HOME

Günter Grass' Israel-Kritik: Letzte Tinte - oder: der Erstschlag

Heftig attackiert wird Günter Grass wegen seiner Israel-Kritik. Klagend tritt er nun auf. Aber Grass hat keinen Grund dazu. Ihm ist mal wieder ein Marketing-Coup gelungen. Und eine Selbstenthüllung.

Eine Analyse von Gerda-Marie Schönfeld

Erstaunlich, wie es dem trickreichen Alten immer wieder gelingt, mit einem inszenierten Tabubruch in die Schlagzeilen zu kommen. Diesmal mit nur einem einzigen Text, der sich in Windeseile weltweit verbreitete. Und dazu noch - ein Gedicht. Ein Marketing-Coup ohnegleichen.

Das Gedicht hat neun Strophen, heißt pathetisch "Was gesagt werden muss" und setzt auf die zuverlässigen Aufreger Israel und Antisemitismus. Damit holt Günter Grass zum Erstschlag gegen die Israelis aus und sieht sich am Ende als künftiges überlebendes Opfer der Atommacht Israel, die den Weltfrieden gefährde. Schlimmer noch: als Fußnote der Geschichte, was für einen Literatur-Nobelpreisträger ärger ist als ein Verriss von Reich-Ranicki.

Das können wir besser

Das kommt alles so verquast daher, dass man als erstes feststellen muss: Der Dichter will keine Ahnung haben von der tatsächlichen Lage im Nahen Osten. Es ist nicht unbekannt, dass Israel die Atombombe hat, doch noch nie seit Staatsgründung 1948 haben die Israelis den Weltfrieden gefährdet. Der Nahostkonflikt blieb immer, was er war: ein Nahostkonflikt.

Auch war es hierzulande niemals ein Tabu, die israelische Politik zu kritisieren, wie der Deutsche Grass in seinem Gedicht bejammert, und dass ihn "seine Herkunft" davon abhalte. Im Gegenteil: Seit Jahrzehnten sind die deutschen Medien voll von Kritik an Israel. Da werden die Deutschen nur noch getoppt von den Israelis selbst, die jede Regierung, welche auch immer, öffentlich in Grund und Boden rammen und nur empfindlich werden, wenn die Kritik von außen kommt. Weil - das können wir alles viel besser. "Die schlimmsten Antisemiten sitzen bei uns" ist ein häufiger Kommentar unter Israelis, der nicht immer nur komisch gemeint ist. Für Grass heisst das: Schnauze, Wessi! Spiel dich nicht auf als Antisemiten. Das können wir alles viel besser.

Sachlich falsch

Natürlich ist derzeit in Israel ein eventueller israelischer Präventivschlag gegen den Iran Anlass zu großer Besorgnis. Die Warnungen der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton werden rauf und runter kontrovers diskutiert. Aber wagen wir eine Prognose: Sollte Israel tatsächlich iranische Atomanlagen vernichten - Atomanlagen, nicht das Land - wird ein Aufschrei der Empörung durch die Welt rauschen. Doch klammheimlich werden wir alle froh sein, dass die Israelis für uns die Drecksarbeit gemacht haben. Denn nicht vergessen: Es ist der Iran, es ist Staatschef Mahmud Ahmadineschad, der nicht müde wird, den Holocaust als Lüge abzutun, und, schlimmer, der nahezu täglich die Vernichtung Israels fordert.

Das will Grass aber nicht wahrhaben. Er bezeichnet den iranischen Diktator ganz niedlich als "Maulhelden", und einen Maulhelden muss man nicht ernst nehmen. Wohingegen Israel, die einzige Demokratie im Nahen Osten, man kann es nicht oft genug sagen, "den Weltfrieden gefährde". Was man aber als Deutscher nicht sagen dürfe. Und nun müsse es endlich mal gesagt werden.

Das ist nicht nur sachlich falsch - siehe oben - es offenbart auch einen inneren Grass, den es immer schon gab, und der jetzt endlich mal nach draußen will. Günter Grass ist einer jener grundanständigen deutschen Antisemiten, auf den der oft zitierte sarkastische Satz des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rex voll zutrifft: "Auschwitz werden die Deutschen den Juden nie verzeihen." Rex beschrieb damit ein Phänomen, das in der Psychoanalyse ein wohlbekannter Klassiker ist: Der Täter muss irgendwann das Opfer hassen, weil das Opfer ihm gezeigt hat, zu welchen monströsen Verbrechen er fähig war. Das ist für den Täter, auch für den reumütigen Täter, so unerträglich, dass er seine Aggressionen fortan gegen das Opfer wenden muss. Und da ist die Generation Grass, die innerlich den verlorenen Krieg noch immer nicht verwunden hat, natürlich schlechter dran als die Generation Golf.

Meister der inszenierten Tabu-Brüche

Auch wenn Grass, vom hohen Ross der Demut, jetzt Sympathien für die Israelis heuchelt - den deutschen Opferstatus hatte Grass schon 2002 reklamiert, mit seiner Novelle "Im Krebsgang". Auch da rief der Meister aus Danzig einen Tabubruch aus, der keiner war: Über das Leid der deutschen Vertriebenen müsse endlich gesprochen werden dürfen.

Was für ein Unsinn: Es gab bis 1969 einen Vertriebenenminister. Es gab aber nie einen Wiedergutmachungsminister. Es gab Vertriebenenverbände, die unentwegt öffentlich auftraten. Es gab eine mächtige Vertriebenenlobby im deutschen Bundestag. Bei der Mehrheit der Deutschen waren die Vertriebenen niemals ein Tabu. Aber dennoch hat der sogenanne Tabubruch medial funktioniert. Das kommt, weil wir, die meisten Journalisten in den linksliberalen Medien, die Vertriebenen auch igitt fanden. Weil Grass "unter uns" eine gewisse Autorität hatte. Und weil Grass ein Meister der Inszenierung ist.

In den ARD-"Tagesthemen" und im ZDF-Magazin "Aspekte" werden wir einen grimmigen Alten sehen, der ebenso schmerzensreich wie eitel beklagen wird, dass er ein Opfer ist im eigenen Land - verkannt, verfemt, verstoßen. Wie vor sechs Jahren, als Grass seine jugendliche SS-Mitgliedschaft kundtat und sich fortan einer medialen "Vernichtung" ausgesetzt sah.

Freuen wir uns also auf ein hübsches Spektakel zum Thema Israel und Antisemitismus.

Übrigens, Avi Primor, der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, hat schon vor Jahren eine nahe "hysterische Antisemitismus-Obsession" bei den Deutschen konstatiert. Und der deutsch-israelische Historiker Dan Diner kommentiert die jüngste Causa des greisen Grass bündig mit "Letzte Tinte".