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Buch-Tipps: Saubere Buchführung!

Herbstlese: Fünf stern-Redakteure haben für Sie die besten neuen Romane und Sachbücher ausgewählt.

Ian, der Große

Detective John Rebus, wundervoll trinkfester Moralist, altert in Echtzeit von Buch zu Buch - und es kann nicht mehr lange dauern, bis sein Erfinder Ian Rankin ihn in Pension schickt. Ein todtrauriger Tag wird das. Möge der große schottische Autor ihm bis dahin noch viele Rätsel aufgeben wie dies um einen missratenen Studentenulk, tote Immigranten und verschwundene Mädchen. Erneut ein Meisterwerk. Darauf einen steinalten Malt!

Ian Rankin: "So soll er sterben", Ü.: Heike Steffen, Claus Varrelmann, Manhattan, 573 S., 21,90 Euro

Ein Killer kehrt zurück

Vietnamtrauma, Muttermord, Trennung von der Partnerin: Als würden den Polizisten Hieronymus "Harry" Bosch nicht schon genug Dämonen aus der Vergangenheit heimsuchen, meldet sich nun noch der Übelste seiner Widersacher zurück: der "Poet" Bob Backus, jener Serienmörder aus den Reihen des FBI, den Autor Michael Connelly vor neun Jahren entkommen ließ. Der zehnte Einsatz des dickköpfigen Bullen Bosch zählt zwar nicht zu Connellys ganz großen Würfen, weil er atmosphärisch und psychologisch ein bisschen die Zügel schleifen lässt. Doch wahre Meister punkten auch, wenn sie mal nicht in Bestform sind.

Michael Connelly: "Die Rückkehr des Poeten", Ü.: Sepp Leeb, Heyne, 448 S., 19,90 Euro

Erpressung um den Nobelpreis

Andreas Eschbach ist einer der amerikanischsten unter Deutschlands Thrillerautoren. In diesem Buch erzählt er die abenteuerliche Geschichte eines Mitglieds des Nobelpreis-Komitees. Der Wissenschaftler soll für eine ganz bestimmte Kandidatin stimmen, anderenfalls würde man seine entführte Tochter töten. Der Erpresste wendet sich in seiner Not an seinen Schwager, einen mit allen Wassern gewaschenen Meisterdieb... Was wie ein typischer Thriller beginnt, wird nach und nach zu einem überraschenden Plot mit vielen Wendungen. Manchmal etwas hanebüchen, aber sehr unterhaltsam und akribisch recherchiert.

Andreas Eschbach: "Der Nobelpreis", Lübbe, 555 S., 22,90 Euro

Tod in Sevilla

Der in Spanien lebende Engländer Robert Wilson hat mehrfach gezeigt, dass er zu den ganz Großen der Krimi-Literatur gehört. Auch der zweite Fall des grüblerischen, depressiven Kommissars Javier Falcón um einen mysteriösen Selbstmord in Sevilla ist ein Roman, wie man sich ihn nur wünschen kann: vielschichtig und wunderbar erzählt, mit faszinierenden Charakteren. Und noch ein Rat an den einen oder anderen deutschen Krimi-Autoren: Wer lernen will, wie man geniale Dialoge schreibt - bitte hier mal reinlesen.

Robert Wilson: "Die Toten von Santa Clara", Ü.: Kristian Lutze, Page & Turner, 512 S., 19,90 Euro

Lebendig begraben

Ein merkwürdiger Junggesellenabschied: Geschäftsmann Michael findet sich kurz vor seiner Hochzeit betrunken in einem Sarg wieder - lebendig begraben. Die Freunde können ihn da nicht mehr herausholen, denn sie sterben bei einem Autounfall. Nur Mark, Michaels Kompagnon, könnte seinen Freund retten. Aber will der das überhaupt? Ein packender Thriller um Freundschaft, Liebe und Verrat.

