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"Die Zeuginnen": "Wer schreibt, hat Hoffnung" - Margaret Atwood stellt in London ihr neues Buch vor

Dieser Termin war mit Spannung erwartet worden: Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood feierte in London den Launch ihres neuen Buches - und sprach auch über die düstere Realität in den USA.

Von Dagmar Seeland, London

Margaret Atwood

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood hat in London ihr neues Buch "The Testaments" vorgestellt.

DPA

Pressetermine mit Autoren sind an sich nichts Außergewöhnliches, vor allem nicht in Londons British Library, diesem Pantheon der Weltliteratur. Doch der Termin heute ist anders. Am Eingang stehen zwei junge Frauen in weißen Hauben und langen silbernen Gewändern und überreichen Ankommenden stumm eine Orange. Auch die im Foyer versammelte Journalistentraube ist größer als auf anderen Terminen und wirkt gespannter - es ist, als warten alle auf die Ankunft eines gefeierten Rockstars oder Hollywood-Schauspielers, nicht auf die kleine Dame von 79 Jahren mit den grauen Locken und der schwarzen Samtjacke, die nun verschmitzt lächelnd das Auditorium betritt. Sie hat etwas Verspätung, was nicht verwundert nach der Riesensause, mit der in der Nacht von Montag auf Dienstag der Buchladen Waterstones in Londons Nobel-Einkaufsstraße Piccadilly den Launch ihres neuen Romans "Die Zeuginnen" feierte - selbstredend mit Atwood als Ehrengast. Eine Party dieser Größenordnung habe man zum letzten Mal bei Harry Potter erlebt, schrieb die Tageszeitung "The Guardian". 

Man könnte nun Vergleiche mit J K Rowling anstrengen, doch sie hinken: Atwood ist ein menschgewordenes Oxymoron. Eine literarische Schriftstellerin, die Pageturner über große, aktuelle Themen schreibt - Frauenrechte, die Folgen des Klimawandels, autokratische Regime. Eine Intellektuelle, die mit den berühmten Handmaids in den langen roten Kutten und weißen Hauben ein kulturelles Phänomen geschaffen hat, das weltweit Proteste für Frauenrechte und gegen Abtreibungsverbote medienwirksam begleitet. Eine Frau, deren Roman "Der Report der Magd" sowie die danach verfilmte TV-Serie gleichen Namens heute, im Zeitalter von Trump und Brexit, noch relevanter sind als im Jahr der Erstveröffentlichung 1985. 

Margaret Atwood über die Aktualität von "Der Report der Magd"

Diese Frau nun erzählt gerade, wie ihr die Idee zum Buch "Der Report der Magd" ausgerechnet 1984 kam, als sie mit ihrer Familie eine Zeit lang in Westberlin wohnte und die damalige DDR, die Tschechoslowakei und andere Ostblockstaaten besuchte. Wie, als das Buch dann erschien, es vor allem die USA in zwei Lager spaltete - jene, die sagten: so ein Quatsch, das könne doch nie passieren im Land der Freiheit und demokratischen Grundrechte, und in jene anderen, die damals schon fragten: Wie viel Zeit bleibt uns noch?

Eindringlich spricht Atwood darüber, wie nah viele US-Bundesstaaten heute bereits dran sind an Gileads Diktatur mit ihren Bemühungen, per Rechtsprechung über die Körper von Frauen im zeugungsfähigen Alter zu verfügen. Auf die etwas offensichtliche Frage, ob denn "Der Report der Magd" und der neue Folgeroman "Die Zeuginnen" Dystopien seien, antwortet sie, nur halb im Scherz: "Wollen wir es hoffen!"

"Tante Lydia fasziniert mich"

Im neuen Roman begegnet der Leser unter anderem Tante Lydia wieder, der brutalen Aufseherin von Desfred, der unterdrückten Erzählerin in "Der Report der Magd". Warum ausgerechnet Lydia? "Tante Lydia fasziniert mich - sie ist eine dieser Menschen, die in totalitären Regimen mittlere Machtpositionen erreichen, ohne jemals Hoffnung zu haben, an die Spitze zu kommen. Ich habe mich immer gefragt: was treibt jemanden wie sie? Und wie verteidigt sie vor sich selbst, was sie da macht?" Tante Lydia führt Tagebuch, was streng verboten ist in Gilead. Warum tut sie das? "Schreiben ist immer ein Akt der Hoffenden. Wer schreibt, hofft darauf, dass jemand in der Zukunft das Geschriebene finden und lesen wird. Dass es, im Fall von Gilead, irgendwann ein Ende haben wird mit dieser Diktatur." 

Und so ist "Die Zeuginnen" am Ende ein Roman der Hoffnung - wie übrigens auch "Der Report der Magd", trotz aller Düsternis, betont Atwood: "Die Tatsache, dass wir Desfreds Tagebuch im Rahmen eines Symposiums lesen, dass Akademiker der Zukunft die Diktatur analysieren, bedeutet natürlich, dass sie zugrunde ging - wie alle realen Diktaturen zum Glück nicht lange halten. Auf meiner Reise durch den Ostblock 1984 schien mir die DDR von allen Staaten am autoritärsten - und doch war es gerade dort, wo nur fünf Jahre später das Regime zuerst von innen heraus zerfiel. Man weiß also nie."

Und damit steht sie auf und geht zum nächsten Termin, die zierliche Kanadierin mit der ruhigen Stimme und dem Intellekt eines Planeten. Bleibt zu hoffen, dass uns Stimmen wie Atwoods noch lange erhalten bleiben – wir brauchen sie, heute mehr denn je.