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Nobelpreisträger: Russland trauert um Solschenizyn

Der frühere russische Regimekritiker und Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn ist tot. Er starb im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in Moskau an Herzversagen. Russlands Präsident Dmitri Medwedew sprach Solschenizyns Familie sein Beileid aus.

Russland trauert um den früheren Regimekritiker und Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn. Der russische Präsident Dmitri Medwedew sprach der Familie des weltweit geschätzten Schriftstellers sein Beileid aus. Solschenizyn, der durch die literarische Aufarbeitung des Stalin-Terrors Weltruhm erlangte, starb im Alter von 89 Jahren in seiner Moskauer Wohnung an plötzlichem Herzversagen. Nach Angaben seiner Familie trat der Tod am Sonntag um 23.45 Uhr Moskauer Zeit (21.45 Uhr MESZ) ein. Der konservative Historiker galt seit Monaten als extrem geschwächt, weshalb er öffentliche Auftritte mied.

Bis zu seinem Tod habe der Schriftsteller trotz seiner langen Krankheit aktiv gearbeitet, sagte sein Sohn Stepan der Agentur Itar-Tass. Solschenizyn arbeitete unter anderem an der Herausgabe seines Gesamtwerkes in 30 Bänden, die bis 2010 im Moskauer Verlag Wremja erscheinen sollen. Als sein Hauptwerk gilt der "Archipel Gulag" (1973), in dem er mit Tausenden von Beispielen den stalinistischen Terror in der Sowjetunion darstellt.

Den Terror hatte Solschenizyn in neun Jahren Straflager und Verbannung selbst zu spüren bekommen und bereits 1962 in seinem ersten Werk "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" geschildert. Als ihm 1970 der Nobelpreis verliehen wurde, verweigerte ihm das Sowjet-Regime aber die Ausreise zur Preisübergabe. Nach der Veröffentlichung des "Archipel Gulag" wurde Solschenizyn verhaftet und ausgewiesen. Zunächst nahm ihn Heinrich Böll in Köln auf.

1994 Rückkehr nach Russland

Solschenizyn siedelte schließlich in die USA über und kehrte 1994 nach Russland zurück. Dort kritisierte er fehlgeleitete Reformen und den Mangel an Demokratie unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin. Als Mahner für ein Russland auf der Grundlage von Gemeinsinn und orthodoxem Glauben fand Solschenizyn aber immer weniger Gehör. Wiederholt forderte der hagere Mann, Russland dürfe die westliche Demokratie "nicht ohne Verstand nachäffen", sondern müsse sich mehr um das "moralische Wohlergehen" des eigenen Volkes kümmern.

Bei der Verleihung des Staatspreises, der höchsten Auszeichnung Russlands, im Juni 2007 war der frühere Sowjetdissident schwer vom Alter gezeichnet. Zu Sowjetzeiten hatte der Schriftsteller eine Ehrung durch das System stets abgelehnt. Als er die Auszeichnung für humanitäre Verdienste annahm, beschwor der Autor im vergangenen Jahr die geistige Einheit seines Landes. Nur so seien die bitteren Erfahrungen vergangener Jahre zu überwinden und neue unheilvolle Schicksalsschläge abzuwenden.

Einer der "größten Historiker und Philologen" des 20. Jahrhunderts

Über die Politik des Präsidenten Wladimir Putin, der inzwischen Regierungschef ist, und das Erstarken der russisch-orthodoxen Kirche in seinem Land hatte sich Solschenizyn in den vergangenen Jahren immer wieder positiv geäußert. Er unterstützte auch die umstrittene Tschetschenienpolitik seines Landes.

Seit seinen letzten Schriften zur Geschichte des Judentums in Russland und der früheren Sowjetunion ist er allerdings umstritten, weil er russischen Juden auf Grundlage dürftiger Quellen eine Mitschuld an der kommunistischen Diktatur gegeben hatte. Stalin selbst hatte bei "Säuberungsaktionen" in den 1930er Jahren viele Juden töten lassen. Auch während seines Exils in den USA hatten Kritiker Solschenizyn eine antisemitische Haltung vorgeworfen. Der Präsident der Akademie der Wissenschaften Russlands, Juri Ossipow, hatte Solschenizyn jedoch im vergangenen Jahr als einen der "größten Historiker und Philologen" des 20. Jahrhunderts gewürdigt.

DPA / DPA