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Interview

Neue Single "Mein Osten": "Irgendwie zerreißt es dich": Silbermond über Nazis in der Heimat und die ostdeutsche Identität

Zum ersten Mal verarbeiten sie die Gefühle ihrer ostdeutschen Heimatstadt gegenüber in einem Song. Der stern hat mit Stefanie Kloß und Thomas Stolle von Silbermond gesprochen – über Nazi-Aufmärsche in Bautzen, innere Zerrissenheit und einen Weg aus der Krise.

Silbermond "Mein Osten"

Die neue Single von Silbermond, "Mein Osten", sorgt für Gesprächsstoff. Der stern hat mit Frontfrau Stefanie Kloß und Thomas Stolle (r.) über die Problematiken in ihrer Heimatstadt Bautzen gesprochen.

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Sie engagieren sich seit vielen Jahren und unterstützen Initiativen gegen Rechts: Wieso haben Sie gerade jetzt die Notwendigkeit gesehen, Ihre Gefühle in einem Song zu thematisieren?

Stefanie Kloß: Es waren die Ereignisse in Bautzen 2016, die dieses Lied letzten Endes angestoßen und entstehen haben lassen. Es ist und bleibt aber schwer, komplex und vielschichtig, Themen, gerade, wenn sie dich persönlich bewegen und beschäftigen, in einen Song zu packen. In diesem speziellen Fall war das ein wirklich langer Prozess. Aber wir hatten uns von Anfang an geschworen: Wenn wir das, was wir mit dem Song sagen wollen, irgendwann rund haben, dann veröffentlichen wir ihn. Und zwar sofort.

Wie haben die Menschen in Ihrer Heimat Bautzen auf die klare Positionierung reagiert?

Kloß: Meine Eltern haben das Video gesehen und geweint. Ich erzähle das, weil sie die Generation sind, die in der DDR geboren und einen Großteil ihres Lebens da verbracht haben. Ich denke sie fühlen sich in den Zeilen ... verstanden.

Thomas Stolle: Viele Leute, die auch aus Bautzen oder der näheren Umgebung kommen, haben uns im Netz positive Reaktionen da gelassen. Wir werden am Wochenende wieder in Bautzen sein und in dem Jugendhaus "Steinhaus" mit Jugendlichen eine Gesprächsrunde über Musik, Songwriting und unseren Weg als Band sprechen. Vielleicht kriegen wir da ja auch Feedback. Darauf sind wir jedenfalls echt gespannt.

Wieso gibt es bis heute nur wenig ostdeutsche Künstler, die ihre Positionierung so öffentlich machen?

Kloß: Ich empfinde das eigentlich nicht so. Künstler wie Rammstein, Feine Sahne Fischfilet, Kraftklub und Marteria machen doch sehr klar, wo sie jeweils stehen.

Wir wollten uns mit dem Song nicht irgendwo einreihen, sondern unser ganz persönliches Verhältnis zu unserer Heimat thematisieren. Wir glauben, dass unsere Ambivalenz heute von vielen Menschen nicht nur dort geteilt wird. Wir wollten mit "Mein Osten" keine Parolen beisteuern, vielmehr liegt uns am Herzen, dafür zu sensibilisieren, dass auch Zwischentöne gehört werden.

Was macht es mit Ihnen, wenn Sie von Nazi-Demonstrationen in Bautzen hören, lesen oder diese im Fernsehen sehen?

Stolle: Du bist natürlich geschockt. Wenn plötzlich der Name der Stadt, in der du aufgewachsen bist, im Lauftext über deinen Fernseher wandert, rufst du erstmal zu Hause an, was da eigentlich los ist. Als das Husarenhof-Dach brannte, sind wir wenige Tage später in Bautzen aufgetreten. Und irgendwie zerreißt es dich. Einerseits den Hass und die Gewaltbereitschaft zu sehen – und andererseits zu begreifen, dass Bautzen gerade insgesamt als "braunes Nest" querverhaftet wird.

