Krimis "Blutdurchtränktes Gelände"


Kein Genre war in den vergangenen Jahren erfolgreicher als der Krimi. Auch in diesem Bücherherbst spielen Täter, Opfer und Ermittler wieder eine Hauptrolle. Warum sind mörderische Geschichten so beliebt?

"Habe ich Angst? Wenn ich neben Lucía im Bett liege und mein kleiner Mario neben mir im Schlaf aufschreit, habe ich eigentlich keinen Grund, mich zu fürchten. Dennoch tue ich es."
(Robert Wilson: "Die Toten von Santa Clara")

"Sie hatten sich darauf verlassen, an einem Maiabend um halb neun noch etwas Tageslicht zu haben. Gestern war es jedenfalls so gewesen, als sie zu fünft dieselbe Strecke gefahren waren, mit vier Spaten bewaffnet und einem leeren Sarg. Doch als sie nun in einem weißen Ford Transit über die Landstraße in Sussex schossen, fiel aus einem Himmel, der wie ein verschwommenes Negativ wirkte, nebliger Nieselregen."
(Peter James: "Stirb ewig")

Zwei Romananfänge aus Krimis, die in diesem Herbst erscheinen. Hätten Sie jetzt Lust weiterzulesen? Wenn ja, sind Sie in guter und vor allem zahlreicher Gesellschaft. Krimis und Thriller sind begehrt wie nie. Auch in diesem Jahr setzen große und kleine Verlage wieder vor allem auf Spannungsliteratur. "Opfer und Täter, Kommissare und Detektive - das deutsche Publikum kann nicht genug davon bekommen", schreibt das Branchenblatt "Buchreport". Und resümiert: "Jeder zweite Bestseller ist inzwischen ein Krimi."

Einst war das Genre Schmuddelkind der Branche, heute ist es ihr Leistungsträger. Im ersten Halbjahr dieses Jahres verbuchten Krimis ein Umsatzplus von sagenhaften 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels meldet. Keine andere literarische Gattung verzeichnet derartige Zuwächse; allenfalls einige der so genannten Crossover-Fantasy-Bücher wie "Harry Potter" oder die Werke von Cornelia Funke ("Tintenherz") können mithalten. Dass der insgesamt stagnierende Buchhandel die Hoffnung hat, beim Umsatz zumindest die "hauchschwarze Null" ("Buchreport") des vergangenen Jahres zu verteidigen, dürfte vorwiegend den literarischen Ermittlern zu verdanken sein. "Der Krimi", sagt Georg Reuchlein, Leiter des Goldmann-Verlages, "ist das erfolgreichste Genre der letzten zwanzig Jahre."

Aber die Spannungsliteratur ist nicht nur gut fürs Geschäft. Sie ist auch salonfähig geworden. Es gibt mittlerweile einen Deutschen Krimipreis und Bestenlisten in renommierten Zeitungen. Autoren wie Henning Mankell, Patricia Cornwell oder Elizabeth George werden in deutschen Feuilletons ausgiebig besprochen und gefeiert. Dem neuen Roman des amerikanischen Thriller-Autors Michael Connelly, "Die Rückkehr des Poeten", widmeten der "Spiegel" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ganze Seiten. Und der stern startet am 1. Dezember eine eigene Krimi-Bibliothek mit ebenso aufregenden wie anspruchsvollen Werken. Ein Titel von Michael Connelly gehört dazu.

Doch was fasziniert uns

an der literarischen Auseinandersetzung mit Mord und Totschlag? Zum einen natürlich der "Thrill", die Lust an der Angst. Was gibt es Schöneres, als zu Hause im warmen Bett, inmitten absoluter Geborgenheit, unheimliche Geschichten zu lesen und zu schaudern, etwa bei diesen Zeilen:

"Als sie sich wieder dem Wasser zuwandte, fiel ihr auf, dass die Rohrkolben und das Schilf immer noch wogten, sich bogen, raschelten. Als ob dort jemand wäre, der sich auf das gelbe Absperrband zubewegte und sich dabei dicht am Boden hielt. Aber nein, natürlich nicht. Es ist nur der Wind, sagte sie sich."
(Jeffery Deaver: "Der Insektensammler")

Wir suchen die Angst inmitten eines Sicherheitsrahmens, um sie sozusagen lustvoll zu bewältigen. Ob in der Achterbahn, beim Bungee-Jumping oder beim Lesen von Hannibal Lecters Untaten. Aber da ist noch mehr. Jeder Krimi erzählt im Grunde die archaische Geschichte vom Kampf "Gut gegen Böse". Am Anfang steht der Regelverstoß, der Mord, das Verbrechen, eine Erschütterung unseres moralischen Unterbaus. Wir wollen das Gute siegen sehen und unseren Wertekanon bestätigen, um zu spüren, dass der Unterbau noch trägt.

