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Neuer Roman "Tyll" von Daniel Kehlmann: Panorama der Verwüstungen und Abgründe

Der Krieg und der Narr: Daniel Kehlmann verarbeitet in seinem neuen Roman "Tyll" historischen Stoff von beklemmender Intensität. Dass er ihn in New York vollendete, ist kein Zufall. Eine Begegnung.

Daniel Kehlmann: Panorama der Verwüstungen und Abgründe

Fifth Avenue, mit Marmor verkleidete Erhabenheit: Daniel Kehlmann vor der New York Public Library; dort hat er große Teile seines Romans geschrieben

Am Anfang, sagt , als er die breiten Treppenstufen des Hauptgebäudes der New York Public Library hinaufsteigt, da habe er sich noch morgens gefragt, ob er es nicht etwas pathetisch finden solle, hier an seinem neuen Roman "Tyll" zu schreiben. Für seine früheren Bücher hatte er die Wohnung nicht verlassen. Nun aber diese Hollywoodkulisse einer Bibliothek: Fifth Avenue, Beaux-Arts-Architektur, in Marmor gekleidete Erhabenheit. Hier lagern Schätze wie Thomas Jeffersons Abschrift der Unabhängigkeitserklärung der USA, eine Gutenberg-Bibel oder auch diese lässige Notiz des Schriftstellers Arthur Koestler, der nach einem LSD-Trip schrieb: "Gestern Abend habe ich das Geheimnis des Universums gelöst, aber heute Morgen weiß ich nicht mehr, was es war."

Kehlmann erzählt, er habe schnell beschlossen, es einfach nur großartig zu finden, hier als Stipendiat des renommierten Cullmann Centers ein Jahr lang an seinem neuen Roman schreiben zu dürfen. "Ich habe insgesamt fünf Jahre daran gearbeitet. Es ist das Buch meines bisherigen Lebens, ich glaube, es ist das Beste, was ich bisher gemacht habe", sagt Daniel Kehlmann, 42 Jahre, davon zwölf in Glanz und Schatten seines Weltbestsellers "Die der Welt".

Daniel Kehlmann vermengt Fakten mit Fiktion

In "Tyll" versetzt der Schriftsteller die Narrenfigur des in den Dreißigjährigen Krieg, es ist eine große Erzählung über die seelischen Zerrüttungen, die Gewalt anrichten kann, und die Macht der Kunst. Tyll Ulenspiegel, Sohn eines Müllers und eifrigen Welterforschers, muss miterleben, wie zwei Jesuiten seinem arglosen Vater einen kurzen Prozess wegen Hexerei machen. Er flieht nach dessen Hinrichtung mit der Bäckerstochter Nele, schon bald lernt er unter der prügelnden Hand eines Gauklers die Tricks und Überlebensstrategien des fahrenden Volks.

Von nun an zeichnet der Roman ein Panorama der  des Dreißigjährigen Krieges und der Abgründe, die er in den Menschen aufreißt. Bei den einfachen Leuten zuallererst, aber auch bei den hochwohlgeborenen, wie dem böhmischen "Winterkönig" Friedrich V. und seiner Gemahlin Elisabeth Stuart, deren alltägliches Ehegemetzel diesen Weltenbrand im Roman erst entfacht hat und vor denen der große Gleichmacher Krieg nicht haltmacht. Kehlmann schildert, wie in dieser wahnsinnigen Welt des Verderbens und Todes folgerichtig nur jemand wie der Narr Ulenspiegel überleben kann, der einfach trotzig beschlossen hat, niemals zu sterben.

Wie schon in "Die Vermessung der Welt" vermengt Kehlmann geschichtliche Fakten mit Fiktion, erschafft äußerst komische Parodien historischer Personen, fördert besondere Kuriositäten aus der tiefsten Mottenkiste der Vergangenheit zutage. Gleichzeitig gelingen ihm beklemmende Bilder von Hunger, Tod und Grausamkeit. Aus all diesem konstruiert er kunstvoll ein Sitten- und Schlachtengemälde, das erst spät zu einer Komödie wird, erzählt in nüchterner Sprache und vertrackter Struktur.

