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Buchrezension

Zum 85. Geburtstag: Christo und Jeanne-Claude: Richtig verpackt wird alles zu Kunst

Christo und Jeanne-Claude teilten weit mehr als das gleiche Geburtsdatum am 13. Juni 1935. Nachdem sie sich mit 23 Jahren kennengelernt hatten, widmeten sie ihr Leben der gemeinsamen Kunst und verschafften zahlreicher Architektur und ganzen Landstrichen einen einmaligen Auftritt.

Das Paar steht lächelnd vor organgefarbenen Tüchern im Central Park in New York

Idealisten in ihren Konzepten, Realisten in deren Ausführung: Hatten Jeanne-Claude und Christo eine neue Idee, nahmen sie sämtliche Schwierigkeiten in Kauf, um sie umzusetzen. Ihre Kunst, die oft jahre-, manchmal jahrzehntelange Planung brauchte, war selten länger als 14 Tage zu sehen. Eintritt verlangte das Paar nie, es finanzierte seine Projekte selbst. Hier stehen die beiden Künstler 2005 im New Yorker Central Park vor ihrem Werk "The Gates". New York war ab 1964 ihre Heimat geworden.

Hersteller

Christo Wladimirow Jawacheff, den die Kunstwelt und seine Fans unter seinem Vornamen kennen, ist 2020 am Pfingstsonntag verstorben. Seine Frau Jeanne-Claude, die sein "astrologischer Zwilling" war, starb bereits im Jahr 2009. Am 13. Juni 2020 wären beide 85 Jahre alt geworden. Ein Anlass, um eines der ungewöhnlichsten Künstlerpaare der Welt zu würdigen, das seine Projekte so leidenschaftlich wie unabhängig durchzog wie sonst wohl kaum jemand. 

Normalerweise gehört Verpackung zu der Vorfreude auf ein Geschenk. Doch dank der Arbeiten von Christo und Jeanne-Claude wurde aus ihr eine Hülle, die dafür sorgte, das Verborgene in ein neues Licht zu rücken – aus Vertrautem wurde Fremdes, aus scheinbar tristen Landschaften, großer Architektur oder stillen Gewässern wurde Kunst.

Christo arbeitete an dem Buch über das Lebenswerk des Paares selbst mit

Cover

"Christo and Jeanne-Claude", Updated Edition, Taschen Verlag. Englisch, Deutsch, Französisch. Wolfgang Volz, Paul Goldberger, Hardcover, 7,25 kg, 616 Seiten. 150 Euro, hier bestellbar.

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Ende 2019 brachte der Taschen-Verlag das Lebenswerk von Christo und Jeanne-Claude überarbeitet in einem gigantischen Buch heraus – unter Mitwirkung von Christo höchstpersönlich. Natürlich ist auch das – für den Coffeetable schon fast zu schwere Buch – verpackt. Auch wenn das verknotete Band auf dem an einem Griff tragbaren Schuber lediglich aufgedruckt ist, kann man es auf dem Schutzumschlag tatsächlich fühlen. Interessenten seien allerdings vor dem Kauf gewarnt: Selbst wer vorher noch kein ausgewiesener Fan der beiden Künstler war, wird nach der Lektüre unwillkürlich trauern: darum, dass die Arbeiten der beiden uns nie wieder überraschen können. Die Hartnäckigkeit und der Enthusiasmus sowie die ganz eigene Kunstidee von Christo und Jeanne-Claude zeichnet eine Ära aus, die unwiederbringlich ist. Wer je eines ihrer kurzlebigen Werke im Original gesehen hat, kann sich glücklich schätzen – und wird um dieses Buch nur schwer herumkommen.

Als Christo aus Bulgarien über Prag, Wien, Genf endlich in Paris angekommen war, wo er Jeanne-Claude kennenlernte, stieß seine ungewöhnliche Kunst auf keine Gegenliebe. Eine Freundin seiner Mutter, der einzige Mensch, den er in Paris kannte, schrie in ihn an, wie schrecklich das alles sei. Und er erhielt, Jahre später, in der Zeitschrift "Connoisseur", die die besten und schlechtesten Künstler auflistete, den letzten Platz. "Ich war der schlechteste Künstler der Welt", zitiert das Buch Christo in einem Interview mit Paul Goldberg 2009 in New York, "weil, wie er [der "Kunstkenner", der die Liste erstellt hatte, Anm. d. Red.] sagte, ich so gute Zeichnungen herstellte, aber trotzdem so dummes Zeug wie Verpackungen machte." Wie sehr sich dieser Mann geirrt hat, ist schon lange kein Geheimnis mehr.

Christo startete mit kleinen Objekten

"Christo verhüllte Dosen, Flaschen, Stühle, ein Auto – einfach alles, was er finden konnte, Alltagsgegenstände, die weder besonders schön noch interessant waren. Stillschweigend setzte er voraus, daß jedes, aber auch jedes Objekt seinen Platz in der Kunst haben konnte. Es gab für ihn keine Hierarchien der künstlerischen Ausdrucksformen und Inhalte", schreibt der Kunstkritiker Jacob Baal-Teshuva über ihn. So fing es an – danach gab es keine Grenzen mehr.

Der Fotograf Wolfgang Volz begann 1972 in Colorado, USA, damit, die Kunst von Christo und Jeanne-Claude zu dokumentieren, als die beiden am "Valley Curtain" arbeiteten. Er wurde das "Auge", dem wir die Aufnahmen in diesem Buch zu verdanken haben.