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Film über Marilyn Monroe Ausbeuterisch, leer und gewollt komplex: Warum ich "Blond" auf Netflix abgebrochen habe

"Blond" mit Ana de Armas als Marilyn Monroe sitzt auf einer Couch und schaut nach oben
Ana de Armas als Marilyn Monroe in "Blond"
© 2022 © Netflix / Picture Alliance
Zwei Stunden und 46 Minuten lang versucht Regisseur Andrew Dominik, den Zuschauern seines Marilyn-Monroe-Filmes "Blond" die Filmikone näherzubringen. Dabei nutzt er vor allem Schockmomente.

Selten ist es mir so leicht gefallen, einen Film abzubrechen. Netflix sei Dank. Hätte ich mir "Blond" im Kino angesehen, vermutlich wäre das Popcorn der einzige Grund gewesen, warum es mich etwas länger im Kinosessel gehalten hätte. Bereits die erste halbe Stunde des neuen Filmes von Regisseur Andrew Dominik (der auf dem Buch von Joyce Carol Oates basiert) ist eine Aneinanderreihung von Schockmomenten, die tiefgründig wirken sollen, mich tatsächlich aber nur wütend machten. 

"Blond" auf Netflix ist eine einzige Enttäuschung

Sie zeigen Norma Jean Baker, später Marilyn Monroe, in vielen Augenblicken ihres Lebens, die allesamt eines gemeinsam haben: Baker, beziehungsweise Monroe, ist ein Opfer, wird ausgenutzt, missbraucht, unterwirft sich. Erst wird sie fast von ihrer Mutter ertränkt, dann im Büro eines Studiobosses vergewaltigt. Es grenzt an Gewaltporno, was Dominik seinen Zuschauern da vorsetzt. Den größten Betrug vollzieht er allerdings an der Heldin seines Filmes: Marilyn Monroe. 

Monroe, die von Ana de Armas auf großartige Art und Weise zum Leben erweckt wird, wirkt eindimensional, ein einziges Produkt ihrer Umstände: der Gewalt gegen sie und ihr daraus resultierend gestörtes Verhältnis zu Menschen. Dabei ist doch gerade Marilyn Monroe eine Ikone, deren Potenzial für eine Verfilmung schier unendlich ist. Ihre Errungenschaften gehen weit über das Image der schillernden Filmdiva hinaus.

Zu Lebzeiten kämpfte Monroe für gerechte Bezahlung, als sie erfuhr, dass Co-Star Frank Sinatra mehr als dreimal so viel verdienen sollte wie sie. 1955 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma, um weiter für die Sache einzustehen. Sie unterstützte ihren Kollegen und Hollywoodschauspieler Montgomery Clift, der für seine Homosexualität von Einigen in der Branche geächtet wurde. Und sie nutzte ihre Berühmtheit (und ihr eigenes Trauma), um sich für wohltätige Zwecke einzusetzen. Monroe, die selbst in Kinderheimen aufgewachsen war, unterstützte mehrfach die Belange von Kindern. 

Marilyn Monroe bleibt eindimensional

All das findet in "Blond" offenbar keinen Raum. Zu sehr fokussiert sich Dominik in seinem Film auf brutale Momente und Nahaufnahmen, die wohl Intimität mit der Heldin schaffen sollen, dabei aber gewollt komplex wirken und letztlich gänzlich scheitern. Der Regisseur erklärt das selbst im Interview mit "Sight and Sound" so: "Darum [Marilyns Errungenschaften] geht es in dem Film eigentlich nicht. Es geht um eine Person, die sich selbst umbringen wird." Im selben Gespräch mit "Sight and Sound"-Autorin Christina Newland bezeichnete Dominik die Frauen im Filmklassiker "Blondinen bevorzugt" als "gut gekleidete Huren". 

In zahlreichen Kritiken und den sozialen Netzwerken sorgt eine bestimmte Szene für Fassungslosigkeit. Darin spricht de Armas als Monroe mit ihrem ungeborenen Fötus, den sie später verlieren wird. "Wirst du mir dieses Mal wieder wehtun, Mama?", fragt der animierte Fötus in Anspielung auf eine Abtreibung, die die Schauspielerin vorher gehabt haben soll. In Zeiten, in denen die Konservativen in den USA einen Kampf gegen Frauen führen, ist das ein verheerender Filmmoment. "Planned Parenthood" bezeichnete "Blond" bereits als "Anti-Abtreibungspropaganda".

"Blonde": Bond- Girl Ana de Armas wird zu Marilyn Monroe

Zahlreiche Online-Kritiker erklären wiederum auf Social Media, warum sie den Film problematisch finden. "Ich habe gerade #Blonde gesehen ... er steckt Norma/Marilyn in eine Schublade, die es ihr nur erlaubt, missbraucht und sexualisiert zu werden oder Leute 'Daddy' zu nennen. Extrem seltsam. Vielleicht sollten wir aufhören, frauenfeindliche Männer versuchen zu lassen, bahnbrechende Filme über Frauen zu machen – von denen sie nichts wissen", lautet ein Tweet, der binnen kurzer Zeit über 40.000 "Likes" generierte. In einem anderen ist zu lesen, "Blond" sei "eine der entsetzlichsten, respektlosesten und frauenfeindlichsten Darstellungen von Marilyn Monroe".

Nicht nur Marilyn Monroe, diese facettenreiche Frau, die noch heute die Menschen fasziniert, hätte mehr verdient. Auch Ana de Armas würde man wünschen, ihr Talent und ihr unglaubliches Leinwand-Charisma hätte in einem Monroe-Film gezeigt werden können, der sein Sujet nicht ausbeutet. 

Quellen: "Sight and Sound" / "The Cut"

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