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Henri Nannen Preis: "Man wird doch etwas gegen Walser sagen dürfen!"

Er ist der berühmteste Literaturkritiker der Nation. Seinen naselnd-schleppende Vortragsweise kennt fast jeder. Jetzt hat Marcel Reich-Ranicki den Henri Nannen Preis für sein Lebenswerk bekommen.

Von Hellmuth Karasek

Es war der Glaube an die humanitäre Kraft von Literatur und Kultur, der Marcel Reich-Ranicki immer wieder half, die dunklen Zeiten seines Lebens zu überstehen: in Berlin während der Nazi-Zeit, im jüdischen Ghetto Warschaus, im Versteck vor der SS und später als Häftling der polnischen Kommunisten. Er, der aus Deutschland Vertriebene und Ausgegrenzte, hielt fest an einer kulturellen Kontinuität, die durch die Nazi- und Nachkriegsjahre zerstört war. All das Leid, das Ranicki widerfuhr, hinderte ihn niemals daran, an die Kraft der deutschen Kultur zu glauben und sie enthusiastisch zu fördern. Hellmuth Karasek, Herausgeber des Berliner "Tagesspiegel" und Ranickis Mitstreiter im "Literarischen Quartett", beschreibt Lebensstationen des großen Literaturkritikers und Begegnungen mit ihm.

Es war im Herbst 1987, als mich in Hamburg die beiden verantwortlichen Kulturredakteure des ZDF Dieter Schwarzenau und Johannes Willms besuchten und mir den Vorschlag machten, an einer neuen Sendereihe teilzunehmen. Das ZDF wolle eine Literatur-Reihe veranstalten, zu der vier Kritiker eine Autorin oder einen Autor einladen sollten zu einer Art literarischer Gerichtsverhandlung. Zwei sollten ihn verteidigen, also sein neues Buch (es sollte nur um Belletristik gehen), zwei es "anklagen". Marcel Reich- Ranicki, allgewaltiger Leiter des allmächtigen Literaturteils der "FAZ", hatte seinerzeit schon eine gewisse Fernsehpräsenz. Wir kannten und wir stritten uns seit der Gruppe 47. Reich war der gewaltige, gefürchtete und beneidete Präzeptor, ein leidenschaftlicher, schneidend lauter, ungeheuer urteilsstarker Kritiker, der nie aus seinem Herzen eine Mördergrube machte. Er kannte keine Feigheit vor Freund oder Feind und nahm dafür, wie er selbst bekannte, die Einsamkeit des Kritikers in Kauf.

Fördernde Strenge

Andererseits war er als "FAZ"-Redakteur ungeheuer kooperativ und effizient, er schuf der Zeitung einen Literaturteil, indem er sich hochbegabte junge Redakteure heranzog, zum Beispiel Volker Hage oder Frank Schirrmacher oder Hubert Spiegel und Jochen Hieber. Und indem er, neben Freunden aus den Tagen der Gruppe, einen Stab von wichtigen jungen Hochschullehrern als Rezensenten um sich scharte, die er streng und fürsorglich unter seine Fittiche nahm. Peter von Matt oder den Verleger und Autor Matthias Wegner, Peter Wapnewski oder Walter Jens. Bis heute sind ihm die meisten eng verbunden und rühmen seine fördernde und fordernde Strenge und seine liebevolle Fürsorge. Er, der allen als zwar leidenschaftlicher (zur Sache leidenschaftlicher) Kritiker half, der niemanden schonte, war hier um das Wohl seiner Mitarbeiter und Mitstreiter "väterlich" besorgt.