Peter James: "Stirb ewig", Ü.: Susanne Goga-Klinkenberg, Scherz, 332 S., 18,90 Euro

Die Liebe steckt im Detail

Ein alter polnischer Einwanderer zauselt durch Manhattan. Als er jung war, hat er für seine große Liebe Alma ein Buch geschrieben: "Die Geschichte der Liebe". Ohne sein Wissen ist es ins Spanische übersetzt und das Lieblingsbuch einer anderen großen Liebe geworden. Aus dieser Liebe ist wiederum eine andere Alma entstanden. Die ist heute 14 und lebt in New York. Klingt kompliziert? Dabei ist das nur der schnöde Rahmen für eine großartig verschlungene Erzählung. Einfach anfangen zu lesen. Es ist wunderbar.

Nicole Krauss: "Die Geschichte der Liebe", Ü.: Grete Osterwald, Rowohlt, 352 S., 19,90 Euro

Glaube, Liebe, Hoffnung

Ihre Mutter. Eine Frau mit dem Willen, die Welt zu verändern. Eine wortgewandte politische Aktivistin - und ausgerechnet sie soll Selbstmord begangen haben? Aasmaani, erwachsene Tochter einer pakistanischen Frauenrechtlerin, kann das nicht glauben. Verzweifelt taumelt sie durch die Vergangenheit und lernt dabei vor allem eins: Der Kampf für Ideale ist nie vergebens - auch wenn er verloren scheint. Das ist bisweilen so kitschig wie ein Bollywood-Film - aber auch genauso ergreifend.

Kamila Shamsie: "Verbrannte Verse", Ü.: Anette Grube, Bloomsbury Berlin, 400 S., 24 Euro

Hi Freaks!

Menno Simons, was hast du nur getan? Nomi Nickel ist Mennonitin und hadert mit dem Gründer ihrer Religionsgemeinschaft - für sie die "peinlichste religiöse Untergruppierung von Menschen, zu der man als Teenager gehören kann". Mutter und Schwester sind vor den lebensfeindlichen Lehren geflohen; nur Nomi sitzt mit ihrem zaghaften Vater in dem absurden Kaff hinter der kanadischen Grenze fest, raucht, schlägt die Zeit tot und träumt von New York. Eine bezaubernde Geschichte über das Erwachsenwerden - schräg, witzig und wehmütig.

Miriam Toews: "Ein komplizierter Akt der Liebe", Ü.: Christiane Buchner, Berlin Verlag, 304 S., 18 Euro

Ein Tier in dir

Er hat eine schmale Taille und feste Lenden. Schwarz glänzende Haare und einen Geruch, der sämtliche Sexualhormone stimuliert. Er ist das erotischste Wesen, dem Mikael jemals begegnet ist. Er ist - ein Troll. Ein Geschöpf der Wildnis, aufgetaucht aus den Wäldern, um das Gefühlsleben der Großstädter durcheinander zu bringen. Denn schon bald muss der stylische Modefotograf Mikael feststellen, dass er selbst, seine Umgebung und vielleicht die ganze Welt viel animalischer sind, als alle denken.

Johanna Sinisalo: "Troll: Eine Liebesgeschichte", Ü.: Angela Plöger, Tropen, 264 S., 19,80 Euro

Neurosen im Neonlicht

Nein, die Romane von Zeruya Shalev machen keine gute Laune. Zu präzise seziert sie das Scheitern zwischenmenschlicher Beziehungen, zu oft erkennt man in den Fehlern ihrer Protagonisten die eigenen wieder. Doch das ist zugleich auch das Tröstliche: Egal, wie tief man drinsteckt - man ist offenbar nie allein. Nach "Liebesleben" und "Mann und Frau" beendet "Späte Familie" Shalevs Trilogie über brüchige Partnerschaften und existenzielle Krisen. Und jeder Mann, der jetzt denkt: "Na, das ist wohl eher was für Frauen", sollte sich eines Besseren belehren lassen.

