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NEON: Die letzte Zeile kommt zu früh

Am Montag bringt der stern die Pilotausgabe von "NEON" auf den Markt. Ein Magazin für junge Erwachsene voll mutiger Ausblicke und tiefer Einblicke.

Eigentlich sollten wir erwachsen werden. So lautet das Motto von "NEON", dem neuen Magazin des stern. Am Montag liegt die Pilotausgabe am Kiosk, ob es eine zweite geben wird, steht noch in den Sternen.

"jetzt" war gestern

Zusammen mit dem stern entwickelten die ehemaligen Redakteure des legendären "jetzt"-Magazins der Süddeutschen Zeitung unter der Leitung von Timm Klotzek und Michael Ebert ein emotionales Heft. Voll mit Erinnerungen an das Gestern von "jetzt", mutigen Ausblicken, melancholisch-ängstlichen Kolumnen und tiefen Einblicken. "'NEON' steht für Klarheit, Helligkeit, Deutlichkeit - und so ist auch unser Magazin: klar und deutlich. Wir sehen die Welt in einem anderen Licht", sagt Redaktionsleiter Michael Ebert. Was bei "jetzt" am Ende stand, macht jetzt den Anfang: Die Lebenswertliste. Bei Neon heißt sie allerdings "Das wird mein Sommer" und lässt die ersten Leser ihre frohen Hoffnungen für die warmen Monate verkünden.

In sechs noch recht unübersichtlichen Rubriken (Wilde Welt, Sehen, Fühlen, Wissen, Kaufen, Freie Zeit), deren Betitelung sich in ähnlicher Form auch schon das "Leben" der "ZEIT" einst bediente, kann man sich einfühlen in den Kosmos von "NEON". Politik und Gesellschaft SEHEN die Augen. Liebe, Freundschaft, Sex und Psychologie kann man FÜHLEN, Ausbildung, Job, Körper, Gesundheit und Alltag finden sich unter WISSEN. Für Mode, Produkte und Reisen steht KAUFEN, und wer dann noch FREIE ZEIT hat, kann sie mit Fernsehen, Kino, Musik, Literatur, Computerspielen und dem Internet verbringen. Die Übergänge sind fließend, die Texte wundervoll leicht und ehrlich. Wenn NEON ein Hörspiel wäre, dann klänge es wie die Aufnahme einer langen Konversation mit guten Freunden. Man teilt ihre Ansichten nicht immer, hört aber trotzdem gerne zu.

Schlicht, aber anders

Doch zum Glück ist "NEON" ein Magazin. Sonst hätte man auf die herrlichen gewollt-amateurhaften "das könnte auch ich sein"-Fotos verzichten müssen, die dem Heft seinen Charme verleihen. Einzig der Titel steht im Kontrast zum Heft. Zu bunt, zu glatt. Drinnen erinnert das Layout an "brand eins" und kommt ohne quietschbunte Kästen, aufwändige Schriftarten und Grafiken aus. Wer es schlicht, aber anders mag, ist bei "NEON" richtig. Mit 180 Seiten voll kurzer Momente und langer Geschichten ist "NEON" wie ein Schuljahrbuch alter Bekannter, die man wieder trifft oder neu kennenlernt. Jede Zeile interessiert.

Bewusst widersetzten sich die Macher dem in Lifestyle-Magazinen üblichen Serviceteil. Es gibt kein Horoskop, kein lästiges "Wie kriege ich sie rum – in 10 Schritten" und keine überflüssigen Style-Tipps für die nächste Party. Und doch ist das Heft voll kleiner Hilfestellungen für die Unsicherheiten zwischen Jugend und Erwachsenwerden: "NEON" lehrt, dass Alice Schwarzer auch mal jung war. "NEON" erklärt, dass es unnützes Wissen gibt. "NEON" fragt, ob Kopfschmerzen wirklich erträglicher werden, wenn man erst Bier, dann Wein trinkt und ist dabei manchmal ein bisschen wie Sesamstraße für noch nicht ganz Erwachsene. Und "NEON" hilft die unvermeidliche Konfrontation mit der GEZ besser zu verstehen.

Die letzte Zeile des Heftes kommt zu früh. Eigentlich wollten wir weiter lesen...

NEON im Web

Maike Dugaro
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