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"The Five": War Jack the Ripper ein Prostituierten-Mörder? Eine Historikerin räumt mit Mythen auf

In zahllosen Büchern und Filmen ist die Geschichte von Jack the Ripper erzählt worden. Eine Historikerin hat sich nun erstmals mit den Opfern des Serienmörders beschäftigt - und gewinnt ganz neue Erkenntnisse.

Von Dagmar Seeland, London

Hallie Rubenhold

Hallie Rubenhold ist für "The Five" mit dem Baillie-Gifford-Preis als bestes Sachbuch des Jahres ausgezeichnet worden.

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Was fällt Ihnen als erstes zum Stichwort London ein? Die Queen vermutlich. Big Ben. Die Tower Bridge. Rote Busse. Sherlock Holmes. Und natürlich Jack the Ripper

Ganze Büchereien ließen sich füllen mit Werken über diesen berühmtesten aller Serienmörder der Geschichte, der im Jahre 1888 im Londoner East End sein Unwesen trieb. Filme, Theaterstücke, Comics und sogar Musicals wurden gedreht und geschrieben über diesen Mann, dessen wahre Identität bis heute ein Rätsel ist. Fast jährlich erscheint ein neues Buch mit einer neuen Theorie: Jack the Ripper war ein polnischer Einwanderer. Ein Arzt. Ein Mitglied der königlichen Familie. Der Maler Walter Sickert. Der Schriftsteller Lewis Carroll. Sogar eine "Jill-the-Ripper"-Theorie gibt es, nach der der Mörder tatsächlich eine Mary Pearcey gewesen sein soll.

Der Historikerin Hallie Rubenhold ist es herzlich egal, wer der Mörder war. Ihr neues Buch "The Five", das im November mit dem Baillie-Gifford-Preis als bestes Sachbuch des Jahres ausgezeichnet wurde, erzählt vielmehr die Biografien der fünf bekannten Opfer, dieser Fußnoten der Geschichte, von denen man bestenfalls den Namen gehört und sofort wieder vergessen hat. Sie waren schließlich "nur" Prostituierte. 

Die erste Biografie über die Opfer von Jack the Ripper

"Falsch", so Rubenhold diese Woche beim Termin in Londons ehrwürdiger Foreign Press Association, gegründet übrigens im Jahre 1888, auf dem Höhepunkt der Berichterstattung zu den Ripper-Morden. "Nur zwei der 'Kanonischen Fünf' waren überhaupt nachweislich Prostituierte. Das war die erste große Entdeckung in meiner Recherche. Die zweite war, dass in fast 130 Jahren niemand jemals auf die Idee kam, ein Buch über diese fünf Opfer und ihre Biografien zu schreiben. Und das, obwohl es Hunderte von Büchern über ihren Mörder gibt."

Rubenhold rekonstruiert in ihrem Buch mit akribischer Detailtreue und unverkennbarer Empathie für diese fünf Frauen und ihre Schicksale die Lebensgeschichten von Polly Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary-Jane Kelly – Leben, die in Knightsbridge, im Londoner Zeitungsviertel Fleet Street, in Wolverhampton, in Wales und sogar in Schweden begannen. Über öffentlich zugängliche Dokumente, Verzeichnisse und Register fand sie etwa heraus, an welchen Adressen im feinen Westen Londons Annie Chapman ihre Kindheit verbrachte, welche Schule Catherine Eddowes besuchte, oder in welchem Armenhaus Polly Nichols die Scheidung von ihrem Mann William beantragte, der eine Affäre mit der Nachbarin angefangen hatte und von dem sie weggelaufen war, weil sie die Streitereien im beengten Zuhause nicht mehr ertragen konnte. Ihre fünf Kinder musste sie zurücklassen, denn als Frau wäre sie finanziell nie in der Lage gewesen, sie zu ernähren.

Fünf rechtlose Frauen

Angereichert mit Zeitzeugenberichten von Sozialreformern wie beispielsweise dem des Abgeordneten Charles Booth, der über die Zustände in den berüchtigten Workhouses (Armen- oder auch Zuchthäuser) oder auf den Straßen der Armutsviertel im Londoner Osten schrieb, ergibt sich die Lebensgeschichte von fünf rechtlosen Frauen, deren gesellschaftlicher Absturz mit einer falschen Entscheidung, mit dem Verlust einer Anstellung, dem frühen Versterben eines Elternteils oder einer unglücklichen Partnerwahl begann. Was verband die fünf Opfer miteinander? "Alle fünf waren Frauen und arm – und das war das schlimmste, was man im Zeitalter von Königin Victoria sein konnte. Und ich denke, es ist auch heute noch das schlimmste, was man sein kann, weltweit betrachtet." 

Zwar ist das heutige London kaum vergleichbar mit den erschreckenden Zuständen, die im späten 19. Jahrhundert dort herrschten, dennoch sind viele Parallelen zur Gegenwart gravierend. So spielte Alkohol in allen fünf Fällen eine Rolle. "Nehmen Sie Annie Chapman – als Tochter eines Soldaten im Regiment der Queen wuchs sie in relativ guten Verhältnissen auf, doch sie kämpfte ihr Leben lang mit ihrer Sucht. Sie litt wirklich unter ihrer Abhängigkeit und war vermutlich eine der ersten Patientinnen einer 1880 eröffneten neuen Entzugsklinik für Frauen, aber sie schaffte es nie, vom Alkohol loszukommen. Gehen Sie heute auf die Straße und reden Sie mit den Obdachlosen dort – innerhalb von zehn Minuten werden Sie jemanden mit einem ähnlichen Schicksal finden."