Zeruya Shalev: "Späte Familie", Ü.: Mirjam Pressler, Berlin Verlag, 582 S., 22 Euro

Das echte Leben ist immer kleiner

Im Sommer 1968 will Paul Blick wild und links sein; 20 Jahre später lebt er als halbautistischer Fotograf und Hausmann an der Seite einer Ehefrau, die sich zu einer glühenden Verehrerin des Neoliberalismus entwickelt hat. Eine charmant erzählte Rückschau auf die vergangenen 40 Jahre, auf gesellschaftliche Ideale und individuelle Tatsachen. Zart, schön und traurig wie das Leben.

Jean-Paul Dubois: "Die Jahre des Paul Blick", Ü.: Lis Künzli, Ullstein, 366 S., 19,95 Euro

Frauen allein zu Haus

Bremen, vor dem ersten großen Krieg: Eine Frau liegt in den Wehen, der Mann steht daneben, die Hebamme schickt ihn raus. Frauensache. Schnitt. Eine junge Frau sitzt allein zu Hause und liest im Tagebuch ihrer Mutter. Erst da begreifen wir: Jetzt ist das Jahr 1981; wir betrachten die Urenkelin der Gebärenden. Sabine Schiffner beschreibt vier Frauengenerationen; die Männer gehen morgens raus, auf Dienstreise, ins Büro, auf'n Deich - nur die Frauen sind immer da, träumen von der Ferne und bleiben doch daheim. Wer den Glauben an den großen deutschen Roman verloren hat, an seine Tiefe und Leichtigkeit, bitte sehr: Sabine Schiffner hat ihn geschrieben.

Sabine Schiffner: "Kindbettfieber", Fischer, 334 S., 18,90 Euro

Schulze ist wieder da

Über dieses Buch werden in den nächsten Wochen Analysen geschrieben werden wie sonst nur über Fußball-Länderspiele: Sieben Jahre hat Ingo Schulze über seinem Schlüsselwerk zur deutschen Einheit gebrütet. Er hat den Briefroman gewählt, um seinen Helden Enrico Türmer ins Licht zu rücken, und der Trick funktioniert: Türmers Erzählung von DDR-Vergangenheit und BRD-Gegenwart im Jahre 1990 kommt sehr direkt, sehr authentisch beim Leser an. Wir erleben, wie nach dem Mauerfall aus dem verkrachten Schriftsteller Türmer ein erfolgreicher Zeitungsverleger wird, alles mit feinen Nebenfiguren und mitunter brillanten Anspielungen.

Ingo Schulze: "Neue Leben", Berlin Verlag, 752 S., 22 Euro

Mähen in der Provinz

Nicht gerade ein Traumstart ins Leben: Francis Pinkham hat neun ältere Schwestern, eine gemeiner als die andere. Und dann muss er auch noch in Cedar Hole leben, einem amerikanischen Städtchen, dessen größte Attraktion das jährliche Rasenmäher-Rodeo ist. Wie aus einem geborenen Versager trotzdem ein Held werden kann, beschreibt Stephanie Doyon in ihrem ersten Roman: schön komisch, hinreichend rührend, immer präzise. Ein sonniger Schmöker - deshalb ein echtes Herbstbuch.

Stephanie Doyon: "Die wunderbare Welt des Francis Pinkham", Ü.: Hedda Pänke, Ullstein, 446 S., 19,95 Euro

Ärger aus dem Eis

Kiew, im Jahr 2013: Der ukrainische Präsident Sergej Stepanowitsch hat ein neues Herz - und ein Problem: Die Ehefrau des Spenders will in der Nähe des Gatten-Organs bleiben. Als ob Sergej sonst keinen Ärger hätte! Der Boss der Strom-Mafia droht, dem Staat den Saft abzudrehen, und die Russen wollen nicht von ihrer Sitte weg, Staatsbesuche mit zünftigem Eislochschwimmen zu verbinden - Gott, wie ist er bloß an diesen Job geraten? Auch um diese Frage drückt sich Andrej Kurkow nicht herum, und wie es sich für den besten osteuropäischen Satiriker gehört, ist die Antwort wie das ganze Buch: grotesk, brillant geschrieben und sehr, sehr lustig.

