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Elfriede Jelinek: Literaturnobelpreis für "Skandal-Autorin"

Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek erhält in diesem Jahr den Literatur-Nobelpreis. Damit ist sie die erste Frau seit 1996, die diese Auszeichung erhält.

Als erste Österreicherin erhält Elfriede Jelinek überraschend den Literatur-Nobelpreis. Die streitbare 57- Jährige sei eine Autorin, "die mit ihrem Zorn und mit Leidenschaft ihre Leser in den Grundfesten erschüttert", sagte der Sprecher der Schwedischen Akademie, Per Wästberg, in Stockholm nach der Bekanntgabe. In ihrer Heimat war Jelinek lange wegen gesellschaftskritischer und als obszön empfundener Romane ("Die Klavierspielerin", "Lust") und Theaterstücke ("Raststätte oder sie machen's alle") als "Skandal-Autorin" angefeindet worden. Während aus Deutschland fast nur überschwängliches Lob kam, gratulierte Österreichs Regierung mit einer gewissen Zurückhaltung.

"Mit ihren Sprachkunstwerken hält Jelinek Österreich einen Spiegel vor, in den man vielleicht nicht allzu gerne blickt, der aber für unser gesellschaftliches und politisches Leben unverzichtbar geworden ist", erklärte Kunststaatssekretär Franz Morak für die Wiener Regierung und übermittelte Glückwünsche im Namen von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. Die deutsche Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) war begeistert: Jelineks Texte seien "ein Sprachereignis".

Jelinek ist die zehnte Frau, die den seit 1901 vergebenen Literatur-Nobelpreis erhält. Zuvor hatte lediglich die Lyrikerin Nelly Sachs 1966 als deutschsprachige Autorin diese Auszeichnung bekommen. Jelinek bezeichnete die Verleihung als "überraschende und große Ehre". Sie werde aber zur Übergabe am 10. Dezember nicht nach Stockholm reisen: "Ich bin nicht körperlich krank, aber psychisch nicht in der Lage, mich dem persönlich auszusetzen." Sie betrachte den Nobelpreis "als Blume im Knopfloch für Österreich".

In der Begründung der Schwedischen Akademie heißt es, Jelinek werde geehrt "für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen".

Rowohlt-Verleger Alexander Fest war auf der Frankfurter Buchmesse sichtlich überrascht. Seine langjährige Autorin zeichne sich durch ihre "unerhörte Sprache" und einen "völlig eigenwilligen Stil" aus. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki war "außerordentlich erfreut" über die Entscheidung für die "äußerst extreme und radikale" Autorin. "Zu Tränen gerührt" war Theatermacher Claus Peymann. Jelinek sei die Kassandra der zeitgenössischen Literatur und des deutschsprachigen Theaters. Peter Handke schwelgte in Superlativen: "Super! Unglaublich!, Gewaltig."

Provokation gehört zu ihrem Programm

Jelinek wurde am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag in der Steiermark geboren. Provokation gehört zum Programm der ehemaligen Klosterschülerin, die als Studentin auf dem Wiener Konservatorium den Weg zur Literatur fand. Krasse Bilder kennzeichnen ihre Romane und Dramen. Dabei beschäftigt sich die als "erbarmungslose Moralistin" bekannte Jelinek vor allem mit der sexuellen Ausbeutung der Frau. Immer wieder prangert Jelinek, die zu den meist beachteten und gespielten deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen gehört, die "allgegenwärtigen männlichen Herrschafts- und Gewaltverhältnisse" in Ehe und Gesellschaft an. Ein umstrittener Bestseller wurde ihr Roman "Lust" (1989).

Mit ihrer Kritik an der angeblich geringen Bereitschaft ihrer Landsleute, sich ihrer Nazi-Vergangenheit zu stellen, wurde die Autorin anfangs in Österreich ignoriert oder als "Nestbeschmutzerin" beschimpft. Nachdem sie 1996 für ihre Dramen in Österreich wegen des dortigen geistigen Klimas ein Bühnenverbot verhängt hatte, werden inzwischen wieder Stücke in ihrer Heimat gespielt. Das von Einar Schleef am Wiener Burgtheater uraufgeführte Jelinek-Drama "Ein Sportstück" (1998) wurde enthusiastisch gefeiert.

Zahlreiche Ehrungen

In Deutschland erhielt die Autorin zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Georg-Büchner-Preis (1998). Die Zeitschrift "Theater heute" kürte sie 1996 zur Dramatikerin des Jahres - für ihre Rassismus-Schelte "Stecken, Stab und Stangl".

Im vergangenen Jahr hatte die Schwedische Akademie den Südafrikaner John M. Coetzee ausgezeichnet. Die Nobelpreise sind mit jeweils 10 Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotiert und werden traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896), überreicht.

DPA / DPA