Gedenkjahr Anton Tschechow wird wiederentdeckt


Anlässlich seines 100. Todestages am 15. Juli laden zahlreiche Neuerscheinungen und Neuübersetzungen zur Wiederentdeckung des russischen Schriftstellers Anton Tschechow ein.

Anton Tschechow war kein düsterer Russe. Er war ein humorvoller und weiser Beobachter des menschlichen Lebens. Seine traurigkomischen Theaterstücke und Erzählungen machten ihn zu einem der bedeutendsten Autoren der Weltliteratur. Tschechow (geboren 1860) starb vor 100 Jahren am 15. Juli 1904 im Kurort Badenweiler im Schwarzwald. Zu diesem Gedenktag laden viele Neuerscheinungen auf Deutsch dazu ein, Tschechows Leben und Werk neu zu entdecken.

Dabei war der Schriftsteller selbst zu zurückhaltend und diskret, um Einblicke in sein nur 44 Jahre kurzes Leben zu gewähren. "Ich habe eine Krankheit: die Autobiographobie", schrieb er einmal in einem Brief. Für den Übersetzer Peter Urban, der seit Jahrzehnten das Werk Tschechows für den deutschen Leser pflegt, sind gerade die Briefe der wichtigste Schlüssel zum Leben des Schriftstellers. Deshalb ließ er der Gesamtausgabe der Briefe und einem Tschechow-Bildband jetzt zum Gedenkjahr eine minutiöse "Anton Cechov -Chronik" folgen (alle Diogenes). Das Buch zielt auf gestandene Tschechow-Liebhaber, mit Daten und Briefauszügen zeichnet Urban das Leben und die Entstehung der einzelnen Werke nach.

Biografien als Einstieg

Für Tschechow-Einsteiger empfiehlt sich die kurze, gut lesbare und anschaulich bebilderte Biografie "Anton Cechov" von Frank Rainer Scheck bei dtv. Ein wichtiges zeitgenössisches Zeugnis über Tschechow wird im September/Oktober 2004 bei der Friedenauer Presse erscheinen, die Erinnerungen des russischen Schriftstellers Iwan Bunin an seinen Freund ("Cechov. Erinnerungen eines Zeitgenossen").

Unverändert aktuell

Das größte Projekt einer Neuübersetzung Tschechows im Gedenkjahr sind vier Bände mit Erzählungen, die der Verlag Artemis & Winkler vorgelegt hat. Der zuletzt erschienene Band "Die Dame mit dem Hündchen" versammelt das erzählerische Spätwerk. Für den Berliner Germanisten Gerhard Bauer, der ein Team von fünf Übersetzerinnen anleitete, ist Tschechow unverändert aktuell. Der "Hochmut der weiter fortgeschrittenen Zivilisation" sei eher noch stärker als zu Tschechows Zeiten geworden. "Jede Generation hat viel zu tun, um auf seine Höhe zu kommen", sagt.

Übersetzungen in "eine moderne Sprache"

Nach Angaben von Verlagssprecherin Ute Müller soll die neue Winkler-Übersetzung «den modernen, ironischen Ton, den Tschechow hat, in eine moderne Sprache» übertragen. Bislang kannten deutsche Leser die Erzählungen Tschechows vor allem aus den Übersetzungen, die Wolf Düwel und Gerhard Dick in den 1960er Jahren in der DDR und später auch in der Bundesrepublik herausgegeben hatten.

Ob man die Neuübersetzung als gelungen empfindet, hängt vom Geschmack des Lesers ab. Die Wortwahl der Neuausgabe ist ausgefallener, pointierter. Dafür wirken die alten Übersetzungen schlanker und ordnen sich stärker dem Erzählverlauf unter.

Tschechows Theaterstücke erscheinen zum 100. Todestag in zwei Ausgaben. Der Insel-Verlag legt die Übersetzungen des Theatermannes Thomas Brasch (1945-2001) wieder auf. Als Fischer-Taschenbuch erscheinen die "Drei Schwestern und andere Dramen" in der Übersetzung von Andrea Clemen.

Friedemann Kohler, DPA DPA

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