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Als Annie Chapman aus Scham das Haus ihrer Familie verließ, zog sie nach Notting Dale, eine Nachbarschaft im Stadtteil Notting Hill, heute vor allem bekannt aus der romantischen Komödie gleichen Namens. Notting Hill war damals keineswegs voll von hübschen bunten Reihenhäusern und viktorianischen Hugh Grants mit Schmachttolle und charmantem Upper-Class-Stotter, sondern gehörte vielmehr zu den ärmsten Stadtteilen Londons. Als Rubenhold mit Hilfe der alten Armutskarten von Charles Booth das damalige Notting Dale lokalisierte, fand sie in seinem Epizentrum die verkohlte Ruine des Hochhauses Grenfell Tower, in dem vor zweieinhalb Jahren 71 Bewohner im Feuer starben. "Armut hinterlässt Fingerabdrücke – und sie sind immer noch da, überall in London."

Hallie Rubenhold recherchierte drei Jahre lang

Aber auch überraschendes findet sich in den Erzählungen, beispielsweise, dass sich die relativ gebildete Catherine Eddowes - immerhin konnte sie lesen und schreiben, eher ungewöhnlich für Frauen ihrer Klasse - teilweise mit dem Dichten und Aufführen von Balladen über Wasser hielt, als sie sich eine Zeitlang mit ihrem Partner unters fahrende Volk mischte. Besonders gut gingen übrigens Mörderballaden. 

Drei Jahre lang recherchierte Hallie Rubenhold für dieses faszinierende Buch – "obsessiv", wie sie selbst sagt. Das blieb offenbar auch unter den selbsternannten "Ripperologists", den Jack-the-Ripper-Experten, nicht unbemerkt, denn schon acht Monate vor dem Erscheinen des Buches hagelte es empörte Kommentare. "Sie wussten nicht einmal, was drinstand! Allein die Tatsache, dass ich dieses Buch überhaupt geschrieben hatte, machte sie wütend. Jemand behauptete, ich verbreite im Auftrag der BBC deren 'Propaganda' – was immer das sein mag! Andere Angriffe waren gegen meine Person gerichtet und regelrecht frauenfeindlich." 

Den Grund für diese Attacken sieht sie vor allem darin, dass sich diese Leute – und es seien vorwiegend Männer – ihr Leben lang mit Jack the Ripper beschäftigt haben und glauben, alles über den Fall zu wissen. "Und dann komme ich daher, als Außenseiterin und noch dazu als Frau, decke Neues auf und zweifle ihre Quellen an. Ich bin sozusagen das Kind, das ausruft: 'Aber der König ist doch nackt!'" 

"The Five" ist ein #metoo-Moment in der historischen Literatur

Wer mehr über Jack the Ripper und die Morde selbst wissen will, wird  beim Lesen des Buchs übrigens enttäuscht sein: "Ich habe diese Details bewusst ausgelassen. Erstens gibt es mehr als genug Material darüber, aber zweitens und vor allem bin ich der Meinung, dass diese Frauen jeden Tag mehrfach aufs Neue ermordet werden – mit jeder Jack-the-Ripper-Touristenführung, die die Tatorte aufsucht und manchmal sogar die Fotos der toten Frauen aus dem Leichenschauhaus auf die Hauswände projiziert. Es ist, als sind die Opfer in dieser ewigen Hölle gefangen, aus der ich sie erlösen wollte, in dem ich den Tod einfach ausließ. Jack the Rippers Geschichte beginnt und endet mit dem Tod, aber die seiner Opfer beginnt mit dem Leben – mit ihren Familien, ihren Freunden, den Orten, an denen sie aufwuchsen. Und man muss sich auch fragen, wie Opfer gemacht werden und von wem – welches Umfeld, welche Umstände zu ihrem Tod führten in jener Zeit. Und diese Frage wollte ich beantworten."  

Das ist Rubenhold mit Sicherheit gelungen. In vieler Hinsicht ist "The Five" ein #metoo-Moment in der historischen Literatur. Hat sie ein feministisches Buch geschrieben? "Als Historikerin gehe ich jedes neue Projekt ganz wissenschaftlich an – ich lasse mich von den Quellen und Beweisen leiten, die ich finde, nicht von vorgefertigten Ideen und Konzepten. Weil ich etwas über Prostitution im 19. Jahrhundert schreiben wollte, nahm ich mir die vermeintlich berühmtesten Prostituierten des viktorianischen Zeitalters vor, und siehe da: drei von ihnen waren gar keine. Der Jack-the-Ripper-Mythos kann nur so lange am Leben erhalten werden, so lange man seine Opfer enthumanisiert. Mit meinem Buch habe ich den fünf Frauen hoffentlich ihre Humanität zurückgegeben - sie wieder zu Menschen gemacht."