Wie erleben Sie Ihre Stadt denn, wenn Sie selbst dorthin zurückkehren?

Kloß: Wir kennen die Straßen. Ihre schönen Ecken, und die, wo wir unsere erste Liebe ins Geländer geritzt haben. Ich sehe sie immer noch mit meinen Jugendaugen und bin ihr dankbar, dass wir uns als Band da gefunden haben.

Aber bei einem Wochenendspaziergang, wenn man mal wieder zu Besuch ist, sieht man natürlich nicht unbedingt die Dinge, die vielleicht auch nicht so gut laufen. Wie in jeder Stadt. Als wir das Video zu "Mein Osten" gedreht haben, da habe ich diese Stadt das erste Mal aus dieser Perspektive gesehen und dachte mir: Ich hab dich einfach gern. Weil du zu mir gehörst. Das wird nie aufhören. Durch die Vorfälle der letzten Jahre hat die Stadt leider ein Stigma als "braune Hochburg" erhalten, das so in der Härte nicht stimmt. Und das sorgt für einen Unmut, den ich verstehe, denn es ist traurig für all die anderen, die dort in der Mehrzahl leben. Schon in unserer Jugend gab es leider Aufmärsche der NPD. Die NPD saß im sächsischen Landtag. So zu tun, als gäbe es das Thema nicht, wäre falsch. So zu tun, als wäre Bautzen eine einzige No-go-Nazi-Area aber auch.

Stolle: Gerade entwickeln sich übrigens hochinteressante Gesprächsformate: Zum Beispiel "Bautzen wir müssen reden". Das kann ein Weg sein. Gerade die erste Veranstaltung in der Maria-Martha-Kirche hat gezeigt, wieviel sich da angestaut hat, wie hart Fronten sind, wie sehr Prinzipienreiterei zwischen vermeintlich links und vermeintlich rechts betrieben wird. Aber ich halte es für wichtig, dass solche Räume geschaffen werden, in denen auch unbequeme Dinge ausgesprochen werden können, in denen zugehört werden muss, auch wenn mir selber das manchmal schwer fällt. Das ist in jüngster Vergangenheit vielleicht zu wenig passiert. Und ich meine nicht, denjenigen Zugeständnisse zu machen, die klar rassistisch-völkische Einstellungen haben, sondern denjenigen Raum zu geben, die sich abgehängt fühlen oder Ängste haben. Gefühlt oder real ist dabei erstmal egal. Es ist eine Emotion, die man nicht abtun sollte.

Hat sich das alltägliche Leben und der Umgang der Menschen miteinander in Bautzen in Ihren Augen verändert?

Stolle: Es wäre vermessen mir ein Urteil über den Alltag in Bautzen zu erlauben. Und zu der Frage des "Miteinanders" kann man glaube ich auch mit dem Blick auf Gesamtdeutschland antworten: Der Ton ist rauer geworden. Es gibt Schieflagen, die die Menschen auseinanderdriften lassen haben. Da hat sich ganz klar eine Menge Frust und Angst angestaut. Da sind Hemmungen am rechten Rand gesunken und gleichzeitig ist Wut auch in Hass umgeschlagen. Das macht mich unendlich traurig. Eine andere Beobachtung ist, dass bei vielen Menschen die Angst existiert, egal, was sie sagen, in eine Schublade gesteckt zu werden. Es hat sich auch das Gefühl bei vielen ausgebreitet, mit den eigenen Sorgen und Nöten einfach nicht gehört zu werden.

Sie schlagen eine Lösung vor: Kompromisse finden, miteinander sprechen. Wie geht man mit Menschen um, die sich abgehängt fühlen und sich in populistische Ideen retten?

