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Reportage der Woche

"Jamel rockt den Förster": Umzingelt von Neonazis: zu Gast beim politischsten Festival Deutschlands

Seit 13 Jahren schon veranstaltet das Ehepaar Lohmeyer auf seinem Grundstück in Jamel ein Musikfestival, um gegen Rassismus zu kämpfen. Der Grund: Ihre unmittelbaren Nachbarn sind fast alles Neonazis. Der stern war dabei.

Feine Sahne Fischfilet in Jamel

Auf der Gummibanane über das Publikum: Feine Sahne Fischfilet in Jamel.

Der Bass dröhnt. Das karge Feld, noch warm gebrannt von der Sonne des Spätsommer-Tages, vibriert unter den Füßen. Auf der Bühne stehen Feine Sahne Fischfilet. Die haben hier heute viele erwartet, geradezu herbeigesehnt. Aber eigentlich ist es vollkommen egal, welcher Künstler da vorne Musik macht. Denn bei "Jamel rockt den Förster" geht es um mehr. So viel mehr.

"In Jamel muss man sich immer links halten", sagt ein Festivalmitarbeiter und schmunzelt ob der Ironie. Ein Blick über den provisorischen Parkplatz zeigt, was er meint. Drüben, auf der rechten Seite des Dorfes am Ende einer Sackgasse, weht die Reichsflagge im Wind. Schwarz-weiß-rot. Vor dem Haus, das einem Neonazi gehört, wurde zur Feier des Tages ein Panzer aus Heuballen errichtet.

"In Jamel muss man sich immer links halten" – was metaphorisch klingt, ist buchstäblich gemeint. Zweimal biegt man in dem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern mit den elf Häusern links ab, dann erreicht man den alten Forsthof von Birgit und Horst Lohmeyer. Die Felder rundum den Hof haben sich an diesem warmen August-Wochenende in ein Zeltlager verwandelt. Bullis stehen hier, Menschen sitzen in Campingstühlen, putzen sich die Zähne, während sie mit noch müden Augen in die ländliche Weite von Mecklenburg-Vorpommern starren. Die Ruhe vor dem Sturm. Bald wird hier keiner mehr ruhig sitzen, es wird getanzt, gefeiert, für Toleranz, gegen Rassismus, gegen die Nachbarn.

"Jamel rockt den Förster" – ein Festival gegen rechts

Zum 13. Mal schon findet an diesem kleinen Fleckchen Deutschlands das Musikfestival "Jamel rockt den Förster" statt. 1200 Karten waren nach zwei Stunden komplett ausverkauft. Das Ehepaar Lohmeyer zog 2004 aus dem Hamburger Stadtteil St. Pauli nach Jamel aufs Land. Doch schon früh merkten sie, dass sie in dem Dorf keine Verbündeten finden würden. Ihre Nachbarn sind fast allesamt Neonazis, gewaltbereit und kompromisslos. Doch Jamel wurde trotzdem zur Heimat der Lohmeyers. Statt nach den ersten Bedrohungen die Umzugskisten zu packen und schnellstmöglich das Weite zu suchen, wählten die Exil-Hamburger einen anderen Weg. Sie Schriftstellerin, er Musiker, sahen sie in der Kunst ihre Chance, ein Zeichen zu setzen. Für Demokratie. Und gegen rechts.

"Jamel rockt den Förster"

Bei "Jamel rockt den Förster" feiern die Besucher Demokratie und Toleranz

Picture Alliance

"2007 haben sie die erste Party gemacht, damals gab es noch keinen Streit. Eskaliert ist es 2010, als ein Nazi von drüben handgreiflich wurde. Seitdem gibt es Hausverbot für die und drüben eine Gegenveranstaltung", schildert uns ein Mitarbeiter die ersten Gehversuche von "Jamel rockt den Förster". Doch es sollte noch einige Jahre dauern, bis das Festival bundesweit Aufmerksamkeit bekam. "2015 wurde die Scheune der Lohmeyers abgefackelt. Es war, das ist bewiesen, Brandstiftung, auch wenn der Täter nie gefunden wurde. Der verheerende Brand hat sogar die Fenster vom Wohnhaus zerstört. Und damals haben die Toten Hosen gesagt: 'So, wir kommen jetzt.' Und wer von da drüben gedacht hätte, nach dem Brand wäre Ruhe, hat genau das Gegenteil bewirkt. Das Festival wäre nie so groß geworden, wenn die Scheune nicht gebrannt hätte."

Workshops und Musik in einer Oase des Friedens

"Jamel rockt den Förster" ist einzigartig, denn anders als bei allen anderen Musikfestivals kauft hier niemand für einen Künstler das Ticket, sondern für die Idee, für die politische Botschaft. Das Line-Up wird von den Initiatoren des ehrenamtlich-nichtkommerziellen Festes streng geheimgehalten. Kommen tun all die, die an der Sache interessiert sind und für Toleranz einstehen wollen.

