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José Luis Sampedro ist tot: Scharfe Zunge gegen den Kapitalismus

Er war kein Altlinker, gehörte keiner politischen Organisation an - und doch galt José Luis Sampedro als Gesicht der Protestbewegung der "Empörten". Am Montag ist der spanische Literat gestorben.

Spanien trauert um einen seiner schärfsten Kapitalismuskritiker: José Luis Sampedro ist tot. Wie seine Witwe am Dienstag mitteilte, starb der Schriftsteller am Montag im Alter von 96 Jahren in seiner Wohnung in Madrid. Der Literat hatte als scharfer Kritiker des Neoliberalismus den Verfall der westlichen Gesellschaft beklagt. Dabei war Sampedro alles andere als ein Revolutionär: Er gehörte weder den Altlinken an, noch einer politischen Organisation, sondern stammte aus der Welt der Wirtschaft.

"Es geht zu Ende", sagte er vor zwei Jahren auf dem Höhepunkt der spanischen Protestbewegung "15. Mai", deren Mitglieder sich selbst als "Indignados" ("Empörte") bezeichneten. "Ich kann nicht sagen, wie. Aber man merkt es am Verfall von Ethik und Moral. Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit und Würde geraten in Vergessenheit. Die Korruption rührt daher, dass die Regierenden sich zum Verkauf anbieten. Der Kapitalismus verwandelt alles in eine Ware. Das Geld zum höchsten Wert zu machen, führt uns in die Katastrophe."

Der Humanist galt als das spanische Pendant zum Ende Februar gestorbenen Franzosen Stéphane Hessel, der das Manifest "Empört Euch" geschrieben hatte. Sampedro verfasste das Vorwort zur spanischen Ausgabe.

Berater des Franco-Regimes

Sampedro war im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) in die Armee der republikanischen Regierung eingezogen worden. Er lief später zu den Truppen des späteren Diktators Francisco Franco über, was er später mit seiner Herkunft aus einem konservativen Elternhaus begründete. "Die Not und die Repression der Nachkriegszeit trieben mich zum Schreiben", erinnerte er sich. "1940 stellte ich meinen ersten Roman fertig."

Hauptberuflich widmete er sich jedoch der Wirtschaft. Er wurde Professor für Wirtschaftsstruktur in Madrid und zählte spätere Minister wie Carlos Solchaga, Miguel Boyer, Pedro Solbes oder Elena Salgado zu seinen Schülern. Zeitweise diente er auch dem Handelsministerium des Franco-Regimes als Berater.

Derweil schrieb er - neben wirtschaftlichen Fachbüchern - Theaterstücke und andere literarische Werke. Die sozialen Aspekte interessierten ihn immer mehr als die nüchternen Zahlen der Ökonomie. Seinen Durchbruch als Schriftsteller erzielte er in den 80er Jahren mit den Romanen "Das etruskische Lächeln" und "Der Gesang der Sirene", die auch ins Deutsche übersetzt wurden.

Sampedro war stets ein Nonkonformist, der sich nicht nach Moden oder politischen Trends richtete. Dies verlieh ihm ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. Er hatte schon früh eine gewisse Sympathie für anarchistische und republikanische Ideen empfunden. Aber dies hinderte ihn nicht daran, 1977 einen von König Juan Carlos zugesprochenen Sitz im Senat (Oberhaus des Parlaments) anzunehmen.

jwi/Hubert Kahl, DPA / DPA
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