Andrej Kurkow: "Die letzte Liebe des Präsidenten", Ü.: Sabine Grebing, Diogenes, 696 S., 22,90 Euro

Lieblingsfach: Löcher machen

Roza ist ein stilles Kind. Viel langsamer als alle anderen. In der Klosterschule nehmen die Nonnen sie bald aus dem Unterricht und setzen sie an den Locher - das kann Roza gut, das macht sie gern. Ihre Mutter mag den Doktor nicht, der immer von Fördern und Sonderschule spricht, und deshalb darf Roza weiter Papier lochen. Erst als ihre Mutter stirbt, könnte ein anderes Leben für Roza beginnen ... Bestsellerautorin Broeckhoven ("Ein Tag mit Herrn Jules") hat über Elternsorgen und Kinderwünsche geschrieben, über Schnelligkeit und dass man Dinge auch ganz anders tun kann. Nicht ganz so schräg wie der Erstling, aber immer noch schön merkwürdig.

Diane Broeckhoven: "Einmal Kind, immer Kind", Ü.: Isabel Hessel, C. H. Beck, 174 S., 14,90 Euro

Aus der Verdrängung geholt

So hat sich Peter van Pels sein Leben nach dem Holocaust vorgestellt: Frau, Kinder, ordentlicher Job und die Vergangenheit im Kleinhirn vergraben. Klappt auch alles - bis das "Tagebuch der Anne Frank" erscheint. Für van Pels ändert sich das Leben. Denn er selbst hat mit Anne das legendäre Versteck in Amsterdam geteilt. Der Roman ist zwar eine Geschichtsfiktion - der echte van Pels starb kurz vor Kriegsende -, stellt aber legitime und sehr schlaue Fragen: Muss man Geschichte verarbeiten? Und welche Version davon?

Ellen Feldmann: "Der Junge, der Anne Frank liebte", Ü.: Mirjam Pressler, DVA, 308 S., 17,90 Euro

Zeltlager mal anders

Uri Rosman und Riad Abu Aziz, ein jüdischer und ein arabischer Reiseveranstalter, haben ein Problem: überall Terroristen, aber keine Touristen. Ihre Lösung: Survival-Trips im Nahen Osten! Urlaub in israelischen Siedlungen! Ausbildung im Palästinenser-Camp! Der Plan geht auf. Eine bunte Touristenschar trifft ein und will gequält werden. Am Ende ihres Urlaubs herrscht ein wenig mehr Frieden im Krisengebiet - und der Leser hat viel Spaß mit der skurrilen Geschichte, in der alle Klischees höchst lustig aneinander zerschellen.

Eran Katz: "Der überaus großartige ultimative Nahost-Friedensplan", Ü.: Edith Beleites, Eichborn, 248 S., 19,90 Euro

Muttersöhnchen wird flügge

Moskau, einige Jährchen vor der Perestrojka: Schurik, das sanftmütige Produkt vaterloser Verhätschelung, unternimmt aus der mütterlichen Wohnung heraus Ausflüge in eine Welt voller Leidenschaften, Laster und Lustigkeiten. Sein Problem: Er kann nicht nein sagen - schon gar nicht zu Frauen. Ljudmila Ulitzkaja, völlig zu Recht preisgekrönt und viel gelesen, feuert in diesem Roman jede Menge Witz, Ironie und Hintergründigkeiten ab.

Ljudmila Ulitzkaja: "Ergebenst, euer Schurik", Ü.: Ganna-Maria Braungardt, Hanser, 496 S., 24,90 Euro

Milder Blick auf harte Kerle

"Nach dem Tod seiner Mutter begann die Zivilisation von ihm abzufallen wie die Federn von einem abgebrühten Huhn. Nach wenigen Wochen aß er aus der Bratpfanne." So sind sie, die Helden der Annie Proulx: verwittert, verwildert, verlassen in der Einsamkeit Wyomings. Doch Proulx folgt ihnen mit scharfem Auge, mitleidend und immer vergebend.

