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Fantasy: Sehnsucht nach anderen Welten

Aufmarsch der Geister, Drachen, Elfen und Zauberer: Fantasy-Bücher für alle Altersgruppen sind zum Erfolgsgenre geworden.

Es war einmal ein Junge, mit dem kein Mädchen fummeln wollte. Seine Lippen waren dick, die Augen hinter den Brillengläsern verquollen. Mit 15 aber begann er einen Fantasy-Roman zu schreiben, den seine Eltern im Selbstverlag herausbrachten. Der Junge tingelte durch die High Schools und las seinen Gleichaltrigen vor, in mittelalterlicher Tracht. Heute steht Christopher Paolini ganz oben auf den Bestsellerlisten und gilt als "hotter than Potter" - heißer als Harry. Sein Buch erzählt die Geschichte des Waisenjungen Eragon, der mit seinem Drachen Saphira gegen das Böse kämpft. 600 Seiten lang. Ein bisschen erinnert das Ganze zwar an den Schulaufsatz eines übereifrigen Musterschülers, Kinder verstehen viele der hochgestochenen Wörter nicht - spannend ist die Geschichte von Christopher Paolini trotzdem.

Der Jugendliche aus Montana ist eines jener Fabelwesen, in die jeder Verlagsleiter seine Autoren derzeit verhexen möchte: ein Schriftsteller, dessen Bücher Kinder und Erwachsene gleichermaßen gern lesen. "Crossover" heißt das Zauberwort: altersübergreifend. Spätestens seit die weltweite Gesamtauflage von "Harry Potter" die 250 Millionen überschritten hat, ist klar: Nichts bringt der geplagten Branche so sichere Verkaufszahlen wie ein Jugendbuch, das das Kind im Erwachsenen weckt. Und da dieses Wunder bei Joanne K. Rowling nun einmal mit Magie zustande kam, heißt das Gebot der Geisterstunde: Fantasy. Eine Übersättigung scheint nicht in Sicht. In die Jugendbuch-Bestsellerlisten klettert praktisch kein Buch mehr, in dem nicht gezaubert wird.

Auch der Thrillerautor Philip Kerr setzt auf diesen Trend. Bombastische 1,7 Millionen Dollar bekam er vom Verlag Scholastic für seine geplante Trilogie "Die Kinder des Dschinn", Steven Spielberg sicherte sich sogleich die Filmrechte. Nun ist der erste Teil, "Das Akhenaten-Abenteuer", gleichzeitig in den USA, England, Holland und Deutschland erschienen. Der Plot: Als ein Zahnarzt zwei Geschwistern die Weisheitszähne zieht, werden plötzlich ihre magischen Kräfte freigesetzt. Die beiden sind Sprösslinge einer alten Flaschengeister-Dynastie. Fortan haben sie Herzen aus Feuer, können in Flaschen verschwinden und retten das Gute in der Welt, indem sie in Ägypten seit Jahrtausenden eingesperrte Flaschengeister freilassen.

Klingt nicht so originell, aber Philip Kerr, der für Kinder unter dem Pseudonym P. B. Kerr publiziert, ist ein erprobter Spannungsschreiber. Der Roman fesselt. Angeblich wollte Kerr damit vor allem seine eigenen drei Sprösslinge vom Fernseher weglocken - vermutlich mit Erfolg. Sein Buch überfordert Kinder nicht und unterfordert Erwachsene nur in dem Maß, wie es ihnen angenehm ist.

Fantasievoller schreibt der Autor G. P. Taylor. In seiner Jugend war er Punk, danach Drogenpolizist, heute ist er Pfarrer. Um seinen Erstling "Schattenbeschwörer" im Selbstverlag herausbringen zu können, verkaufte er sein Motorrad und schaffte es in den USA auf Anhieb ganz nach oben - die Filmrechte sind... na, Sie wissen schon. Gerade auf Deutsch erschienen ist nun sein zweites Jugendbuch "Himmelsdrache". Darin treten, wie man es von einem Pfarrer erwarten darf, ganz reizende Engelsgeschöpfe auf, die uns Menschen vor dem Untergang bewahren sollen. Ein Komet droht die Erde zu zerstören, nur ein geheimnisvolles Buch kann Abhilfe schaffen. Das aber entwendet die junge Heldin Agetta, von ihrem Vater zur Diebin erzogen. Hübsch erfunden ist das alles und nett erzählt, das Buch hätte kleine und große Leser verdient.

Nur für Erwachsene

eignet sich dagegen "Jonathan Strange und Mr Norrell". Zehn Jahre lang soll die englische Autorin Susanna Clarke über den 1000 Seiten ihres Debütwerks gesessen haben. Dessen Inhalt: Im England des 19. Jahrhunderts erforschen Zauberwissenschaftler die Theorie der Magie, doch selbst zu zaubern traut sich niemand mehr. Bis ein junger Luftikus eine Weissagung erhält und bald ein gnadenloser Zauberstreit über England hinwegfegt.

Düster, aber leichter verständlich geht es in den Büchern des 33-jährigen Daniel Handler zu. Früher schrieb er tiefschwarze Romane für Erwachsene, darunter eine Satire über Inzest. Als Jugendbuchautor schickt er nun unter dem Pseudonym Lemony Snicket drei altkluge Geschwister von einem Elend ins nächste. Im ersten Band, "Der schreckliche Anfang", verbrennen die Eltern, die Kinder werden zum grässlichen Graf Olaf abgeschoben, der ihnen das Vermögen abjagen und sie töten will. Nicht umsonst warnt der erste Satz: "Wenn du gern Geschichten mit einem Happy End liest, solltest du lieber zu einem anderen Buch greifen." Kinder werden dieses Schauermärchen mögen, für Erwachsene ist es eine amüsante Satire der Romane von Charles Dickens.

In Amerika, wo fast jeder Dickens gelesen hat, verkaufen sich die inzwischen elf Folgen auch unter Erwachsenen wie wild - in Deutschland bisher nicht. Der Jugendbuchverlag Beltz & Gelberg, bei dem die ersten sieben Bände unter dem zugestandenermaßen beknackten Titel "Schauriger Schlamassel" bereits erschienen waren, verscherbelte deshalb die Rechte weiter. Bei "Manhattan" wird die Serie nun ein zweites Mal aufgelegt. Der Verlag setzt knallhart auf "Crossover" - und erklärt die Bücher, die so eindeutig für Kinder geschrieben sind, ganz einfach zum Erwachsenenprogramm. Vielleicht funktioniert die Masche sogar. Vermarktungshilfe naht aus Hollywood: Ein Lemony-Snicket-Film mit Jim Carrey, Meryl Streep und Jude Law ist gerade abgedreht.

Nina Freydag / print