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Salman Rushdie: "Ich gehe, wohin ich will"

Der Autor über sein Leben ohne Verfolgung, verlorene Paradiese und warum Terrorismus sehr viel mit verletzter Männerehre zu tun hat.

Herr Rushdie, in Ihrem neuen Roman "Shalimar, der Narr" wird einem "ungläubigen" Schriftsteller die Kehle durchgeschnitten, von einem islamistischen Terroristen. Wollten Sie einen literarischen Schlusspunkt unter Ihre eigene Geschichte der Verfolgung setzen?

Oh, Gott, nein. Verflixt, ich hätte diese Passage doch ein bisschen klarer machen müssen. Es gibt für diese Episode ein reales Vorbild: Tahar Djaout, ein algerischer Freund und Autor, der 1993 von Fundamentalisten ermordet wurde. Jahrelang haben die Leute darüber geredet, dass ich umgebracht werden könnte. Nun sitze ich hier und freue mich des Lebens - und abseits der Öffentlichkeit wurden Kollegen ermordet. Darauf wollte ich hinweisen.

Sie sehen sich nicht mehr als besonders gefährdet?

Nein. Ich werde schon seit sieben, acht Jahren nicht mehr beschützt. Ich gehe, wohin ich will. Ich fuhr in den letzten Jahren auch oft nach Indien, was mich gefreut hat - dort waren die "Satanischen Verse" ja sehr schnell verboten worden. Die einzige Folge, die ich nach wie vor spüre, besteht darin, dass die Kritiker jedes Buch auf biografische Details des Autors Salman Rushdie durchkämmen. In meinem letzten Buch "Wut" kam ein Professor in New York mit einer schönen Freundin vor. Messerscharf folgerten manche: Das ist Rushdie mit seiner Partnerin Padma. Dabei übersehen sie aber, dass der Professor im Roman kurz davor steht, Frau und Kind umzubringen. Dass er missbraucht wurde, dass er Frauenkleider trägt. Das soll ich sein? Absurd.

Warum beschäftigen Sie sich dann mit dem Problem "islamischer Terrorismus"?

Zunächst ist es eine Liebesgeschichte. Zwei junge Menschen in Kaschmir, ein Hochseilartist und eine Tänzerin, verlieben sich. Dann kommt der amerikanische Botschafter ins Dorf, verguckt sich in das Mädchen, sie geht mit ihm in die große Welt. Der verlassene Shalimar schwört Rache - und nimmt sie auch.

Dabei mutiert er aber zum islamischen Terroristen, zum gefühllosen Killer...

Vergessen Sie nicht: Am Anfang ist er ein liebenswerter Charakter. Er ist nicht von Grund auf böse, so einfach wollte ich es nicht machen. Das Buch heißt "Shalimar, der Narr". Nicht: "Shalimar, der Killer".

Man kann diesen Charakter politisch lesen. Der islamische Terror hat demnach viel mit verletzter Männerehre zu tun. Ist das so?

Ich glaube, dass dieser Punkt im Westen bisher vernachlässigt worden ist - einfach, weil es die moralische Achse von Ehre und Scham dort nicht gibt. Das abendländisch-christliche Weltbild bewegt sich zwischen den Begriffen Schuld und Erlösung, ein Konzept, das im Orient völlig unwichtig ist, schon weil es keine Erbsünde und keinen Erlöser gibt. Dafür gibt es das große Gewicht der "Ehre". Ich halte das für problematisch. Sicher aber wird unterschätzt, wie vielen Islamisten es bewusst oder unbewusst darum geht, verletzte Ehre wiederherzustellen.

Sie beziehen das im Buch auch ausdrücklich auf die sexuelle Ebene...

Ja, das hat sehr viel mit sexueller Angst vor Frauen zu tun.

Im Roman sagt eine Frau: "Für diese Arschlöcher dreht sich alles nur um Sex. Sie halten es für eine Tatsache, dass dem Haar einer Frau Strahlen entweichen, die Männer zu Schandtaten anstacheln. Sie glauben, wenn sich die Beine einer Frau berühren - und sei es unter einem bodenlangen Gewand -, erzeuge das eine sexuelle Hitze, die Männer auf unheilige Weise entflammt."

Sie haben die richtige Stelle gefunden.

Das ist Gewalt gegen Frauen. Aber warum Bomben gegen den Westen?

Weil westliche Gesellschaften ihre Frauen nicht verschleiern. Weil sie diese potenzielle Gefahr nicht entschärfen.

Aber argumentieren Sie da nicht eindimensional? Vernachlässigen Sie nicht zum Beispiel die erschütternde Armut in vielen Teilen der arabischen Welt?

Entstammt Osama bin Laden einer armen Familie? Im Gegenteil. Al-Zarqawi, sein Statthalter im Irak? Nein, die Familie kommt aus dem gehobenen Mittelstand. Die Attentäter des 11. September kamen aus relativ wohlhabenden Familien. Und wissen Sie was? Gestern wurde berichtet, dass einer der Londoner Attentäter ein Bankguthaben von 180 000 Euro angespart hatte. Mag sein, dass die Erklärung "Armut" bei palästinensischen Terroristen eher stimmt - ich glaube nicht, dass sie ansonsten den Kern der Sache trifft. Sie ist aber ein wichtiges rhetorisches Hilfsmittel in der Agitation.