Kehlmann ist dieser Tage in gelöster Stimmung. Kein Wunder, hat er doch fünf Jahre gearbeitet an seinem Werk. "Tyll" ist im Rowohlt Verlag erschienen

Kehlmann ist dieser Tage in gelöster Stimmung. Kein Wunder, hat er doch fünf Jahre gearbeitet an seinem Werk. "Tyll" ist im Rowohlt Verlag erschienen

In diesen Tagen erscheint der Roman, und Kehlmann ist in gelöster Stimmung, er spricht schnell und lebhaft, seine Gedanken tanzen wie der Eulenspiegel auf dem Seil, immer wieder fällt ihm etwas ein, das ihn begeistert oder erstaunt, an dem er seinen Gesprächspartner teilhaben lassen will. Er führt in den großen Lesesaal der Bibliothek, Studenten beugen sich über alte Eichentische, Touristen knipsen pseudo-bildungsbürgerliche Selfies vor schweren Bücherregalen, und Kehlmann zeigt auf die Himmelsbildnisse an der Decke. Er frage sich, sagt er, ob dahinter ein ironisches Spiel des Künstlers stecke, dass die Wappenbilder und der Himmel leer seien, eben ohne Wappen und Engel, die man dort doch vermuten würde in einem so klösterlich gestalteten Raum.

Es geht weiter durch breite Gänge, bald klopft er an der dicken Tür des Cullmann Centers, es dauert ein wenig, bis jemand öffnet, wofür sich Daniel Kehlmann entschuldigt, er habe seine Schlüsselkarte nach Ende des Stipendiums abgeben müssen, wie er sich überhaupt oft entschuldigt, denn er ist ein überaus höflicher und angenehmer Mensch.

"Die Beschäftigung mit dem Dreißigjährigen Krieg hatte etwas Beruhigendes für mich"

Er führt durch das salonartige Foyer zu seinem ehemaligen Büro, an der Tür prangt sein Name auf einer glänzenden Messingtafel, darüber die Namen aller seiner Vorgänger, neun Tafeln über ihm zum Beispiel der aktuelle Träger des Pulitzer-Preises für Literatur, Colson Whitehead.

Kehlmann geht ein wenig scheu darüber hinweg, er ist kein Mann der großen Pose, und erzählt stattdessen, es sei hier anfangs ein wenig ungewohnt gewesen für ihn, der in seinem Leben ja nie etwas anderes als Schriftsteller gewesen sei und damit nie einen Bürojob ausgeübt habe, plötzlich das Haus zu verlassen und eben in einem Büro zu schreiben, aber ihm habe diese Struktur der Tage gefallen. Oft habe er seinen achtjährigen Sohn zur Schule gebracht, sei hierhergekommen, um zu schreiben, mal auf dem Computer, mal mit dem Füller, wenn er fürchtete, den Kampf um die Konzentration gegen das Internet zu verlieren. Gegen drei Uhr habe er das Büro verlassen, um seinen Sohn aus der Schule im West Village abzuholen, dort lebt er mit seiner Frau, einer Anwältin. soll auch in den nächsten Jahren ihr Lebensmittelpunkt sein, Kehlmann doziert an der New York University, gerade nimmt er mit seinen Studenten Heimito von Doderers "Strudlhofstiege" durch, ein Meisterwerk, von dem er lange schwärmen kann. Zwischendurch feiern seine Theaterstücke Premieren in London, Wien oder anderswo, und die Wohnung in Berlin hat die Familie als Anker behalten.

In einem Eckbüro besucht er seinen ehemaligen Mitstipendiaten, den US-Schriftsteller Salvatore Scibona. Der erzählt davon, dass in seinem Roman der Hamburger Flughafen vorkomme, der einzige Ort, den er von kennengelernt habe. Einer der tristeren Orte in Deutschland, sagt Kehlmann. Beim Espresso in der Küche schildert er, wie wichtig der Austausch mit Kollegen wie Scibona gewesen sei und dass er sein Buch ohne das Stipendium nicht so schnell fertiggestellt hätte, allein schon, weil er hier jedes Buch, das er für seine Recherchen brauchte, innerhalb eines Tages geliefert bekam.

"Ich habe drei Jahre lang unglaublich viel gelesen und sehr wenig geschrieben", sagt Kehlmann. "Ich glaube, dass ich nach diesen Jahren des sehr langsamen Schreibens das Buch dann überhaupt fertig schreiben konnte, hatte mit der Wahl von Donald Trump und all diesen Katastrophen des letzten Jahres zu tun", sagt er. Es sei kein Zufall, dass er sich vor zwölf Jahren in seinem Roman "Die Vermessung der Welt" mehr für Wissenschaftsgeschichte interessierte und heute für Religionskriege und eine ins Chaos zerfallende Welt. "Die Beschäftigung mit dem Dreißigjährigen Krieg hatte etwas Beruhigendes für mich. Weil ich das Gefühl hatte, wie schlimm es auch immer wird, so schlimm wie im 17. Jahrhundert ist es noch nicht."