Ungefähr zwanzig Meter muss man vom Parkplatz mit dem Panzer-Heuballen gehen, dann betritt man das Gelände der Lohmeyers – eine Oase des Friedens, besonders bei den spätsommerlichen Temperaturen. Tagsüber werden hier Workshops angeboten. Gäste können sich informieren, zum Beispiel bei "Pro Bleiberecht M-V", sie können gemeinsam Schach spielen, Erfahrungen austauschen, Cocktails trinken, Eis essen oder Yoga praktizieren. Es gibt indisches Essen, Pommes, Popcorn, einen Wurststand, diverse Getränkeangebote. Spenden für Initiativen aus der Umgebung sind gerne gesehen. "Respekt! Kein Platz für Rassismus", steht hier auf Schildern, die in den Boden gerammt wurden. 

"Jamel rockt den Förster"

Polizei-Pressesprecherin Jessica Lerke. Im Hintergrund gut zu sehen: Das Plakat der Gegenseite - "Grillen gegen Links"

stern

Man könnte fast vergessen, was auf der anderen Seite des Parkplatzes gerade los ist. Die Nazis haben ebenfalls ein Plakat aufgehängt. Es ist ein trauriger, ja fast erbärmlicher Versuch, selbst ein Zeichen zu setzen. "Grillen gegen Links", wollen sie heute. "Feuer und Flamme für unsere Heimat", steht auf dem Banner. Geschützt werden beide Seiten von einer Schar Polizisten. Um die 120, heißt es. Doch die genaue Zahl möchte man aus strategischen Gründen nicht bestätigen. "Wir bilden eine Art Pufferzone", erklärt uns Polizei-Pressesprecherin Jessica Lerke. "Jamel ist ein ganz besonderes Dorf, das kennt praktisch jeder. Und es gibt auch Veranstaltungen von der anderen Seite. Die begleiten wir schon eng und sind bei jeder größeren Versammlung hier."

Die Musik-Acts bleiben bis zum Schluss geheim

Ab 15.30 Uhr treten die Musiker auf. Getuschelt, wer das an diesem Wochenende sein würde, wird durchaus. Immer wieder fällt der Name Feine Sahne Fischfilet. Die linke Punk-Band aus Mecklenburg-Vorpommern ist in den vergangenen Jahren zu einer der wichtigsten kulturell-politischen Instanzen des Landes geworden.

Nachdem am Freitagabend unter anderem Max Herre und Samy Deluxe eine große Portion Hip Hop nach Jamel gebracht haben, übernehmen an diesem Samstag unter anderem die Berliner Band Mia, Thees Uhlmann, und – tatsächlich zum ersten Mal in der Forstrock-Geschichte – Feine Sahne Fischfilet.

Auch für die Künstler ist es bedrückend zu sehen, wie alltäglich die Konfrontation hier in Jamel ist. "Das Verrückte ist, dass die drüben wahrscheinlich das Gleiche sagen würden. 'Drüben sind die Bösen mit ihrem Hippie-Festival'", schmunzelt Thees Uhlmann vom stern darauf angesprochen. Er selbst sieht sich nicht als politischer Künstler, das überlässt er den "drei Großen", wie er sagt – Die Toten Hosen, Feine Sahne Fischfilet und ZSK. "Wenn du Tote-Hosen-Fan sein willst, dann kannst du nicht rechts sein. Das geht nicht. Du kannst nicht Campino lieben und gleichzeitig AfD wählen", sagt er anerkennend. Er selbst möchte "dem Mist die Schönheit unserer Kunst" entgegensetzen. "Der Mist", der wohnt nur wenige Meter weit entfernt und schmeißt gerade den Grill an. Immer wieder hört man dort knarrende Motorräder vorfahren. Sie lassen die Motoren heulen. Aber keine Chance, die Beats auf der linken Seite von Jamel sind lauter.

"Jamel rockt den Förster"

Rassismus hat beim Forstrock-Festival keine Chance

stern

Mia-Sängerin Mieze ist auf der Bühne den Tränen nahe. Verwunderlich ist das nicht. Die Künstler spielen hier zwar nicht die Hauptrolle, aber ihre Musik ist ein Ventil, ein kreatives Mittel, um für das einzustehen, woran hier alle glauben. "Wenn man auf der Bühne steht, sickert erst langsam durch, dass das ein ganz spezieller Moment ist. So nah ist man dieser Problematik sonst nicht. Es ist ein Unterschied, in seiner Blase in Berlin zu sein, und das in den Nachrichten zu sehen. Aber die Chance zu bekommen, was für die gute Sache zu tun, ist großartig. Die drüben sind gegen Dinge. Und hier sind alle Leute für etwas", verrät uns Mia-Gitarrist Andy Penn nach dem Auftritt der Band.

