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Das Tagebuch der Anne Frank: Von der Pflichtlektüre zur Herzensangelegenheit

Im neuen stern berichtet Redakteurin Nina Poelchau vom Streit um das Vermächtnis der Anne Frank. Auf stern.de erzählt sie, was das berühmte Tagebuch ihr persönlich bedeutet.

Anne Frank. Kenne ich, denke ich. Sie war Pflichtlektüre in meiner Schule, ich glaube in der achten Klasse. Das ist fast 30 Jahre her. Ich habe das Buch damals nicht sonderlich gern gelesen, obwohl ich um Anne Franks Leben bangte, sie mir mit ihrer rebellischen, manchmal witzigen Art gefiel. Pflichtlektüre eben. Kombiniert mit Referaten, die wir halten mussten, um das Thema zu vertiefen. Es wurde gelost, weil es nicht so viele sinnvolle Referatsthemen gab wie Leute in der Klasse. Ich zog "Der Bahnhof von Amsterdam - damals und heute". Das an den Haaren herbeigezogene Referat, in dem es um Architektur und die Anzahl ein- und ausgehender Züge ging, überschattet nachhaltig meine Erinnerung an Anne Frank.

Und dann lag vor einigen Wochen dieses Buch auf meinem Schreibtisch. Es sah anders aus als das relativ dünne Taschenbuch aus meiner Schulzeit, grau mit roter Schrift, "Tagebuch Anne Frank". Jetzt war es ein dicker Wälzer, 2013 beim S. Fischerverlag erschienen. "Anne Frank Gesamtausgabe". Ich blätterte hinein. Ich kam nicht mehr los. Ich habe mich in eine Ferienwohnung an die Ostsee zurückgezogen, wo es sehr still ist, und das Wochenende durchgelesen.

Das besondere Buch unter Tausenden

Wahrscheinlich geht es vielen so, vielen von jenen Abermillionen, denen Anne Frank in ihrem Leben zwangsläufig begegnet ist, weil sich kaum jemand so sehr wie Anne Frank dazu eignet, gerade junge Menschen über den Rassenwahnsinn Hitlers aufzuklären: Anne Frank ist jung, sie ist sympathisch, sie erzählt aus der Ich-Perspektive. In ihrem Tagebuch versammelt sich all das, was der Terror der Nazis für Juden und andere Verfolgte bedeutete. Diskriminierung und Angst, Flucht, Verstecken, Hoffnung, Verzweiflung.

Es sind in der Zeit des Nationalsozialismus von den Opfern Tausende Tagebücher geschrieben worden. Ich habe erst heute verstanden, warum gerade das von Anne Frank immer und immer wieder entdeckt, neu aufgelegt und weitergereicht wird. Anne Frank ist nicht nur die junge Dokumentarin dieser grausamen Epoche der Weltgeschichte. Sondern auch ein Mädchen mit enormem schriftstellerischen Potential, einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe, aus der wahrscheinlich eine große Schriftstellerin geworden wäre. Es gelingt ihr - mit 14 Jahren! - ihre Gefühle in Worte zu fassen, knapp und analytisch, ungeheuer anrührend.

Das ausgelöschte Talent

Am 8. November 1943 zum Beispiel schrieb sie: "Ich sehe uns acht im Hinterhaus, als wären wir ein Stück blauer Himmel, umringt von schwarzen, schwarzen Regenwolken. Das runde Fleckchen, auf dem wir stehen, ist noch sicher, aber die Wolken rücken immer näher, und der Ring, der uns von der nahenden Gefahr trennt, wird immer enger. Jetzt sind wir schon so dicht von Gefahr und Dunkelheit umgeben, dass wir in der verzweifelten Suche nach Rettung aneinanderstoßen. Wir schauen alle nach unten, wo die Menschen gegeneinander kämpfen, wir schauen nach oben, wo es ruhig und schön ist, und wir sind abgeschnitten durch die düstere Masse, die uns nicht nach unten und nicht nach oben gehen lässt, sondern vor uns steht wie eine undurchdringliche Mauer, die uns zerschmettern will, aber noch nicht kann." Oder am 15. Juli 1944: "Das ist das Schwierige in dieser Zeit: Ideale, Träume, schöne Erwartungen kommen nicht auf, oder sie werden von der grauenhaftesten Wirklichkeit getroffen und vollständig zerstört. Es ist ein Wunder, dass ich nicht alle Erwartungen aufgegeben habe, denn sie scheinen absurd und unausführbar. Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das innere Gute im Menschen glaube."

Ich habe das Tagebuch meiner Tochter empfohlen. Sie ist Mitte 20. Ihre erste Reaktion: "Anne Frank? Die muss ich nicht mehr lesen. Die kenn' ich schon aus der Schule." Ihre zweite: Sie liest. Und liest.

Über den bizarren Erbstreit um die Erinnerung...

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