Annie Proulx: "Hinterland", Ü.: Melanie Walz, Luchterhand, 256 S., 19,90 Euro

Überlebtes Leben

Was für eine seltsame Frau: Jeden Tag kommt Frau Kugelmann zu Zippy Silberberg ins Hotel nach Tel Aviv. Frau Kugelmann hat den Holocaust überlebt. Und nun erzählt sie. Stundenlang. Vom schönen Adam und dem Mendel mit dem schwarzen Fleck. Von Bendzin, dem Dorf, in dem sie aufwuchs. Von der Welt vor der Vernichtung. Nie haben die Überlebenden diese schönen und traurigen Anekdoten erzählt. Nie hat jemand danach gefragt. Das weiß Minka Pradelski, die jahrelang für Steven Spielbergs Shoah-Foundation gearbeitet hat. Und so ist das Schweigen das Thema dieses Buches, in dem so hinreißend erzählt wird.

Minka Pradelski: "Und da kam Frau Kugelmann", Frankfurter Verlagsanstalt, 255 S., 19,90 Euro

Volltreffer

Es klingt zynisch, aber für US-amerikanische Thriller-autoren scheint der islamische Terrorismus ein Segen zu sein - Katastrophen der jüngeren Geschichte können sie nun problemlos al Qaeda in die Sandalen schieben. Nelson DeMille macht das meisterhaft. Am 17. Juli 1996 explodierte vor Long Island die Boeing 747 "TWA 800", 230 Menschen starben. Rund 200 Augenzeugen hatten kurz zuvor einen Lichtstreifen am Abendhimmel gesehen, "wie von einer Rakete". So weit die Tatsachen. In DeMilles Buch nimmt - fünf Jahre später, im Sommer 2001 (!) - der New Yorker Cop John Corey die Untersuchung wieder auf und stößt auf eine schöne Verschwörung.

Nelson DeMille: "Nachtflug", Ü.: Georg Schmidt, Ullstein, 700 S., 22,00 Euro

Angekommen

In irgendeiner Schublade muss dieses Juwel geruht haben, die amerikanische Originalausgabe erschien schließlich schon 1982. Aber Gott sei Dank gibt es kleine feine Verlage, die solche Schätze heben und kongenial ins Deutsche übertragen. Daniel ist 18, er erlebt einen aufregenden, liebevollen Sommer, bevor er - wie man so sagt - erwachsen wird. Seine Geschichte zu lesen ist wie nach Hause kommen, so vertraut erscheint sie. Ein wundervolles Buch.

Steve Tesich: "Ein letzter Sommer", Ü.: Heidi Zerning, Kein & Aber, 496 S., 22,80 Euro

Saubere Schnitte

Man kann sich drauf verlassen: Hinter der Auszeichnung "Booker Prize" verbirgt sich immer ein fabelhaftes Buch. 2004 gewann Alan Hollinghurst diesen wichtigsten englischen Literaturpreis mit seiner Geschichte über den jungen Literaturwissenschaftler Nick Guest, der so gern in die höchsten Kreise aufsteigen und so gern sein Schwulsein ausleben möchte. Beides zusammen wird schwierig, es herrscht Margaret Thatcher. Hollinghurst serviert die englische Klassengesellschaft wie ein blutiges Roastbeef, das er genüsslich aufschneidet.

Alan Hollinghurst: "Die Schönheitslinie", Ü.: Thomas Stegers, Blessing, 576 S., 22,90 Euro

Endloser Schmerz

Der Krieg schlägt Wunden, die nie heilen. Bis zum Ende Francos kämpfte der Verleger Alberto Méndez gegen das Regime an. 2004, kurz vor seinem Tod, zog er literarisch Bilanz. Sein Buch zeugt von den Verletzungen, die der Spanische Bürgerkrieg mit sich brachte: Schmerz über die Unbarmherzigkeit der Sieger, ihre moralische Verkommenheit, Verlogenheit und Arroganz. In vier berührenden Erzählungen schildert Méndez das Schicksal der Verlierer. Und das Traurigste daran: Der Bürgerkrieg war 1939 zu Ende. Doch es folgte kein Frieden.