Shalimar, der Terrorist im Buch, erscheint völlig seelenlos, Opfer einer Gehirnwäsche. Ist das typisch für Selbstmordattentäter?

Vergessen Sie nicht: Shalimar will die ganze Zeit Rache nehmen, das hat er immer im Hinterkopf. Aber natürlich habe ich über solche Attentäter recherchiert. In den Trainingscamps in Afghanistan und sonstwo gibt es klare Kriterien, nach denen sie ausgesucht werden. Da wird im Umfeld nachgeschaut: Gibt es einen schwerkranken Angehörigen, dessen Operation nicht bezahlt werden kann? Oder: Gibt es da ein sehr begabtes Kind, aber kein Geld, um es zur Schule zu schicken? Und glauben Sie mir: Das Geld wird gezahlt. Nachdem der Auftrag erfüllt worden ist. Und natürlich wissen Gruppen wie al Qaeda auch um die einschlägigen psychologischen Merkmale: Für so etwas braucht man natürlich Menschen, die geführt werden wollen. Die gesagt bekommen wollen, was zu tun ist.

Vieles im Roman dreht sich um zerstörte Paradiese: Am augenfälligsten ist das in Kaschmir, anfänglich ein friedlicher, multikultureller Platz, schließlich ein Tummelplatz brutaler militärischer Gruppen. Generell gefragt: Haben wir das Paradies unwiederbringlich verloren?

Keine politische Situation ist völlig hoffnungslos. Aber natürlich können Menschen etwas derartig kaputtmachen, dass man es nicht mehr zusammenfügen kann. Kaschmir wird nie mehr sein, was es war - schon weil viele der zivilen Bewohner die Gegend verlassen haben. Oder denken Sie an Sarajevo, einst das Musterbeispiel einer harmonischen, multikulturellen Stadt. Glauben Sie, dass Sarajevo je wieder so wird wie vor dem Krieg? Ich nicht.

Haben auch Sie Paradiese verloren?

Sicher das Bombay meiner Jugend. Ich bin in einer toleranten muslimischen Familie aufgewachsen. Ich hatte eine christliche Ayah, eine Kinderfrau, und natürlich wollte diese Frau Weihnachten feiern. Also hat meine Mutter, in Ermangelung von Weihnachtsbäumen in Bombay, einen künstlichen Baum gekauft, legte Geschenke darunter - und dann wurde bei den muslimischen Rushdies Weihnachten gefeiert. Das galt im Übrigen für ganz Bombay: Alle Glaubensgemeinschaften feierten die Feste der anderen mit. Und heute? Nie im Leben würden Muslime beim großen Fest des hinduistischen Elefantengottes Ganesha mitfeiern, nie die Hindus einen muslimischen Feiertag ehren. Diese Feste sind zu chauvinistischen Veranstaltungen verkommen.

Und trotz Ihrer düsteren Überzeugungen arbeiten Sie in Ihren Büchern gegen diese Entfremdung an, indem Sie Kulturen vereinen?

Sie meinen, weil ich die Märchen der Brüder Grimm, Scheherazade und die Klingonen auf eine Buchseite bekomme? Natürlich ist das Programm. Die friedliche Koexistenz der Kulturen, zumindest formal - das kann, das muss Literatur leisten.

Das ist aller Optimismus, den Sie für Leser bereithalten?

Ach, kommen Sie, das Buch ist ja nicht nur traurig. Gewalt, Krieg, Morde können Sie nicht lustig schreiben, das verbietet sich - aber es sind ja auch komische, leichte Elemente drin. Außerdem beschreibe ich auch Paradiese im Urzustand, gerade weil ich sie noch so erlebt habe. Ich denke dann an meinen Großvater, die Verkörperung von Toleranz und Güte. Diese Erinnerung ist wie eine Stimmgabel für mein Schreiben - ich höre ihren Klang in mir und weiß dann genau, welchen Ton ich treffen muss.

Ihrer Großmutter hatten Sie ja schon vor mehr als 20 Jahren, in dem Roman "Mitternachtskinder", ein Denkmal gesetzt.

In diesem ist sie auch drin. Es gibt eine Szene, in der ein junger Mann nach Jahren zum ersten Mal nach Hause kommt, mitten in der Nacht. Seine Mutter besteht darauf, ihm die Haare zu schneiden, bevor er seinen Vater wecken darf. Dasselbe ist mir auch passiert: Als ich mein Studium in Cambridge beendet hatte, bin ich mit dem Auto zurück nach Bombay gefahren, 1968 ging das noch. Ich kam an, die Familie war überglücklich, immerhin war ich lange nicht daheim gewesen. Aber meine Großmutter sprach kein Wort mit mir - dabei mochte sie mich sehr gern. Sie sah mich nur an, dann sagte sie zu meiner Schwester: "Sag deinem Bruder, er soll ein Bad nehmen." Ich habe sofort geduscht. Immer noch kein Wort von ihr. Dann sagte sie zu meiner Schwester: "Sag ihm, er soll sich die Haare schneiden und den Bart abnehmen lassen." Meine Schwester musste mich zum Friseur fahren. Und als wir dann zurückkamen, breitete sie die Arme aus und rief: "Endlich! Mein Enkel ist wieder da."

Stefan Draf

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