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Bücher: Juli Zeh: Die Stille ist ein Geräusch

"Bosnien? Da ist doch Krieg." Im Reisebüro war man entsetzt, aber Juli Zeh fuhr trotzdem. Ihr Bericht über zerstörte Städte und Dörfer ist witzig und traurig zugleich - und macht sogar Hoffnung.

Uuuuund Action: Drei Typen überfallen eine Bank - und erwischen neben reichlich Bargeld auch eine Farbbombe. Nicht das einzige Malheur: Als sie im Fluchtauto die Beute zählen wollen, platzt der Farbbeutel. »Schmeiß die Tüte mit der Farbe raus«, herrscht der Bandenboss den Beifahrer an. Aber der wirft stattdessen einzelne verfärbte Geldscheine raus und verziert so den Fluchtwagen mit leuchtend roten Tupfern. Die Kerle kommen trotzdem nach Hause, kippen die Lappen in die Waschmaschine und trocknen sie auf der Heizung. Dann wollen sie die Scheine umtauschen, doch dafür gehen sie, »und das fand ich dann doch relativ clever«, sagt Juli Zeh, »nicht in eine Bank, sondern zu so einem Wechselautomaten. Aber da hat sie die Überwachungskamera erwischt - und so sind sie halt geschnappt worden«. Jetzt sitzt das Trio in einem Leipziger Gefängnis ein, und die Juristin Zeh stolperte bei ihrem Richter-Praktikum über den Fall, »ist doch ganz witzig, oder?

Vielleicht sogar ein Romanstoff? »Nein, nein.« Juli Zeh wehrt ab. »Ich werde bis zum nächsten Herbst kaum ernsthaft schreiben. Jetzt geht das Referendariat vor.«

Mit dieser Entschiedenheit hat die 28-Jährige einen Lebenslauf hingelegt, der Gleichaltrige das Fürchten lehren kann: Das Staatsexamen hat sie mit der besten Note in Sachsen abgeschlossen, da war sie 24. Es folgte ein Praktikum bei der UN in New York, danach lebte sie acht Monate in Krakau. Als ob das noch nicht genug wäre, hat sie nebenher am deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Dort schreiben die Studenten als Abschlussarbeit einen Roman - und ihrer katapultierte sie geradewegs in den Literatenhimmel: »Adler und Engel« - die Geschichte eines Karrierejuristen, der von Frauen und Drogen aus der Bahn geworfen wird - wurde 2001 zum Debüterfolg, deutscher Bücherpreis inklusive. Das Buch wurde in 13 Länder verkauft, und die Filmrechte sind auch schon weg - Juli Zeh könnte vom Schreiben »im Moment ziemlich gut leben«.

Die knapp 1,70 Meter große Frau trägt schwarzes T-Shirt und schwarze Hose, ein dicker, silbriger Reif bildet am rechten Oberarm ein Ensemble mit einer Tätowierung, dazu passen die vielen anderen Ringe und Ketten. Jedenfalls sieht Juli Zeh ganz anders aus als auf dem Umschlag von »Adler und Engel«. Da wurde sie als zerbrechliche Großstadt-Intellektuelle präsentiert, dabei zeigen ihr drahtiger Körper und ihr fester Blick: Die Frau weiß sich zu wehren.

Wahrscheinlich hätte sie sich sonst auch nicht auf jene Reise im Sommer vergangenen Jahres eingelassen: »Was wollen Sie denn in Bosnien«, fragte die Frau im Reisebüro, »da ist doch Krieg?« Nun ja, erst mal wollte sie überprüfen, ob dieses Land »mitsamt der Kriegsberichterstattung vom Erdboden verschwunden ist«. Und dann galt es nachzuschauen, ob einige der Schauplätze des ersten Romans, der teilweise in Bosnien spielt, wirklich so aussahen, wie die Autorin sich das im Kämmerlein ausgedacht hatte, immerhin kam das Buch in jenen Tagen auf den Markt.

»Von den ersten sehr positiven Reaktionen auf ,Adler und Engel« habe ich dann in Bosnien erfahren - per SMS», sagt Juli Zeh, «zum Glück hatte ich selten Empfang und so noch ein bisschen Ruhe vor dem Rummel zu Hause.» Sie ist weitergereist, per Zug und Bus und Autostopp, im Schlepptau ihren Hund Othello, der groß und schwarz ist wie sein Name. Von der Reise brachte sie mit: noch einen Hund, Olga, den Welpen hat sie nahe Zagreb vorm Verhungern gerettet, und ihr zweites Buch, ein Reisetagebuch, Titel: «Die Stille ist ein Geräusch».

Das Genre des Reiseberichts lässt ihr genügend Raum, zu zeigen, was sie wirklich kann: präzise schreiben. Und - trotz des arg beschaulichen Titels - durchaus mit Witz: »Hunde sind in Autobussen nicht erlaubt. Auch nicht mit Leine. Auch nicht der beste Hund der Welt, nicht mit Maulkorb, gefesselt, geknebelt oder betäubt. Dem Fahrer des ersten Busses habe ich Geld geboten. Erst fünfzig Prozent des Fahrpreises, dann hundert, dann zweihundert, es blieb bei Nein. Das also bedeutet 'Probleme mit der Korruption'.«

Schließlich wird der Hund mit Wissen der Mitreisenden unter der Sitzbank versteckt, und die Fahrt zu Städten wie »Moslemenklavebihac« und »Belagertessarajevo« geht weiter. Hat sie Angst gehabt? »Ja, in den ersten zwei Tagen.« Danach nicht mehr? »Nein, ich habe mich sogar dafür geschämt, Angst zu haben.« Warum? »Dieses Land liegt mitten in Europa. Wer von uns fährt mit Angst durch Europa? Keiner. Die Menschen dort sind genauso wie wir, wir haben nur durch die Berichterstattung das Gefühl, als hätten sie nichts anderes im Sinn, als einander umzubringen.«

»Die Stille ist ein Geräusch« ist kein Entsetzensbuch über den Krieg, aber auch kein Eiapopeia vom Frieden, es ist oft eindeutig dazwischen: In einem verfallenen Kurhaus »unterhalten sich Stühle anstelle von Menschen und haben Tische statt Themen zwischen sich. Vor den großen Schildern mit Totenköpfen toben Hunde im Kreis über die Wiese. Familien schlagen sich Federbälle zu«. Und es ist ein Buch, das von einer beschwerlichen Reise erzählt und gerade deshalb den Leser mitnimmt: »Ich setzte mich zum Pinkeln hinter einen Schuppen und verwechsle beim Abwischen eine Brennnessel mit einem Löwenzahnblatt. So kann man sich auch den Abend verderben.«

Juli Zeh hat jetzt zwei Stunden konzentriert geredet, sich nicht ein einziges Mal versprochen, Laute wie »ääh« scheinen ihr fremd. Nur bei der Frage nach dem Inhalt des nächsten Buches wird sie vage: etwas mit Religion und von der Sucht der jungen Menschen wegzugehen, ins Ausland oder woandershin. »Aber jetzt zählt sowieso erst mal Jura.« Vielleicht lassen sich da doch Geschichten finden wie jene mit den drei Kerlen, die eine Bank überfallen und dabei eine Farbbombe erbeuten.

Juli Zeh: »Die Stille ist ein Geräusch«, Schöffling, 264 Seiten, 18,50 Euro

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