Alberto Méndez: "Die blinden Sonnenblumen", Ü.: Angelica Ammar, Kunstmann, 192 S., 16,90 Euro

Dann mal los!

Gauß kann rechnen. Und wie. Das merkt er ziemlich früh, bereits mit 24 veröffentlicht er die Grundlage der modernen Zahlentheorie. Humboldt ist neugierig. Und wie. Das merkt er ziemlich früh, bereits mit 30 erforscht er Südamerika. Rund um diese beiden großen Naturwissenschaftler des späten 18. Jahrhunderts hat Daniel Kehlmann einen Roman gestrickt, der in die Göttinger Grübelkammer ebenso entführt wie an die Stromschnellen des Amazonas. Plastisch, lehrreich und, ja!, witzig. Kehlmanns lakonischer Humor macht aus einem netten Buch ein großartiges.

Daniel Kehlmann: "Die Vermessung der Welt", Rowohlt, 304 S., 19,90 Euro

Über allem Firniss

Das ist Literatur: Geschichten erzählen, die unter ihrer Oberfläche eine ganz andere Geschichte erzählen. Dieter Wellershoff, Jahrgang 1925, kann das wie kein Zweiter hierzulande. In zehn Erzählungen seziert er unser aller Zusammenleben, und es wird einem angst und bange, so verkorkst ist das alles. Zum Beispiel die kleine Geschichte über das Ehepaar, das der Ich-Erzähler vom Nachbartisch aus beobachtet: Der Mann hat Ärger im Büro, die Frau leidet still. Er scheint schwach, sie stark. Aber so einfach ist das nicht. Nicht im Leben, nicht in diesem klugen, die Augen öffnenden Buch.

Dieter Wellershoff: "Das normale Leben", Kiepenheuer & Witsch, 305 S., 18,90 Euro

Er ist ein anderer

Zynisches Arschloch, das ist das Image von Martin Amis. Bitterböse (aber hinreißende!) Romane hat er geschrieben, in England reichte schon die Neu-Einrichtung seines Gebisses für einen handfesten Skandal. Wahrlich kein Typ, den man näher an sich heranlassen möchte. Und dann kommt dieses Buch, in dem Amis alle Verkrustungen aufbricht - und sich offenbart. Zwei Leitmotive prägen sein Leben: der Verlust seiner Cousine Lucy Partington, die 1973 vom Massenmörder Fred West getötet wurde. Und der Ruhm seines Vaters Kingsley, der zu den größten englischen Humoristen zählt. Selten hat ein Mann so tiefschön über die Liebe geschrieben, über Familie oder Freundschaft. Unverzichtbar in diesem Herbst! Und ein Muss für zynische Arschlöcher.

Martin Amis: "Die Hauptsachen", Ü.: Werner Schmitz, Hanser, 455 S., 24,90 Euro

Famose Ballermänner

War ja ein ziemliches Gewummere damals im Chicago der 20er und 30er Jahre und das Mordpersonal so reichhaltig, dass man schon mal die Übersicht verlieren konnte. Wie gut, dass Robert Nippoldt nun für Abhilfe sorgt. Liebevoll wie ein Schmetterlingssammler hat er die Biografien von 33 Schurken zusammengetragen - von Urvater James "Big Jim" Colosimo über Gentleman Edward "Spike" O'Donnell ("Für mich ist das Leben nichts weiter als eine Kugel nach der anderen") bis hin zu Oberboss Al "Scarface" Capone. Und weil sich Jurist Nippoldt auch aufs Zeichnen versteht, hat er seinen "bad guys" noch hübsche Konterfeis und Vignetten verpasst und den Tatort Chicago in etlichen Szenerien festgehalten. Alles ohne letzte Gewähr übrigens, denn "naturgemäß bleibt vieles im Leben der Gangster im Dunkeln".