Stolle: In erster Linie ist sozialer Frieden wichtig. Wir müssen zusammen dafür sorgen, dass möglichst viele optimistisch und zufrieden nach vorn schauen können. Die Welt im Wandel, Informationsflut, Abstiegsängste. All das sorgt offensichtlich bei vielen für Unbehagen und das kann ich nachvollziehen. Dass man sich politisch nicht wahrgenommen und nur verwaltet fühlt auch. Die Probleme einer komplexen Welt allerdings auf eine spezielle Gruppe zu schieben und diese zu verunglimpfen ist grundsätzlich falsch. Ein Anfang wäre vielleicht, den Menschen mit berechtigten Ängsten zuzuhören, ein zweiter Schritt müsste dann aber sein, sich von extremen Positionen glasklar abzugrenzen. Das gilt für mich für eine Partei wie die AfD, für die islamische Community, aber auch für die Linke. Ein dritter Schritt sollte sein, den Menschen, die sich in diesem Land demokratisch, ehrenamtlich, kirchlich oder in welcher Form auch immer engagieren, unentwegt den Rücken zu stärken. 

Was ist denn bisher das größte Hindernis – warum ist es so schwer, miteinander zu sprechen?

Kloß: Das ist eine gute Frage. Ich selber merke, wie schwer es mir manchmal fällt, eine stark andere Meinung auszuhalten. Vielleicht haben wir das ein Stück weit verlernt oder gar noch nie gekonnt. Demokratie ist anstrengend und zäh und trotzdem besser als alles andere. Wir sollten das "Streiten" an Schulen unterrichten. 

Die Songzeile "Risse gehen durch Familien und ein Riss geht auch durch mich" ist sehr berührend. Für welche konkreten Dinge steht dieser Riss? Haben Sie da persönliche Erfahrungen gemacht?

Kloß: "Risse gehen durch Familien" meint die angespannte Stimmung, die seit einigen Jahren an manchem Küchentisch herrscht, wenn es um Politik geht. Bei einigen Freunden von uns wird dieses Thema am Tisch bewusst ausgeklammert, damit die Stimmung nicht kippt. Und das ist doch traurig, dass man nicht mal innerhalb von vier geschützten Wänden reden und streiten kann ohne als links-versifft oder rechts zu gelten. Da lag in den letzten Jahren das ein oder andere Weihnachts- oder Geburtstagsessen schwer im Magen, würde ich sagen.

Stolle: "Und ein Riss geht auch durch mich ..." die Zeile geht noch weiter: "... denn ich weiß mit Mittelfingern lösen wir dieses Problem hier nicht..." Will meinen, wenn wir keine Schritte aufeinander zu machen und uns nur gegenseitig Mittelfinger zeigen, um auszudrücken, wie dumm der jeweils andere ist, wird das nicht für mehr Gemeinschaft sorgen. Es wird nötig sein, Meinungen, die weit weg von der eigenen sind, auszuhalten. Und es geht mir nicht darum, die gewaltbereiten Teile der Antifa oder einen Björn Höcke oder auch einen Anis Amri zu verharmlosen. Im Gegenteil! Da muss die Kante noch deutlich klarer und härter werden. Zwischen den Rändern der breiten Mitte liegt der Acker, den wir bestellen müssen. 

Gibt es die Identität des Ostdeutschen heute eigentlich noch? Und wofür steht sie und kann sie stehen?

Kloß: Auf jeden Fall gibt es die. Allein in der Generation unserer Eltern, logischerweise. Wenn du 25, 30 Jahre in der DDR gelebt hast, dort deinen Alltag, deine Lebensrealität hattest, dann hat dich das natürlich geprägt. Und dieses Leben war ja nicht per se schlecht. Das Regime schon, aber die Menschen haben sich trotzdem ihr Leben gesucht. Manchmal fühlt es sich so an, als wäre das Leben in der "Zone" nach der Wende auch nicht wirklich ernst genommen worden.