Feine Sahne Fischfilet bilden das ekstatische Ende eines beeindruckenden Tages

In Jamel ist es mittlerweile dunkel geworden. Lichterketten sorgen für eine schummrige Atmosphäre, der letzte Act des Abends, des gesamten Festivals, bereitet sich gerade auf der Bühne auf den Auftritt vor. Die Stimmung ist verheißungsvoll. Eine Plane verwehrt den Zuschauern (noch) den Blick. Gleich wird sie fallen und Feine Sahne Fischfilet werden ekstatisch empfangen. Angekündigt werden sie mit einer Aufnahme von Klaas Heufer-Umlauf. Auch ihn verbindet mittlerweile eine besondere Geschichte mit "Jamel rockt den Förster". Joko und Klaas, eher bekannt für ihre TV-Konkurrenz und Klamauk, nutzten Ende Mai die ihnen von ProSieben geschenkten 15 Minuten Sendezeit, um ein politisches Statement zu setzen. Fünf Minuten der 15 gingen an Birgit Lohmeyer, die von ihrem jahrelangen Kampf gegen rechts erzählen konnte. "Eine Sternstunde der Fernsehgeschichte", nennt Lohmeyer die Idee von Joko und Klaas heute.

"Leuchtbojen der Gesellschaft", so bezeichnete Thees Uhlmann die Final-Band Feine Sahne Fischfilet wiederum gerade im Gespräch. Und die fundamental wichtigen Musiker beweisen sofort, warum das so ist. Sie hätten schon längst kommen müssen, sagt Frontmann Monchi. Privat habe er "Jamel rockt den Förster" schon besucht, beruflich hat es bislang nicht geklappt. Umso lauter sind sie heute, und umso entschlossener. Weil hier heute auch viele Leute aus Westdeutschland seien, hätten sie als Ossis, was sonst, Bananen mitgebracht, brüllen sie in die Menge und zaubern eine riesige Gummi-Banane hervor, die man sonst nur von Wassersport-Aktivitäten aus dem Mittelmeerurlaub kennt und mit der sie jetzt über die ekstatische Menge reiten. Birgit Lohmeyer wird von der Band heute das erste Stage-Diving ihres Lebens ermöglicht. Die Initiatorin des Festivals wird vom Publikum getragen, minutenlang. Sie reckt die Arme in die Luft, macht das Victory-Zeichen mit den Händen.

Aufgeben ist für Horst und Birgit Lohmeyer keine Option

Auch der Grillabend auf der anderen, der rechten Seite von Jamel, neigt sich langsam dem Ende. Als wir nachts das Festivalgelände verlassen, haben sich die Neonazis auf ihrem Panzer-Heuballen gesammelt, blicken hinüber auf die Party ihrer politischen Gegner. Sie haben gerade mit angehört, wie Feine Sahne Fischfilet sie wortgewaltig und musikalisch zerstört haben. Nachdem die letzten Töne verstummt sind und die Gäste am Sonntag wieder abreisen, werden die Lohmeyers wieder allein mit den Nazis sein. Allein mit Menschen, die ihnen nichts Gutes wollen. Noch am Abend des letzten Forstrock-Tages werden die Reifen von fünf Autos von Festivalgästen zerstochen. Ansonsten bleibt alles friedlich.

Die Nähe ist beklemmend, die Bedrohung jeden Tag aufs Neue groß. Die Lohmeyers führen kein Leben in Angst, aber ein Leben in Anspannung. "Es kann immer sein, dass die gewaltbereiten, sehr gefährlichen Menschen, die hier unsere Nachbarn sind, sich wieder etwas überlegen. Wir sind immer in Hab-Acht-Stellung, sehr wachsam. Jeder Mensch, der uns begegnet, wird gemustert. Wir sind wirklich permanent angespannt", erzählt uns Birgit Lohmeyer im Gespräch. Konfrontiert mit den politischen Gegnern, geächtet und bedroht. Eine Frage stellen sich hier viele immer wieder. Wie hält man das aus? Besonders an den 362 Tagen im Jahr, an denen nicht 1200 musikbegeisterte Gleichgesinnte zu Besuch sind? "Wir geben nicht auf, weil das wäre ein falsches Signal. Die Nazi-Szene würde feiern, und das wollen wir nicht provozieren. Wir lieben unseren Hof, wir lieben unser Haus. Das ist unsere Heimat. Und wir lassen uns unsere Heimat nicht nehmen. Vor der Gewalt einzuknicken, das könnten wir nicht verkraften", sagt Lohmeyer.

Sich demoralisieren zu lassen, aufzugeben, das wäre zu einfach. Die Mission der Lohmeyers ist noch lange nicht vorbei. Auch im kommenden Jahr werden sie ihren Forsthof wieder zum Beben bringen, werden sie einstehen für die Werte, an die sie glauben.

Um trotz der beängstigenden Stimmung in vielen Teilen des Landes nicht die Hoffnung zu verlieren, muss man sich in Jamel nur links halten, den Beat spüren – und der Musik lauschen.

Quelle: Homepage "Jamel rockt den Förster"

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