"Es ist eine starke Figur, aber ich weiß nicht, wofür sie steht."

Kurz darauf, im Restaurant neben der Bibliothek, muss Kehlmann laut lachen, als er hört, dass es dem Psychiater Manfred Lütz ähnlich geht. Der wurde einmal gefragt, ob es nicht beste Voraussetzung für das Ausgebranntsein der Menschen unserer Tage sei, dass man heute, anders als früher, rund um die Uhr erreichbar sei. Lütz antwortete: "Im Dreißigjährigen Krieg waren die Leute rund um die Uhr für die Schweden erreichbar. Das war viel unangenehmer."

Da habe Lütz recht, sagt Kehlmann und erzählt, wie er begann, sich mit der frühen Neuzeit und dieser wuchernden Fantasie des Barock zu befassen. Er fand es furchtbar schwer, die Menschen und die entfesselte Gewalt dieser Zeit zu verstehen. "Doch Jonathan Franzen hat einmal zu mir gesagt: Immer wenn man das Gefühl hat, dass man über etwas nicht schreiben kann oder sollte, dann ist es genau das, worüber man schreiben sollte. Daran habe ich mich gehalten."

Eine Zeit lang verstieg er sich, ganz der beflissene Geistesarbeiter, in seine Recherche, fast ein Jahr lang las er zu Hexenprozessen und schrieb an der Szene, doch er hatte noch immer nicht das Gefühl, dem Hexenwahn auf den Grund gekommen zu sein. "Irgendwann habe ich gedacht, entweder wird es jetzt der Roman, von dem ich Freunden dauernd erzähle, der aber nie fertig wird. Oder ich akzeptiere meine Beschränkungen und schreibe einfach. Da hat mir die Figur des Tyll geholfen: Er war so etwas wie der Schutzpatron der Verantwortungslosigkeit und brachte mich dazu, aufzuhören endlos immer weiter zu recherchieren, wie man das als braver Schüler einfach machen müsste", sagt er.

Was es mit der Figur Tyll denn nun auf sich habe? Kehlmann nimmt einen Schluck von seinem Saft und erzählt dann von dem alten Eulenspiegel-Volksbuch, in dem es in einem Drittel der Geschichten nur darum gehe, dass Till irgendwo hinkackt. Er erzählt, dass der Narr auf alten Illustrationen immer einen Fellmantel trug, ein Zeichen seiner schamanischen Wurzel, wie C. G. Jung einmal schrieb, und davon, dass der Narr immer die Erinnerung an den Zustand transportiere, an dem der Mensch noch nicht vom Tier geschieden ist. Dann aber lehnt sich Kehlmann zurück und sagt, Werner Herzog zeige in seinem Film "Fitzcarraldo" eine Szene, in der ein Schiff über einen Berg gezogen werde. Herzog habe gesagt, das sei eine starke Metapher, er wisse nur nicht, wofür. "So geht es mir mit meiner Tyll-Figur. Es ist eine starke Figur, aber ich weiß nicht, wofür sie steht. Ich glaube, so soll es sein."

Heftige Rezensionen

Vielleicht wird der ein oder andere Kritiker Erklärungen liefern. Oder ihn dafür schelten. Man habe ihm nach dem Erfolg "Die Vermessung der Welt" gesagt, erzählt Kehlmann, dass der deutsche Literaturbetrieb ihm nun nie wieder erlauben werde, einen Erfolg ohne heftigen Einspruch zu haben. Das stimmt. Man konnte das an manchen heftigen Rezensionen zu "Ruhm" und "F" sehen, seinen experimentierfreudigen späteren Romanen, oder an den Kritiken seiner Poetikvorlesungen: Manche feierten den hellsichtigen Literaturanalytiker in ihm, andere verrissen Kehlmann als eitlen Selbstdarsteller.

Ist er nervös, wie das für ihn so wichtige Buch aufgenommen wird?

"Nicht so nervös, wie ich sein könnte, einfach weil ich bei diesem Buch so ein gutes Gefühl habe", sagt Kehlmann. Sein Gefühl dürfte ihn nicht trügen und "Tyll" könnte das Schicksal von "Die Vermessung der Welt" ereilen. Das ist längst Schullektüre. Eine Ehre, sagt Kehlmann. Aber natürlich sei das auch irgendwie furchtbar.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo