ist mit 37 Jahren reicher als die Queen.

93 Wörter aus dem neuen Buch bei Sotheby's versteigert

Während die ehemalige Lehrerin zunächst ganz verlässlich ein Buch pro Jahr produzierte, galt es diesmal, eine dreijährige Durststrecke zu überwinden. Es wurde schon gemunkelt, sie habe eine Schreibblockade. In einem Interview mit dem britischen Starmoderator Jeremy Paxman gab sie zu, dass ihr das Schreiben als Multimillionärin viel schwerer falle. Sie habe glatt erwogen, sich den Arm zu brechen, um eine überzeugende Entschuldigung vorweisen zu können. Wie stark die Entzugserscheinungen bei den Fans teilweise sind, zeigte sich, als im Dezember 93 Wörter aus dem neuen Werk bei Sotheby’s versteigert wurden: Ein anonymer "Potterist" aus den USA bot 45.000 Euro dafür.

Dies alles deutet darauf hin, dass Befürchtungen des Verlags grundlos sind, die Stammleserschaft könne inzwischen "zu alt" geworden sein. Wer bei Erscheinen des ersten Buches acht Jahre war, ist jetzt 14. Doch auch Harry wird älter. Viele Teenager hoffen, dass er im Zuge seiner hormonellen Reifung nun endlich dem anderen Geschlecht näher kommt.

Rowling hat es diesmal nicht mehr nötig, auf Lesereise zu gehen. Sie beschränkt sich auf einen einzigen Auftritt am 26. Juni in der Royal Albert Hall. Ihr drei Monate alter Sohn David gehe zurzeit vor, heißt es. Und außerdem warten die Fans dann ja bald auch auf Band 6.

Christoph Driessen