Der schwedische Autor Håkan Nesser sieht im Krimi "existenzielle Fragen" aufgegriffen. "Es ist ganz natürlich", sagt Nesser, "dass man in diesem Genre über Leben und Tod reflektieren oder Begriffe wie Rache, Schuld und Strafe diskutieren kann. Begriffe, die mit dem Verschwinden der Religion aus unserem Wortschatz verschwunden sind, aber nicht aus unserer Psyche." Der Krimi unterhält uns und bestätigt gleichzeitig unser Wertegerüst - indem er es ins Wanken bringt. Bis der literarische Ermittler mit dem Sieg über den Verbrecher das Wanken stoppt. Ein simples und erfolgreiches Rezept.

Allerdings war das

vor 25 Jahren nicht anders. 1980 waren dennoch nur sechs Thriller unter den 50 bestplatzierten Romanen des Jahres. Heute bezeichnet der "Buchreport" die Belletristik als "blutdurchtränktes Gelände". Was hat sich geändert? Ganz einfach: Kriminalliteratur ist erwachsen geworden. Wo früher nur ein paar Großmeister wie Raymond Chandler, Patricia Highsmith oder Dashiell Hammett gegen eine Vielzahl simpel gestrickter "Whodunit"-Plots anschrieben, gibt es heute weltweit jede Menge großartiger Autoren, die mehr mit ihren Krimis erreichen wollen, als siegreiche Polizisten zu schildern.

In Europa hat vor allem das schwedische Autorenpaar Maj Sjöwall und Per Wahlöö die neue, anspruchsvolle Krimi-Schule geprägt. Vor 40 Jahren schrieben Sjöwall/Wahlöö den ersten von zehn Romanen um ihren Stockholmer Kommissar Beck, ein eher mürrischer, leicht übergewichtiger Held, der auch mal versagte und sich Gedanken darüber machte, warum Verbrechen begangen werden. Vor allem zeichneten Sjöwahl/Wahlöö ein schonungslos realistisches Bild der schwedischen Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen. Der sozialkritische Krimi mit einem "menschlichen" Ermittler war geboren. An Sjöwall/Wahlöös Blaupause orientieren sich bis heute die großen europäischen Kriminalschriftsteller, allen voran die erfolgreichen Schweden Henning Mankell, Arne Dahl, Åke Edwardson oder Håkan Nesser.

Sie alle schreiben nicht nur Krimis. Die Gattung ist zum wichtigsten Medium für literarische Gesellschaftskritik geworden. Auch außerhalb Schwedens. Autoren wie der Schotte Ian Rankin, der Franzose Jean-Claude Izzo, die Amerikaner Michael Connelly, James Lee Burke und selbst die als leichtgewichtig geltende Donna Leon bilden in ihren Romanen eine in großen Teilen kaputte Gesellschaft ab, die ihre kriminellen Elemente selbst gebiert. Und mittendrin in den Katakomben der Unterwelt: die modernen Ermittler - im Grunde Menschen wie du und ich. Mit den gleichen Problemen am Arbeitsplatz oder in der Familie.

Alltagsrealismus trifft Spannungsliteratur. Wir erkennen uns wieder in den Kommissaren oder Privatdetektiven, die sich trotz aller persönlicher Probleme dem Bösen stellen. Es ist, als ob wir selbst ermittelten - allerdings vom gemütlichen Sofa aus. "Der einstmals hartgekochte Krimi", schreibt der Literaturkritiker Ulrich Baron "hat gewaltig Fleisch angesetzt und sich auch ,weichere" Themen, Elemente des Gesellschafts-, des Familien- und des Liebesromans einverleibt."

Und es ist mittlerweile für jeden Geschmack etwas dabei. Die Krimi-Szene präsentiert sich heute ausdifferenziert bis in feinste Zielgruppenverästelungen. Es gibt kulinarische Krimis, Kriminalromane, die auch Reiseführer sind, historische Thriller, lesbische Kommissarinnen, ermittelnde Rentner, Behinderte, Anwälte, Priester, Journalisten und sogar Tiere, wie etwa die detektivischen Schafe in Leonie Swanns wolligem Krimi "Glenkill".

Aber wo Masse ist,

ist nicht in jedem Fall Klasse. Autor Jürgen Alberts, Mitorganisator der Bremer Kriminacht, hält 70 Prozent aller in den vergangenen zehn Jahren geschriebenen Krimis für "Mist". Umso wichtiger ist es, die wirklich guten Autoren zu finden und zu genießen. In der ab 1. Dezember erscheinenden Krimi-Bibliothek des stern präsentieren wir 24 erstklassige zeitgenössische Romane, von Großmeistern wie Robert Harris, James Lee Burke, Ed McBain, Håkan Nesser, Elizabeth George und auch Entdeckungen wie Harlan Coben, Jan Costin Wagner oder Garry Disher. Ausgesucht von Kennern aus der stern-Redaktion. Einzeln zu haben oder in einem mörderisch günstigen Paket.

Und damit eins klar ist: Dies ist ein Angebot, das Sie nicht ablehnen können.

Kester Schlenz print

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