Die Gerichtsszenerie, die er für das Fernsehen plante, entsprach seinem kritischen Selbstverständnis: Er sah in Kritikern "Anwälte der Literatur", je nachdem Verteidiger oder Ankläger. Nun versuchte er Autoren zu gewinnen, die sich unserem "Fernsehtribunal" stellen sollten. Wohlweislich sagten alle ab, sie wollten nicht vom Regen der gedruckten Kritik in die Traufe der Fernseh-Exekution kommen. Also sagte mir Reich, nachdem er sich Abfuhren bei Enzensberger, Grass und Walser geholt hatte, wir vier vom "Quartett" sollten in absentia der Autoren urteilen. Ich war erschrocken: Waren nicht die Autoren im Kreuzverhör das Salz in der Suppe? Und würde sich jemand für eine Fernsehsendung interessieren, in der vier Kritiker über Bücher nur parlieren würden? Neben ihm war es anfangs Jürgen Busche von der "FAZ", den sich das ZDF als "konservatives" Gegengewicht gegen mich wünschte - ich war ja beim "linken" "Spiegel", der dem Hamburger Medienkartell zugerechnet wurde. Reich, den an der Literatur nur die Literatur und nichts als die Literatur, ihre Autoren und ihre humanistischen Impulse, ihre schonungslosen Enthüllungen der existenziellen Wahrheit interessierten, war das alles recht gleichgültig. Er beschäftigte auch Rezensenten und Autoren wie Peter Rühmkorf und Wolf Biermann, ihm kam es nur auf den Wert der Texte an, er war, wie gesagt, selbst leidenschaftlich, aber als Redakteur leidenschaftslos, was sogenannte Anschauungen, etwa die von Peter Weiss, betraf.

Ach ja, und eine Frau musste ins Team. Damals eine. Heute sind die drei Männer weggefallen, und die Nachfolgesendung macht nur noch eine Frau. Und das ist auch gut so. Frauen haben ein großes Herz und besprechen nur Bücher, die sie lieben und preisen wollen. Bei Sigrid Löffler war das durchaus anders. Ihre Streitlust und ihre Formulierungsgabe, die oft sarkastisch sein konnte (alte Wiener Schule), bekamen der Sendung ausgezeichnet. Wie überhaupt Reich auf ganzer Linie siegte mit seinem verkopften Radikalismus, hinter dem sein heißes Herz und Temperament pulsten, mit aller Liebe und aller Ungerechtigkeit, zu der die Liebe, vor allem die enttäuschte, fähig ist.

So begann er die Einführung in das erste "Literarische Quartett" mit den Worten: "Meine Damen und Herren, dies ist keine Talkshow. Was wir Ihnen zu bieten haben, ist nichts anderes als Worte, und vielleicht auch Gedanken. Wir werden über Bücher sprechen und über Schriftsteller. Es wird wahrscheinlich zu einem Streitgespräch kommen, das wird unvermeidbar sein, und das wollen wir auch gar nicht vermeiden. Die freilich, die keine Freunde der Literatur sind, die haben jetzt den falschen Kanal gewählt, die könnten sich dann im Folgenden langweilen, die andern hoffentlich nicht!"

Das war eine Einladung und ein Rausschmiss zugleich. Wer sich nicht für Ackerbau und Viehzucht interessiert, soll sich nicht in landwirtschaftliche Sendungen hineinquälen, es sei denn, sie heißen "Bauer sucht Frau".

Literatur rührt an das Persönlichste

Aber was ich vorher nicht ahnte: Mit der Literatur, mit der Kunst ist das ein ander Ding. Sie rührt an das Persönlichste in uns, an unser Selbstvertrauen, unsere Selbstzweifel, unser Selbstverständnis. Wer unsere Leidenschaft für ein Kunstwerk nicht teilt, sie sogar verachtet, der verletzt uns im Kern, der beraubt uns unseres Schatzes an Selbstvertrauen.

So sind aus dem "Quartett" unter der Stabführung Reich-Ranickis leidenschaftliche Debatten, scheinbar nur über Bücher, entstanden, die zu Verletzungen, Animositäten, Feindschaften wie Freundschaften und langen Beziehungen führten.

Reich-Ranicki wurde dadurch, dass er Literatur im Fernsehen lebte, im Streitgespräch darstellte und vermittelte, zu einem ungeheuer populären, immer auch umstrittenen Star. Ein Alfred Kerr plus Gottschalk - Popularität dank der Medienprägung seiner Eigenarten (er war der meistparodierte Entertainer des Mediums, mehr noch als Kanzler wie Kohl oder Schröder), seiner Glaubwürdigkeit. Er schuf die kulturelle Kontinuität, das heißt: Er verkörperte sie, die durch die Nazi- und Nachkriegsjahre zerrissen worden war. So schuf er für die Kulturinteressierten den gewaltigen Kanon der Literatur – ein Versuch auch, eine zerrissene Identität und verstörte Tradition zu reparieren.

Er musste das tun, weil er sich durch die rettende Kraft von Musik, Theater und Literatur (vor allem immer wieder durch Thomas Mann) selbst wie Münchhausen aus einem tödlichen Sumpf gezogen hatte.