Robert Nippoldt: "Gangster", Gerstenberg, 144 S., 39,90 Euro

Schwieriger Held

Oskar Schindler? Das war doch der Retter der Juden; der Held aus dem Spielberg-Film "Schindlers Liste". Stimmt. Aber im wahren Leben war Schindler komplizierter als in Hollywood erlaubt. Wie der US-Historiker David M. Crowe in seiner ziegelsteindicken Biografie zeigt, war der spätere Wohltäter lange ein gerissener Geschäftemacher und skrupelloser Opportunist. Sieben Jahre hat der Wissenschaftler recherchiert und dabei einen Wust von Fakten zusammengetragen: Dass Schindler für das Nazi-Regime das Eisenbahnnetz der Tschechoslowakei ausspionierte, dass er der Wehrmacht Muster der polnischen Uniformen lieferte, die diese für den fingierten Angriff auf den deutschen Sender Gleiwitz brauchte - eine Posse, die Hitler 1939 als Vorwand zum Kriegsbeginn nutzte ("Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen"). Und dass "Schindlers Liste" gar nicht Schindlers Werk war. Nicht zu vergessen die Weibergeschichten; die Sauferei. Doch Crowes informativer Wälzer demontiert den in Israel verehrten "Gerechten der Völker" nicht, sondern macht ihn, wie der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel bemerkte, nur noch menschlicher - und außergewöhnlicher.

David M. Crowe: "Oskar Schindler. Die Biographie", Eichborn, 863 S., 34,90 Euro

Tapfere Frauen

Afghanistans Frauen huschen meist in ihren blauen Burkas durch unsere Nachrichten - doch hinter diesen Bildern verbergen sich manchmal bemerkenswerte Schicksale. Acht davon hat die Journalistin Galina Breitkreuz aufgezeichnet. Sie erzählt von den Schwierigkeiten einer Journalistin, ihre Familie zu ernähren; vom Mut der einzigen Polizistin in Kandahar und von den Träumen der Tochter eines Hamam-Besitzers in Kabul: alles Frauen, die sich trotz Taliban-Herrschaft, Bürgerkrieg und Armut ihre Würde bewahrt haben.

Galina Breitkreuz: "Erst kommt die Angst - Afghanistans mutige Frauen", dtv, 238 S., 15 Euro

Mutige Recken

Laptop und Lederhose: Mit diesen Markenzeichen schmückt sich Bayern gern; Barockkirchen, Alpenglühen und weiß-blauen Himmel gibt's noch obendrein. Dass der Freistaat aber jenseits aller Folklore noch eine spannendere Seite hat, weist der Münchner Egon Günther nach. Er spürt den Schicksalen von Rebellen und Widerständlern nach, die während der Hitler-Zeit Mut bewiesen; er berichtet von der Räterepublik 1919 und überhaupt: Fast wird Bayern zu einer Art besserem Deutschland. Zwar trägt den Patrioten sein Engagement gelegentlich allzu schwungvoll davon, aber was er an Historie und Histörchen zusammengetragen hat, lässt vielleicht selbst Preußen differenzierter über die "Bazis" denken.

Egon Günther: "Bayerische Enziane", Edition Nautilus, 250 S., 19,90 Euro

Spannender Klassiker

Sechs Minuten ist die Litanei lang - und für viele der beste Rocksong aller Zeiten. 1965 nahm Bob Dylan "Like A Rolling Stone" auf; jetzt hat US-Musikkritiker Marcus dem Stück ein feines Buch gewidmet. Und der Zeit, da Rock noch im Verdacht stand, die Welt zu verändern.

Greil Marcus: "Like A Rolling Stone", Kiepenheuer & Witsch, 304 S., 9,90 Euro

Kester Schlenz, Andrea Ritter, Florian Gless, Stephan Draf, Peter Meyer

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