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Krimifestival München: Servus, Mr. King!

Vom Friedhof bis zum Circus Krone: das Krimifestival München lockt Literaturfans an ungewöhnliche Orte - und präsentiert die größten Stars der Branche. Sogar Stephen King kommt an die Isar.

Von Andrea Tholl

Noch nie stand er auf einer deutschen Bühne. Doch nun wird Stephen King, Meister der gehobenen Horrorliteratur, uns leibhaftig das Fürchten lehren. Der 66-jährige Bestsellerautor stellt am 19. November in München seinen neuen Roman "Dr. Sleep" vor, die Fortsetzung des legendären "Shining". Am nächsten Tag ist Hamburg dran.

Das Ambiente für des Königs Debütauftritt ist gut gewählt. King liest im prächtigen Circus Krone, dem einzig festen Zirkusgebäude Deutschlands. Davor steht lebensgroß die Statue von Clown Charlie Rivel, die Beatles traten in der Manege auf und die Rolling Stones. Magische Luft wird das Publikum umwehen, wenn King seinen Protagonisten und ihren übersinnlichen Fähigkeiten Leben einhaucht. Bis zu 2500 Zuschauer werden dem US-Amerikaner zuhören. Noch vor Jahren schier undenkbar, so viele Besucher zu einer Lesung zu locken. Doch den Machern des Krimifestivals München ist es gelungen, aus einer Nischenveranstaltung eines der bedeutendsten Literaturevents Europas zu machen. Die Buchpremiere Stephen Kings ist die bisher größte Veranstaltung des Krimifestivals. Fans aus Dubai und Russland reisen extra an.

18.000 Besucher pro Jahr

Entstanden ist das Festival 2002. In jenem Jahr gastierte die Criminale in der bayerischen Metropole. Diese Veranstaltung wurde vom Syndikat organisiert, einem Zusammenschluss deutscher Krimiautoren. Sabine Thomas gehörte ihm an und hatte mit Marketingspezialist Andreas Hoh die Idee, eine ähnliche Veranstaltung fest in München zu etablieren. Innerhalb von elf Jahren stieg die Zahl der Lesungen, Autoren und Besucher kontinuierlich an. 2013 waren es rund 100 Autoren, im Schnitt kommen pro Jahr 18.000 Besucher. Ursprünglich auf das Frühjahr beschränkt, gibt es seit zwei Jahren nun zusätzlich den "Krimi Herbst". Jedes Jahr wird der renommierte Agatha-Christie-Kurzkrimipreis vergeben.

Den Literaturfans wird schon lange nicht mehr nur vorgelesen – Schauspieler wie Dietmar Bär, Boris Aljinovic oder Suzanne von Borsody verleihen den Lesungen Showcharakter, Bands treten auf und Moderatoren nehmen die Schriftsteller ins Kreuzverhör. "Wir legen großen Wert darauf, Literatur sinnlich und spannend zu inszenieren", sagen Thomas und Hoh.

"SOKO Krimifestival"

Die beiden Organisatoren wählen innerhalb nationaler und internationaler Neuerscheinungen die Bücher aus, die sie selbst spannend finden. Sie sind niemandem verpflichtet. Trotz des Erfolgs bleibt die Finanzierung schwierig. Die Kosten werden größtenteils über Eintrittsgelder finanziert, öffentliche Subventionen gibt es nicht, obwohl Literaturfestivals dieser Größenordnung in anderen Städten mit hohen sechsstelligen Summen gefördert werden. Thomas und Hoh packen bei den Veranstaltungen auch schon mal selbst mit an: Sie übernehmen den Soundcheck, dekorieren die Bühne und stellen die Scheinwerfer ein. Für die Vorbereitung der Stephen-King-Premiere ist die zweiköpfige "SOKO Krimifestival", wie sich das Duo selbst nennt, gerade im Dauereinsatz.

Ungewöhnliche Lesungsorte wie der Circus Krone tragen zum Erfolg des Krimifestivals München bei. Nicht nur in Buchhandlungen oder Bibliotheken wird gelesen, sondern auch auf fahrenden Dampfern, auf dem Olympiaturm oder im Wappensaal des Hofbräuhauses. Sogar in Gefängniszellen der Haftanstalt, ins Polizeipräsidium, in den großen Saal des Justizpalastes oder ins Bestattungsinstitut auf dem Westfriedhof laden die Veranstalter ein. Thomas hatte anfänglich Sorge, mit einigen dieser Orte eine Tabugrenze zu übertreten. Völlig unberechtigt, wie sich zeigte. Je ungewöhnlicher die Tatorte, umso größer die Nachfrage; Veranstaltungen auf dem Friedhof oder im Knast sind stets innerhalb kürzester Zeit ausverkauft.

Die Autorenliste ist beeindruckend: Internationale Stars wie Elizabeth George, John Grisham, Tess Gerritsen, Jefferey Deaver oder Jussi Adler Olsen kommen an die Isar. Und auch auf deutsche Autoren wie Klüpfel und Kobr, Oliver Bottini, Jörg Maurer oder Andrea Maria Schenkel setzen die beiden Organisatoren. Der mehrfach ausgezeichnete Münchner Krimiautor Friedrich Ani ist Dauergast seit Anbeginn. "Das Festival hat mein Leben als Schriftsteller bereichert", resümiert er.

Vielleicht wird nun auch Mr. King zum Wiederholungstäter. Nicht auszuschließen, dass der Meister des Übersinnlichen durch die magische Atmosphäre im Zirkus angeregt wird, bald wiederzukommen.