Theaterabende retteten sein Leben

Reich-Ranicki hätte unter keinem verhängnisvolleren Stern, in keiner bedrohlicheren Zeit geboren worden sein können; einer Zeit, die versuchte, sein Leben und das aller Juden in Europa bestialisch auszurotten. Er hat sich in Berlin als Gymnasiast in das deutsche Theater, in Stücke von Schiller, Goethe, Kleist gerettet, in Theateraufführungen von Gustaf Gründgens, Heinz Hilpert, Jürgen Fehling. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Reich aus über 50-jähriger Distanz (ein Krieg und das Warschauer Ghetto lagen dazwischen) die Theaterabende in Hitlers Berlin so, dass sie wie scharf gestochene Bilder, wie lebendige Filmszenen vor unseren Augen aufscheinen. Sie haben ihm das Leben gerettet, indem sie ihm eine Hoffnung auf Humanität bewahrten.

Im Ghetto, der Vorstufe zur Hölle auf Erden, war es die Musik, die ihn existenziell rettete, neben der noch wichtigeren Liebe, mit der er und seine Frau sich gegenseitig Halt im lebensbedrohenden, grausam darwinistischen Alltag des Ghettos gaben. Sie haben wie durch ein Wunder überlebt. Und der polnische Handwerker, der sie versteckte, ließ sich von Reich die Geschichten der Weltliteratur erzählen (sonst drehten die Reichs für ihre Verstecker Zigaretten, Tag für Tag) in einer Art "Tausendundeiner Nacht"-Scheherazade.

Reich hat nur einen Glauben, den an die Überlebenskraft der Literatur und Kultur. Dieser Glaube ist frei von falschen Illusionen, aber er ist schön und stark. Ich glaube, dass allein deshalb seine Erinnerungen zu ihrem unglaublichen (Welt-) Erfolg kamen. Sie sind das Buch einer Rettung, die eine kollektive Chance enthält: die der kulturellen Stiftung und Vermittlung.

Der Bruch mit Sigrid Loeffler

Spielbergs Film "Schindlers Liste", den Reich und ich gemeinsam in Frankfurt gesehen haben, hat uns zu einem bewegenden Abend zusammengeführt. Und als Reich, vom Film ergriffen, zu reden begann, zu erzählen, was er bisher für sich behalten hatte, war das der Geburtsmoment für das Schreiben seiner Erinnerungen. Und es war der Beginn des Bruchs mit Sigrid Löffler, deren Rezension des "misslungenen" Filmes - "die Kinokarte wird zum bequemen Ablasszettel" - zumindest einen antisemitischen Beigeschmack hatte.

Und Walser? Walser war lebenslang ein Gegenstand kritischer Auseinandersetzung für Reich, ein Lieblingsobjekt kritischer Begierde. Es gibt für mich dafür eine komisch-grandiose Szene, die an einem gewittrigen Augustabend beim "Quartett" in Salzburg spielt. Reich-Ranicki holt in einer scharfen Attacke gegen das neue Buch von Walser aus. Mittendrin donnert es über der Kuppel des ORF-Studios. Reich blickt nach oben, reckt seine Arme gen Himmel, unterbricht sich und ruft: "Man wird doch wohl noch etwas gegen Walser sagen dürfen!"

Walsers Retourkutsche

Die unschöne Folge der Angelegenheit: Walsers Paulskirchenrede zum "Friedenspreis", in der er Auschwitz zur "moralischen Keule" gegen Deutschland verplapperte, und sein misslungener Roman "Tod eines Kritikers", in dem er Reich-Ranicki zwar nicht in den Tod, aber in die sprachlose Heimatlosigkeit abzuschieben suchte - eine Variante des "ewigen Juden", der am Bodensee weder Heimat hat noch Sprachwurzeln schlagen kann.

Inzwischen steht fest, dass Reich auf den Spuren Alfred Kerrs, Kurt Tucholskys und Alfred Polgars und als Erbe der Anwälte deutscher Literatur (Schlegel) sehr wohl eine Heimat in der deutschen Sprache wiedergefunden hat - eine Heimat, die ihm genommen werden sollte und die er doch nie aufgegeben hat. Diese Heimat hat allen Grund, ihm dafür dankbar zu sein. Marcel Reich-Ranicki ist der Vertreter einer besseren Tradition, die es trotz der deutschen Geschichte und dank seiner Unbeirrbarkeit noch immer gibt.

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