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"Das Geheimnis des Totenwaldes" "Es war beklemmend und befreiend zugleich": Ex-Ermittler über den Moment, als man die Leiche der vermissten Birgit Meier fand

Barbara Neder (Silke Bodenbender) rennt durch den Wald - eine Szene aus «Das Geheimnis des Totenwaldes
Barbara Neder (Silke Bodenbender), so heißt die Figur der Birgit Meier in der ARD-Serie "Das Geheimnis des Totenwaldes", rennt durch den Wald
© Christiane Pausch / DPA
Die gefeierte ARD-Serie "Das Geheimnis des Totenwalds" handelt vom Schicksal einer verschwundenen Frau . Im Interview spricht der Ermittler Reinhard Chedor über die Aufklärung des Mordes nach fast 30 Jahren und die schweren Fehler seiner Kollegen.

Die Serie "Das Geheimnis des Totenwalds", die derzeit mit überwältigendem Erfolg in der ARD läuft, handelt vom Verschwinden einer Frau. Vorlage für den Dreiteiler ist ein historischer Kriminalfall aus dem Sommer 1989. Damals wurde die 41 Jahre alte Birgit Meier aus Lüneburg vermisst gemeldet. Ihr Schicksal sollte fast drei Jahrzehnte lang ein Rätsel bleiben. 

Reinhard Chedor, 68, war Mitglied der privaten Ermittlergruppe, die entscheidend zur Aufklärung des Falls Birgit Meier beigetragen hat. Von 2002 bis 2012 war er Leiter des Landeskriminalamtes in Hamburg. Im Interview mit dem stern spricht Chedor über die mühevolle Ermittlungsarbeit – und den Coup, einem Serienmörder auf die Spur zu kommen.

Herr Chedor, Sie waren vor Ort, als am 29. September 2017 die Leiche von Birgit Meier geborgen wurde. Sie war vergraben unter der Bodenplatte einer Garage in der Nähe von Lüneburg. Was war das für ein Moment für Sie?

Chedor: Es war beklemmend und befreiend zugleich. Wir hatten ja viele Jahre diesen Fall recherchiert. Das war eine sehr lange Strecke mit vielen Rückschlägen und Enttäuschungen. Und dann stehen wir in einer Garage, heben ein Loch aus und haben plötzlich Gewissheit. Das war – neben ganz vielen anderen traurigen Gefühlen – auch eine Erlösung. 

 Wie kam es dazu, dass Sie auf eigene Faust ermittelten? Das ist doch eigentlich Sache der Lüneburger Polizei.

Wolfgang Sielaff, der Bruder der verschwundenen Birgit Meier, bat mich 2003 um Hilfe. Wolfgang und ich sind ehemalige Kollegen, wir waren beide beim LKA in Hamburg. Das Schicksal seiner Schwester trieb Wolfgang noch immer um. Er wollte die Sache selbst in die Hand nehmen, da die Lüneburger Polizei seiner Ansicht nach desinteressiert und sehr nachlässig ermittelt hatte. 

Teilen Sie diese Sicht?

Ja, es wurde Spuren nicht nachgegangen, es sind Asservate verschwunden. Das ist ein Polizei-Skandal. Alle Versuche damals, mit der Lüneburger Polizei eine Arbeitsbeziehung aufzubauen, sind gescheitert. Uns wurde oftmals das Gefühl gegeben, lästig zu sein und uns in Dinge einzumischen, die uns nichts angehen.

Wie sind Sie dem Mörder von Birgit Meier auf die Spur gekommen? 

Durch hartnäckige und solide Recherchen. Das war jedenfalls kein Zauberwerk, denn wir haben die Puzzleteile dieses Falls zusammengesetzt, Informationen zusammengetragen, Akten ausgewertet und analysiert und viele Gespräche geführt. Man hätte schon viel früher auf Kurt-Werner Wichmann als Tatverdächtigen kommen müssen. Viele Spuren wiesen auf ihn hin.

Welche? 

Vor dem Verschwinden von Birgit Meier hatte Wichmann nachweislich Kontakt zu ihr gehabt. Das stand in der Akte und das haben uns auch Zeugen bestätigt. Und dann war da Wichmanns dicke Strafakte. Aufgefallen war er unter anderem mit Sexualdelikten, darunter die Vergewaltigung einer Anhalterin. Er hatte versucht, die Anhalterin nach der Tat zu erwürgen. Außerdem war bekannt, dass Wichmann ein Waffennarr war. Bei einer Durchsuchung hatte man unter anderem Kleinkalibergewehre, Handfesseln und Dossiers über ausgespähte Frauen gefunden.

Wichmann hat sich 1993 in der Untersuchungshaft erhängt. Ihr Tatverdächtiger war also tot, als Sie die Leiche Birgit Meiers auf Wichmanns ehemaligem Grundstück fanden. 

Ja, Wichmann ist tot. Aber es gibt Hinweise auf einen Mittäter – und der lebt noch. Zudem haben Hinterbliebene von Birgit Meier ein Recht auf Aufklärung. Der Fall war eine enorme Belastung für sie, denn es gab falsche Verdächtigungen: So stand der Ehemann von Birgit Meier lange Zeit im Visier der Polizei. Er wollte sich von Birgit Meier trennen und schien deshalb ein Motiv zu haben. Dieser Mann hat darunter gelitten – wie die gesamte Familie und ist bis heute nicht rehabilitiert.

Kurt-Werner Wichmann ist nicht nur für den Tod von Birgit Meier verantwortlich, sondern gilt auch als Täter bei den sogenannten Göhrde-Morden. Im Sommer 1989 wurden im Staatsforst Göhrde bei Lüneburg innerhalb weniger Wochen zwei Doppelmorde verübt. 

Bei Grabungen und der Durchsuchung Anfang 2018 seines früheren Hauses hat man zum Beispiel Frauenkleidung, zahlreiche Frauen-Handtaschen, Stöckelschuhe und Schmuck gefunden. Es gibt zahlreiche Morde, die mit Wichmann in Verbindung gebracht werden können und deshalb überprüft werden müssen. Und das nicht nur in Norddeutschland. Als Wichmann von 1975 bis 1981 in der Nähe von Karlsruhe lebte, sind dort auf mehrere Anhalterinnen nach Discothekenbesuchen mit einem ähnlichen Tatmuster ermordet aufgefunden worden. Von 1977 bis 1986 verschwanden im Raum Cuxhaven mehrere junge Frauen spurlos, die nachts nach der Disco als Anhalterinnen nach Hause wollten. Für mich steht fest: Wichmanns Geschichte ist noch lange nicht zu Ende erzählt.


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