So nach dem Motto: Ihr habt da im Sozialismus gelebt, das war ja nix, hier guckt mal, wie das richtig geht. Dass das als überheblich interpretiert werden kann, ist nachvollziehbar. Wir sind die letzte Generation, die einerseits "klassisch ostdeutsch" groß geworden ist und gleichzeitig in den vollen Genuss der Freiheit gekommen ist, die die Wende mit sich brachte. Nur durch die Wiedervereinigung können wir die Band sein, die wir heute sind und ich persönlich mag das vereinte Deutschland sehr, mag den europäischen Gedanken und sehe mich dennoch auch irgendwie als "Ossi". Auf eine lockere Art, so wie sich vielleicht ein Ostfriese als Ostfriese sieht.

Stolle: Die "ostdeutsche Mentalität". Tja, was ist das? Ich tue mich schwer mit Pauschalisierungen, aber manchmal fühle ich, dass tief in der "Ossi-DNA" eine ganz eigene Art von Zusammenhalt und Bescheidenheit steckt. So wie das Leben damals eben war. Man hatte nicht viel, aber man hat sich gegenseitig geholfen, wo es nötig war. Kritisches Gespür für Veränderung, Wurzeln tief im Boden, gleichzeitig die Fähigkeit, Umstürze wegzustecken und eine "Ärmel hoch"-Mentalität, eine gewisse "Eliten-Skepsis". In gesundem Maß ist das auch nichts Schlechtes.

Welche Chancen sehen Sie in der heranwachsenden Generation, rechtspopulistischer Stimmung im Osten Einhalt zu gebieten oder nachhaltig etwas zu verändern?

Stolle: Die Chance, die ich sehe kann nur sein, dass man den Umgang miteinander und Werte, an die man glaubt, so vorlebt, dass sie erstrebenswert sind. Demokratie muss immer die beste Option sein. Guter Geschichtsunterricht hilft auch, denke ich.

Kloß: Für mich ist immer noch unverständlich, dass es Menschen gibt, die allen Ernstes den Holocaust leugnen und mit "es war nicht alles schlecht" um sich werfen. Ich glaub es hackt. Selbiges gilt im Übrigen auch für das Regime der DDR. Auch dort ist Aufarbeitung wichtig. Ich bin aber optimistisch. Wir erleben eben auch jeden Tag, dass in unserer Heimat unglaublich tolle Menschen leben.

Wie erleben Sie die Jugend in Bautzen?

Kloß: Mittlerweile sind wir ja auch weit weg von jugendlich, deswegen würde ich nicht sagen, dass ausgerechnet wir zwei Finger am Puls der ostdeutschen Jugend hätten, aber vor zwei Jahren gaben wir zum Beispiel zusammen mit dem Verein "Cultures Interactive" Musik-Workshops in der Oberschule im Gesundbrunnen. Da war die Stimmung so wie an anderen Schule wahrscheinlich auch. Junge Menschen, irgendwo zwischen "on fire" und "null Bock". Und natürlich spielte auch die Zuwanderung eine Rolle.

Stolle: In meinem Kurs saßen zum Beispiel vier jugendliche Syrer, die relativ neu im Klassenverbund waren, das Deutsch fiel noch etwas schwer, aber es ging. Es gab klare Grüppchenbildungen. Das würde man sich anders wünschen. Wir haben neben der Musik auch über das Stadtleben gesprochen. Alles in allem schien mir diese Generation offen, aber ja, es gab auch da schon zwei, drei mit klar rechtsextremen Einstellungen. Gerade im ländlichen Raum sind rechtsextreme Einstellungen unter Jugendlichen nicht wegzudiskutieren. 

Da sind Jugendangebote außerhalb der Schule wichtig. Zu unserer Zeit hatten wir zum Glück einige Anlaufpunkte, unter anderem das "TIK", wo wir uns auch als Band kennengelernt haben. Aktuell gibt es nach wie vor engagierte Menschen und Projekte, zum Beispiel das "Steinhaus". Wenn ich durch Bautzen gehe, dann sehe ich Eis essende Jugendliche, am Handy hängende Jugendliche, sich den ersten Kuss gebende Jugendliche, abhängende Jugendliche. Also ganz normal. In die Jugendzimmer kann ich natürlich nicht reingucken.

Silbermond: Stefanie Kloß